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Bildungsbeilage

«Manchmal merkt man gar nicht, wer in einem Team die Auszubildenden sind»

Der Ustermer Rolf Zaugg hat einst die Lehre zum Bankkaufmann abgeschlossen und ist heute Vorsitzender der Geschäftsleitung bei der Bank Avera. Ein Gespräch über veränderte Ausbildungsbedingungen, notwendige Weiterbildungen und Generationsunterschiede.

Sebastian
Schuler
Mittwoch, 31. August 2022, 10:00 Uhr Bildungsbeilage
Rolf Zaugg in Anzug und mit Bauhelm steht in einer Baugrube und hält eine Ansprache.
Rolf Zaugg bei der Grundsteinlegung des neuen Hauptsitzes der Bank Avera in Wetzikon.
Foto: Seraina Boner

Dieser Beitrag wurde in der Verlagsbeilage «Bildung» veröffentlicht, die am 31. September 2022 mit dem «Zürcher Oberländer» und dem «Anzeiger von Uster» erschienen ist.

Herr Zaugg, wann hatten Sie es bei der Arbeit strenger: als Lehrling oder als Geschäftsleiter?
Rolf Zaugg: Gefühlt war meine Arbeit immer stufengerecht streng. Die Lehre empfand ich als recht anspruchsvoll, aber auch spannend. In der Folge wurde ich auf jeder Stufe mehr gefordert, und mit der steigenden Verantwortung kam eine zusätzliche Form der Belastung hinzu. Hätte ich aber mein Leben lang einen Pulsmesser getragen, würde dieser vermutlich eine konstante Linie zeigen, die phasenweise auch mal in den anaeroben Bereich ausschlug.

Ihre Lehre zum Bankkaufmann begannen Sie 1978. Wieso entschieden Sie sich für diese Ausbildung?
Als ich die Lehre antrat, war ich bereits 17 Jahre alt, was relativ spät für einen Lehrbeginn ist. Denn eigentlich hatte ich einen anderen Berufswunsch. Ich wollte ursprünglich Lehrer werden. Das wollte aber nicht klappen, und als unmittelbar einzige Alternative bot sich mir damals eine Banklehre an. Im Nachhinein bereue ich es aber nicht, dass ich diesen Weg eingeschlagen habe.

Wie verlief Ihre Lehre zum Bankkaufmann?
Ich habe eine klassische dreijährige Berufslehre bei der damaligen Schweizerischen Kreditanstalt in Zürich absolviert. Die Ausbildung war sehr spannend und vielfältig. Denn zu dieser Zeit boten vor allem Grossbanken eine speziell gute Grundausbildung an. Dazu gehörten neben der standardisierten kaufmännischen Ausbildung auch interne Förderungs- und Entwicklungsprogramme oder externe Angebote in sportlichen oder musischen Disziplinen.

Welchen Stellenwert hatte damals die Lehre in einer Grossbank?
Das war eine Referenz, und das habe ich auch in der Berufsschule gemerkt, als ich mit den anderen Lernenden in Kontakt kam. Da bekam man den Eindruck, dass jene, die bei Grossbanken und Kantonalbanken eine Lehre machten, gute Karten hatten. Für mich hat es vor allem die Ausbildung erleichtert. Durch die starke Förderung bei der Arbeit musste man fast nichts mehr für die Schule lernen. Vieles wurde vom Arbeitgeber aufgefangen.

«Einmal ass ich während der Arbeit einen Apfel und wurde deshalb bis vor den Bankdirektor zitiert.»

Wie hat sich die bankkaufmännische Ausbildung in den letzten Jahren gewandelt?
Die Förderung ist heute noch breiter geworden. Was früher bloss die Grossbanken an Zusatzangeboten hatten, wurde in der Grundausbildung etabliert und institutionalisiert. Die Bildungsinhalte der Banklehre bieten, bezogen auf die Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft und das bankfachliche Handwerk, ein deutlich breiteres Angebot, das in der Ausbildung genutzt werden kann.

