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«Markt mit 60 Millionen Spielern»

Zwei Oberländer auf Expansionskurs

Mit «Gotcourts» können Spieler von Tennis, Squash oder Badminton Plätze reservieren und Trainer suchen: Zwei Oberländer bestimmen die Geschicke des Online-Netzwerkes, das nach der Schweiz auch die Nachbarländer erobern will. Im Interview erzählen sie, welche Aufgaben beim Sprung aus dem Heimmarkt auf sie zukommen.

Jörg
Marquardt
Montag, 11. Juni 2018, 06:45 Uhr «Markt mit 60 Millionen Spielern»
Cedric Escher (links) aus Oberdürnten ist der CTO und Diego Seitz (rechts) aus Mönchaltorf ist der CEO von GotCourts mit Sitz in Zürich.
Sehen sich nur einmal im Monat: CTO Cedric Escher (links) leitet das Engineering von Gotcourts am Standort Bratislava, während CEO Diego Seitz die Geschäfte überwiegend von Zürich aus führt. (Foto: PD)

Mit einer Plattform, die Tennisspieler online vernetzt und ihnen einen Marktplatz für Platzreservierungen und Trainerbuchungen anbietet, hat Gotcourts Pionierarbeit geleistet. Kommt man da als CEO und CTO selber noch zum Tennisspielen?
Diego Seitz: Wir machen keinen 9-to-5-Job, insofern steht die Arbeit fürs Unternehmen klar im Vordergrund. Aber seit man auch Trainer auf unserer Plattform buchen kann, spiele ich öfters Tennis, um die Angebote auszuprobieren.
Cedric Escher: Ich habe lange Tennis gespielt und möchte unbedingt wieder anfangen. Das ist mehr eine Frage der Prioritäten, da ich in meiner Freizeit diverse andere Sportarten betreibe.
Wir führen das Gespräch in Ihrem Zürcher Büro. Sie sind per Skype aus Bratislava zugeschaltet, Herr Escher. Kürzlich waren Sie beide dort. Sind Sie beruflich meistens unterwegs?
Seitz: Ich bin in der Regel in Zürich. Cedric leitet das Engineering-Team in Bratislava. Einmal im Monat pendle ich hin und her.
Wie gross ist Ihr Team, Herr Escher?
Escher: Mit mir zusammen sind wir fünf. Ende Juni kommt ein sechster Mitarbeiter dazu. Unser Team wächst stetig.
Warum Bratislava?
Seitz: Das ist der Lebensmittelpunkt von Cedric. Dort finden wir die richtigen Leute mit dem richtigen Wissen, um unsere Plattform zu entwickeln.

Tennis sei einer der am schlechtesten digitalisierten Sportarten der Welt, sagen die Gotcourts-Chefs. (Symbolfoto: Pixabay)

Sie stammen beide aus dem Oberland.
Escher: Ich bin in Oberdürnten aufgewachsen.
Seitz: Und ich in Mönchaltorf. An der Kantonsschule Wetzikon sind Cedric und ich uns dann über den Weg gelaufen. Nach der Schule haben wir uns eine Weile aus den Augen verloren, Gotcourts brachte uns wieder zusammen (lacht.)
Im Verwaltungsrat sitzt mit Christian Mischler zudem ein Wernetshauser. Ist diese Oberland-Ballung ein Zufall?
Escher: Christian ist ein Freund von mir. Wir haben früher schon bei verschiedenen IT-Themen zusammengearbeitet. Er stand in engem Kontakt mit einem der Gründer von Gotcourts. Als sie einen neuen IT-Verantwortlichen suchten, hat er mich vorgeschlagen.
Seitz: Ich kenne Christian vom Studium an der Uni St. Gallen und davor von der Kantonsschule Wetzikon. Er hat mich ins Boot geholt.
Hilft es, sich von früher gut zu kennen?
Seitz: Es erleichtert die Kommunikation. Wenn das Grundvertrauen da ist, können Entscheidungen schneller gefällt werden. Auch Meinungsverschiedenheiten lassen sich besser umschiffen.

«Wenn das Grundvertrauen da ist, können Entscheidungen schneller gefällt werden.»

Diego Seitz, CEO Gotcourts

Sie gehören beide nicht zu den Gründern von Gotcourts. Wie haben Sie Ihren Start erlebt?
Seitz: Es ist eine Eigenart von Start-ups, dass man grundsätzlich keine Zeit hat. Ich musste sofort aktiv werden. Die Herausforderung besteht darin, eigene Akzente zu setzen, ohne alles Bestehende umzuwerfen. Meine erste Aufgabe war das Aufgleisen der nächsten Finanzierungsrunde, die wir kürzlich erfolgreich abgeschlossen haben.
Und bei Ihnen, Herr Escher?
Escher: Als ich anfing, befand sich das Engineering noch in Belgrad. Ich holte das Team dann nach Bratislava, weil ich an diesem Standort schon für eine Schweizer Firma gearbeitet hatte und gut vernetzt war.

