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Gefragte Luxusprodukte

Und Prost – wieso jetzt der teure Champagner knapp wird

Die Welt der sehr Reichen und vor allem Superreichen feiert gerade Party. Krieg, Armut und Stromkrise? Geschenkt. Hauptsache es gibt genügend Alk. Aber bitte keine billige Plörre.

Redaktion
Tamedia
Mittwoch, 16. November 2022, 09:25 Uhr Gefragte Luxusprodukte
Etikett einer Flasche Dom Pérignon.
Dom Pérignon (rund 150 Franken) oder Krug (rund 190 Franken) könnten bald zur Neige gehen, warnt der Luxusmarkenkonzern LVMH.
Foto: Pixabay

Endlich kann man sich mal wieder so richtig was gönnen! Die Furcht vor der Pandemie rückt in den Hintergrund, vorbei die Beschränkungen beim Reisen und in Restaurants, Schluss mit der ständigen Testerei.

Also endlich wieder raus, das Leben feiern, die schönen Dinge geniessen, koste es, was es wolle. Luxuskonzerne übertreffen die Umsatzerwartungen, Ferrari hebt seine Gewinnaussichten an, Hermès verkauft trotz Preisanhebung viel mehr.

Und jetzt das: Philippe Schaus, bei LVMH für die Getränke zuständig, warnt im Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg, dass die Vorräte einiger Champagner-Marken zur Neige gehen. 

Wem das jetzt komisch vorkommt, wem beim Lesen immer nur Worte wie «Inflation» und «Krankenkassenprämien» in den Kopf kommen, dem sei gesagt: Es ist eine andere Welt, in der sich dieser Hedonismus derzeit austobt. Die Welt der sehr Reichen und vor allem Superreichen. Menschen also, denen es, salopp gesagt, alles egal ist.

Konsum als Rache an der Pandemie

Es ist ja auch nicht irgendein Champagner, der ausverkauft ist. Laut Philippe Schaus sind es die Top-Marken seines Konzerns, als da wären: Dom Pérignon (rund 150 Franken) oder Krug (rund 190 Franken). Allerweltsmarken wie Moët, den es für weniger als 40 Franken gibt, haben eher keine Lieferschwierigkeiten.

Zwar zeigt sich die Entkopplung der Superreichen in so ziemlich jeder Krise – diese hat jedoch eine für Luxushersteller angenehme Besonderheit: Weil sie in den Corona-Jahren doch so stark Verzicht geübt haben, fühlen sich Menschen, die es sich leisten können, nun moralisch berechtigt, ordentlich auf den Putz zu hauen.

Konsumforscher nennen das revenge shopping – Konsum als Rache an der Pandemie. Ganz anders als in der Wirtschaftskrise 2008/2009, als es vielen Reichen unziemlich schien, zu laut zu feiern. Wo es doch den armen Menschen so schlecht ging.

Immun gegen Wirtschaftskrisen sind Luxushersteller wie LVMH auch wegen einer Faustregel, die in diesem Segment gilt: 80 Prozent ihrer Kunden machen nur etwa 25 Prozent ihrer Umsätze aus. Das sind Kundinnen und Kunden, die genug Geld haben mögen für eine 10 000-Franken-Handtasche, die aber noch lange nicht superreich sind.

Schränken diese 80 Prozent sich in einer Krise ein bisschen ein, ist das nicht weiter schlimm. Denn worauf es wirklich ankommt, sind die oberen 20 Prozent der Luxus-Kunden, die drei Viertel der Umsätze bringen.

Tiffany mit hausgemachten Problemen

Einen Luxuskonzern gibt es übrigens doch, der derzeit leidet: Schmuckhersteller Tiffany hat mit rückläufigen Verkäufen zu kämpfen. Selber schuld, kann man da nur sagen, denn Tiffany hatte zuletzt verstärkt auf günstigeren Schmuck aus Silber gesetzt. Mit Gold und Edelsteinen wäre das nicht passiert.

Zum Schluss noch ein kleiner Trost für alle, die bei der grossen Champagner-Party nicht dabei sein können. Leonard Lauder vom Kosmetikunternehmen Estée Lauder stellte vor vielen Jahren die These vom «Lippenstift-Index» auf. Ihr zufolge kaufen die Menschen in Krisenzeiten, wenn sie sich den teuren Spass nicht mehr leisten können, einen günstigen, aber sichtbaren Luxus: den Lippenstift.

Zumindest in den USA scheint sich diese These mal wieder zu bestätigen. Die einen trinken also die Champagnervorräte leer, die anderen gönnen sich eine neue Lippenstiftfarbe. Die Welt ist also doch gerecht. Darauf ein Gläschen!

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