Hat sich auch der Umgang mit den Lernenden verändert?
Ja. Früher funktionierte die Ausbildung recht hierarchisch. Man hatte einen Lehrlingschef, und es war wenig Partizipation gefragt. Die sehr strengen Strukturen waren aber auch der damaligen Zeit geschuldet. Das merkte man auch beim Dresscode und beim Verhalten, das an die damals traditionelle Bankwelt nach «alter Schule» angepasst war. Einmal ass ich während der Arbeit einen Apfel und wurde deshalb bis vor den Bankdirektor zitiert, der mir sagte: Entweder bist du da, um zu arbeiten oder um Äpfel zu essen. Dasselbe wäre passiert, hätte ich meine Haare zu lang getragen oder wenn ich einmal ohne Krawatte erschienen wäre.

«Die Ausbildung hat sich der Zeit angepasst. Für die 15- oder 16-Jährigen ist es heute vermutlich angenehmer, sich in einer Ausbildung zu bewegen.»

Wie ist die Situation heute?
Heute ist man viel integrativer in der Ausbildung. Manchmal merkt man gar nicht, wer in einem Team die Auszubildenden sind. Auch inhaltlich werden bei den Lernenden ganz andere Kompetenzen gefördert. Besonders die Sozialkompetenzen, was damals überhaupt kein Thema war. Die Ausbildung hat sich der Zeit angepasst. So ist es für die 15- oder 16-Jährigen heute vermutlich angenehmer, sich in einer Ausbildung zu bewegen.

Hatten Sie als Lernender bereits das Ziel, einmal Geschäftsleiter einer Bank zu werden?
Nein. Ich erstellte mir keine Karriereplanung und setzte mir auch keine langfristigen Ziele. Aber ich hatte ein natürliches Interesse, immer noch ein wenig mehr zu investieren. Ich merkte ziemlich schnell, dass ich bei der Kreditanstalt anstehe und nicht den üblichen Weg zum Bankbeamten machen will. Ich schaute mich nach einem Job um, der nahe an der Bankenbranche ist, aber ein breiteres Spektrum umfasst. So wechselte ich in die Wirtschaftsprüfung. Das war meine zweite berufliche Etappe. Bei dieser habe ich vermutlich auch am stärksten profitiert.

Inwiefern?
Die Gesellschaft, bei der ich arbeitete, führte vor allem Bankenprüfungen durch. Als Wirtschaftsprüfer hatte ich so die Gelegenheit, auf verschiedenen Banken zu arbeiten, und erhielt dadurch einen Einblick in viele Betriebe. Ich sah, wie sie funktionieren, was für ein Betriebsmodell sie haben, und hatte Zugang zu den höchsten Managementstufen. Zudem eröffneten sich mir andere Optionen in der Weiterbildung, und ich konnte meine betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten stark vertiefen.

Rolf Zaugg, CEO der Bank Avera, sitz an einem Tisch und hat die Hände gefaltet.
Rolf Zaugg ist seit 2001 Vorsitzender der Geschäftsleitung der Bank Avera. (Foto: PD)

Wie ging es danach für Sie weiter?
Für mich war es damals ein spannendes Leben. Ich war viel unterwegs und lebte etwa einen Drittel vom Jahr in Hotels. Ich konnte die Tiefs und Hochs der Banken in der Schweiz hautnah miterleben. Irgendwann hatte ich aber genug von diesem Leben und wollte sesshaft werden. 1995 stiess ich eher zufällig auf die Sparkasse Zürcher Oberland, eine Vorgängerin der Bank Avera. Ich begleitete sie bei einer Fusion und wurde angefragt, ob ich für die Bank arbeiten wolle. Diesen Wechsel habe ich 1995 vollzogen.

Seit 2001 sind Sie Vorsitzender der Geschäftsleitung. Was gehört alles zu Ihren Aufgaben?
Meine Hauptaufgabe ist es, mit der Geschäftsleitung die strategischen Vorgaben und Massnahmen des Verwaltungsrats umzusetzen. Zudem leite ich den Bereich Corporate Center, der das Finanz- und Risikomanagement, das Personalwesen, das Marketing und die Kommunikation sowie die Unternehmensentwicklung umfasst. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist auch die Tätigkeit in regionalen, lokalen und branchenspezifischen Netzwerken und in verschiedenen Mandaten. Es ist ein breites Spektrum an Aufgaben, das man als CEO abdeckt.