Cedric Escher (links) und Diego Seitz kennen sich schon von der Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon (Foto: PD)

Wenn man Gotcourts mit einem Tennisspieler vergleicht, wie würden Sie ihn beschreiben?
Seitz: Als einen jüngeren Spieler, der noch nicht alles erreicht hat, was er erreichen will. Er spielt schon Interclub, ist diszipliniert im Training und hungrig nach Wachstum. Er hat erste Erfolge in der Tasche, insbesondere in seinem Heimmarkt Schweiz.
Und wo muss er besser werden?
Seitz: Bei internationalen Turnieren ist er noch unerfahren. Dort läuft nicht alles so wie daheim. Das macht Anpassungen erforderlich. Er muss ein anderes Schlagrepertoire auspacken, um gegen die Konkurrenz zu bestehen. Daran arbeiten wir mit unseren Partnern und Investoren.

«Gotcourts muss international ein anderes Schlagrepertoire auspacken.»

CEO Diego Seitz

Wie schwierig war und ist es, Anlagenbetreiber von einer Zusammenarbeit zu überzeugen?
Seitz: Man muss vorwegschicken, dass Tennis weltweit eine der am schlechtesten digitalisierten Sportarten ist. Bisher standen Spielern nur wenige Tools zur Verfügung, um ihren Sport auszuüben. Trotzdem brauchte es anfangs einige Überzeugungsarbeit, um Anlagenbetreiber zu gewinnen. Wir haben ihnen dann aufgezeigt, wie sie mit uns ihre Abläufe effizienter gestalten und ein besseres Kundenerlebnis erzielen können.
Inwiefern?
Seitz: Wenn man Plätze vorab buchen kann, gibt es keine vergebliche Anreise oder unnötige Wartezeiten. Dadurch, dass wir in der Klubszene gut vernetzt sind, konnten wir nach und nach mehr Kunden von unserem Angebot überzeugen. Heute sind von den 450’000 Tennisspielern in der Schweiz grosso modo 25 Prozent auf Gotcourts vereinigt. Das macht uns zum grössten Tennisnetzwerk und zu einer sehr attraktiven Plattform.
Unterscheidet sich das Nutzerverhalten zwischen Stadt und Land?
Seitz: Traditionellerweise sind auf dem Land eher kleinere Privatklubs daheim. Sie suchen in erster Linie eine Lösung für die eigenen Mitglieder. Die können wir ihnen auch bieten. Der Mehrwert von Gotcourts kommt aber am meisten im urbanen Umfeld zum Tragen. Dort gibt es für Spieler mehr Wahlmöglichkeiten. Wer im Sommer mit unserer Plattform einen Platz in seinem Klub bucht, kann im Winter mit uns einen passenden Hallenplatz woanders finden. Wer keinem Klub angehört, kann aus einer Vielzahl an Angeboten auswählen und alles auf derselben Plattform abwickeln.

«Traditionellerweise sind auf dem Land eher kleinere Privatklubs daheim.»

CEO Diego Seitz

Viele Klubs beklagen sinkende Mitgliedzahlen. Ist Gotcourts Teil des Problems oder Teil der Lösung?
Seitz: In vielen Fällen sind Mitgliedschaften eine hohe Hürde für die Spieler. Den Klubs, die mit uns zusammenarbeiten, steht es frei, die Platzreservierung ihren Mitgliedern vorzubehalten. Aber vielleicht haben sie noch Kapazitäten und wollen sich probeweise für Nicht-Mitglieder öffnen. Mit Gotcourts lernen sie neue Spieler kennen, die zu Mitgliedern werden könnten. Durch das einfache Buchungssystem gibt es mehr Aktivität auf der Anlage. Der Klub wird attraktiver, kann die bestehenden Mitglieder besser halten und neue anziehen. Diesen Effekt sehen wir klar bei unseren Klub-Kunden.

