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Mit dem Zug von Winterthur nach Moskau

Erfahrungsbericht eines Winterthurers

Mit dem Zug von Winterthur nach Moskau

Um letztlich nach China zu gelangen, nahm Jonas Demmerle den Zug von Winterthur über die Ukraine nach Moskau. Ein kleines Abenteuer, wie er gleich selbst berichtet.

Redaktion
Züriost
Dienstag, 04. Dezember 2018, 16:08 Uhr Erfahrungsbericht eines Winterthurers

Der Winterthurer Jonas Demmerle berichtet auf «Züriost» unregelmässig über seine Reiseerlebnisse. Heute ist sein Ziel China. Hierfür nahm der 32-Jährige den Zug via Ukraine und Moskau. Was er dabei erlebte, erzählt er gleich selbst.

 

«Die Sonne ist kaum aufgegangen, als ich den Pendlerzug Richtung Zürich mit ein wenig mehr Gepäck als üblich besteige. Anstelle den Weg an die Uni oder ins Büro einzuschlagen, wartet hier der Direktzug der ÖBB nach Wien. Zwei Monate plane ich für den Weg bis in die zentralchinesische Stadt Xi’An, wo ich für ein Semster studieren werde. Drei Visas, rustikale Russischkenntnisse und vorgebuchte Tickets bis in die Slowakei müssen als Vorbereitung ausreichen.

Erste Verständigungsprobleme

Die Schweiz lässt man bereits nach einer guten Stunde hinter sich und fährt zügig einmal quer durch Österreich. Wien wird oft als Tor zum Osten bezeichnet. Zu recht, denn von hier fährt ein Nachtzug nach Kosice – die zweitgrösste Stadt der Slowakei. Im einzigen angehängten slowakischen Wagen (alle anderen gehen bis Prag) ist kaum ein Passagier auszumachen. Erste Verständigungsprobleme setzen ein, da die Zugbegleiterin nur slowakisch spricht. Kosice war 2013 Kulturhauptstadt und begeistert mit dem grössten Dom des Landes und einer charmanten Altstadt.

Im ukrainischen Zug nach Kiev

Ab Kosice fährt täglich ein Zug der ukrainischen Bahn nach Kiev. Tickets gibt es vor Ort. Die Fahrt dauert stolze 24 Stunden und kostet knapp 50 Franken im Dreierabteil. Die mit Teppichen ausgeschmückten Wagen und die kyrillische Schrift lassen einen wissen, dass es jetzt tiefer in den Osten geht.Die Stimmung ist angenehm. In den Gängen wird geplaudert, geraucht und Tee getrunken. Nach fünf Stunden fährt der Zug über die Grenze. Die ausschliesslich von Zöllnerinnen durchgeführte Kontrolle verläuft problemlos.

Warum die Fahrt derart lange dauert, wird im ukrainischen Grenzort Tschop klar. Mitten im Nigendwo und bei enormer Hitze werden hier zwischen Hunden und fahrradfahrenden Militärs die Radgestelle der Wagen ausgewechselt. Denn die Ukraine hat die russische Schienen-Norm der Spurweite. Dafür werden die Wagons samt Insassen mit einem alten Sowjet-Kran hoch angehoben, um danach in Handarbeit die neuen Laufwerke drunterzuschieben. Eine langwierige Prozedur!

Adieu EU

Stunden später geht die Reise weiter. Die EU hat man hinter sich gelassen. Kleine Dörfer mit vielen alten Ladas und unberührte Wälder dominieren das Bild. Die Nacht verläuft um einiges rumpliger als noch in der slowakischen Bahn.

Kiev präsentiert sich als lebendige, grüne und schöne europäische Stadt. Es ist kaum zu glauben, dass auf dem zentralen Majdan-Platz 2014 im Zuge der "ukrainischen Revolution" derart  viele Menschen massakriert wurden. Politik ist dauerpräsent. Ein Marktstand hat Putin-Toilettenpapier im
Angebot und nicht selten weht neben der Nationalflagge eine EU-Flagge. Die Stimmung ist hier grösstenteils anti-russisch.

Richtung Ostukraine

Die Reise geht weiter nach Charkiv, ca. 500 km östlich von Kiev und unweit der russischen Grenze. Kosten: 6 Franken. Beim Ticketkauf in Kiev sind Russischkenntnisse definitiv von Vorteil. Ab jetzt gibt es in den Zügen eine sehr günstige dritte Klasse ohne Kabinen. Die Betten sind offen im ganzen Wagen angebracht. Man kommt leicht mit den Menschen in Kontakt. Mitgebrachtes Essen wird stets geteilt und heisses Teewasser gibt es gratis.

Das Kriegsgebiet ist in Charkiv spürbar näher als noch in der Hauptstadt. Es sind viele (sehr junge) Soldaten auf den Strassen zu sehen und Kinder spielen auf im Zentrum ausgestellten Panzern. Anderseits herrscht im Städtchen mit den zwei Flüssen eine angenehme Atmosphäre: fröhliche Menschen, viele Blumenbeete und pompöse Gebäude stehen zur Krisensituation im krassen Kontrast.

Eine heikle Grenze

Seit dem Krieg in der Ostukraine wurden sämtliche Flüge zwischen Charkiv und Moskau eingestellt. Der Zug aber fährt noch. An der ukrainisch/russischen Grenze wird es etwas unbehaglich. Das ukrainische Grenzmilitär prüft russische Staatsbürger besonders hart und danach andersrum. Ein unnötiges Spiel, das von sämtlichen Insassen, ob Ukrainer oder Russen, belächelt wird. Generell verstehen sich die Reisenden bestens, man lacht über dieselben Situationen und spricht die gleiche Sprache. Schön zu sehen, dass zumindest in diesem Zug politische Hetze nicht auf Mitmenschen übertragen wird. Eine gewisse Erleichterung macht sich breit, als der Zug endlich Richtung Norden abfährt und sich alle schlafen legen können. Am nächsten Morgen  fährt der Zug in Europas grösster Stadt ein.

Die Reise mit dem Zug nach Moskau verlief abenteuerlich, aber problemlos und bot viele interessante Zwischenstopps. Alternativ und auf direkterem Weg kann Moskau auch von Berlin über Weissrussland angefahren werden. Noch bequemer war es bis 2013 möglich, als es noch eine Direktverbindung ab Basel gab.»

Erfahrungsbericht: Jonas Demmerle

Wie die Reise weitergeht, lesen Sie am Sonntag auf Züriost.


Fahrzeit insgesamt: ca. 63 Stunden
Zugkosten: ca. 230 CHF
Aufenthalt in Wien, Kosice, Kiev, Charkiv

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