Vor Facebook als Konkurrenten fürchtet sich Diego Seitz nicht. Für das, was Gotcourts anbietet, gebe es kaum eine allgemeine Lösung. (Foto: PD)

In Zürich ist die Marktdurchdringung von Gotcourts schon ziemlich hoch. Haben Sie in der Schweiz die Grenzen des Wachstums bald erreicht?
Seitz: In Zürich sind wir tatsächlich schon sehr gut aufgestellt. Aber auch dort gäbe es noch den einen oder anderen Klub, mit dem wir uns eine Zusammenarbeit gut vorstellen könnten. Schweizweit ist die Sättigung aber längst nicht erreicht. Insgesamt gibt es etwa 1000 Anlagen. Davon sind bisher 240 auf Gotcourts vereinigt. Da ist also Luft nach oben. Es gibt immer noch eine grosse Zahl von Klubs, die Neuerungen gegenüber skeptisch eingestellt sind. Das kann man von den Spielern nicht sagen, unabhängig vom Alter.

«Es gibt immer noch eine grosse Zahl von Klubs, die Neuerungen gegenüber skeptisch sind.»

CEO Diego Seitz

Ende Mai haben Sie eine weitere Finanzierungsrunde abgeschlossen und 1 Million Franken frisches Kapital erhalten. Was haben Sie jetzt vor?
Seitz: Wir wollen aus unserem Heimmarkt hinausspringen. Dabei liegt der Fokus auf den deutschsprachigen Ländern. Wir testen bereits, wie wir am besten auf Anlagen, Klubs und Spieler zugehen und sie von Gotcourts überzeugen können. Dafür haben wir uns Verstärkung in Form von Marketing- und Vertriebsspezialisten geholt.
Sie nehmen vermutlich zuerst die Städte ins Visier, oder?
Seitz: Ja, denn dort können unsere User von Netzwerkeffekten profitieren. In einem geografisch begrenzten Bereich mit einer entsprechend hohen Zahl an Spielern, Plätzen und Trainern auf dem Markt ist die Interaktion intensiver. Daher wollen wir in den Zentren kleine Hubs aufbauen.
Was wird auf technischer Ebene passieren?
Escher: Zunächst müssen wir die Ressourcen an Manpower aufstocken, um das gewünschte Wachstum überhaupt bewältigen zu können. Die zweite Aufgabe besteht in der Verstärkung und Automatisierung der IT-Infrastruktur, damit unsere Nutzer nicht spüren, dass viele neue Leute dazukommen. Und drittens müssen wir nach Technologien Ausschau halten, die uns künftig nützlich sein könnten. Um auf das Bild vom Tennisspieler zurückzukommen: Den Service haben wir perfektioniert, jetzt müssen wir die Rück- und Vorhand verbessern.

«Wir müssen wir nach Technologien Ausschau halten, die uns künftig nützlich sein könnten.»

Cedric Escher, CTO Gotcourts

Planen Sie neue Features?
Seitz: Wir haben erst im letzten Jahr ein neues Wettkampfformat online umgesetzt. Es erlaubt den Spielern, Matches nach individuellen Bedürfnissen zu planen, die Spielresultate im System zu erfassen, und wir generieren daraus Ranglisten. Fast 30 Klubs führen mit diesem Format bereits ihre Klubmeisterschaften durch. Dieses Feature wollen wir künftig noch breiter ausrollen und für jedes beliebige Spiel und jeden beliebigen Racketsport anbieten.
International ist die Konkurrenz naturgemäss grösser. Fürchten Sie, dass Player wie Facebook mit All-inclusive-Lösungen ihnen Nutzer abwerben könnten?
Seitz: Facebook fürchten wir nicht. Was wir anbieten, ist so spezifisch auf Racketsports zugeschnitten, dass man dafür kaum eine allgemeine Lösung offerieren könnte. Die Software, die wir verwenden, ist inzwischen sehr leistungsfähig. Zudem bietet unser Netzwerk die Möglichkeit, das jeweilige Spielniveau eines Partners als Suchkriterium anzuwählen.

«Das Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft.»

CEO Diego Seitz

Eine solche Funktion könnte Facebook auch implementieren.
Seitz: Klar, aber wenn sie das für jeden Sport machen, würden sie sich verzetteln. Richtig ist: Die Ideen, die wir haben, haben andere auch. Das ist auch gut so. Offenbar gibt es ein Bedürfnis für unsere Dienstleistung. Wir reden von einem Markt mit weltweit 60 Millionen Spielern allein im Tennis. Das Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft.
Gotcourts soll weltweit zur ersten Anlaufstelle für Racketsport werden. Gibt es neben den strategischen und technischen Zielen weitere Visionen?
Escher: Unter dem Stichwort «Global, lokal» soll Gotcourts zu einem Tool werden, mit dem man überall auf der Welt einen Mitspieler finden und einen Platz buchen kann. Und für die fernere Zukunft wünsche ich mir, dass unsere Marke wie die der weltbekannten Sponsoren auf den Banden bei grossen Tennisturnieren stehen wird.

Weitere Informationen unter:
www.gotcourts.com

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