«Die Chancen, es mit einer Banklehre ganz nach oben zu schaffen, sind aus meiner Sicht heute grösser denn je.»

Was braucht es aus Ihrer Sicht, um ein guter CEO zu sein?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein CEO dann eine gute Produktivität an den Tag legen kann, wenn das Umfeld stimmt. Also der Kreis der Geschäftsleitungskollegen, der direkt Unterstellten und des Verwaltungsrats. Wenn es in diesem Konstrukt zwischenmenschlich nicht funktioniert oder ein Umfeld herrscht, in dem einem kein genügendes Niveau an Vertrauen vorausgeschickt wird, dann wird es belastend, anstrengend und aufwendig. Das ist aber nicht nur beim CEO so, sondern überall im Unternehmen. Deshalb ist es für mich ein Anliegen, dass diese Komponente im Unternehmen funktioniert.

Die Bankenwelt ist stark im Wandel. Wie schaffen Sie es, immer auf dem neusten Stand zu bleiben?
Weiterbildungen sind heutzutage unabdingbar. Konnte man früher mit einer Ausbildung problemlos 30 Jahre lang arbeiten, ist das jetzt nicht mehr möglich. Mit fortschreitenden Technologien und der Marktentwicklung hat sich das stark verändert. Das hat mich auch motiviert, mit 40 Jahren auf dem zweiten Bildungsweg ein Nachdiplom- und ein EMBA-Studium zu absolvieren. Durch diese Entwicklungen bieten sich jungen Menschen aber auch viel mehr Ausbildungsangebote und berufliche Möglichkeiten. Die Chancen, es mit einer Banklehre ganz nach oben zu schaffen, sind aus meiner Sicht heute grösser denn je. Auch wenn im Selbstverständnis der heutigen Generation Erfolg im Beruf und eine gute Karriere nicht mehr als gleich erstrebenswert eingestuft werden, wie das bei uns üblich war. Hingegen wissen die jungen Menschen sehr genau, worauf es ankommt: neugierig zu bleiben, sich einzubringen und sich immer weiter zu qualifizieren – was für eine gute, vielseitige Bildung spricht.

Was unterscheidet die jetzige Generation von Ihrer?
Die Generationen Z und Y suchen in der unmittelbaren Aufgabe das Spannende. Und nicht in einer Zielsetzung, die 10 oder 15 Jahre entfernt liegt. Sie wollen ein Umfeld, das von der Balance wie auch von den beruflichen Inhalten perfekt passt. Es muss im Moment stimmen, und wenn das nicht der Fall ist, sucht man sich etwas anderes. Wir erlebten vermutlich noch mehr Phasen, wo man auf die Zähne beissen und etwas durchziehen musste. Welches System am Ende besser ist, das kann ich nicht beurteilen.

«Auch wenn die Weiterbildungszyklen intensiv sind – sie gehören dazu und es lohnt sich, darin zu investieren.»

Wenn Sie heute auf Ihren Bildungsweg zurückblicken, würden Sie im Nachhinein etwas anders machen?
Was ich gemacht habe, habe ich immer gerne gemacht. Ändern würde ich vielleicht den Zeitpunkt meines Ausbildungsprozesses. Ich habe gemerkt, dass Aus- und Weiterbildungen strenger werden, je älter man ist. Das hat mit dem Lebenszyklus des Menschen zu tun. Ich finde es besser, wenn man die intensiven Studien bereits vor dem 40. Lebensjahr machen kann. Aber rein von meiner Ausbildung und meinem Berufsweg her habe ich wenige Korrekturmassnahmen.

Was geben Sie jungen Menschen mit auf den Weg, die eine Lehre zur Bankkauffrau oder zum Bankkaufmann machen?
Als Erstes sicher eine Belobigung, dass sie eine Ausbildung in einer Bank machen. Die heutige Positionierung der Bankausbildung ist äusserst professionell und eröffnet derart viele Chancen, dass ich es unter den Disziplinen der kaufmännischen Ausbildungen als die wahrscheinlich beste anschaue. Die heutigen Kombinationsmöglichkeiten in der Ausbildung bieten ein gutes Fundament, um sich danach in der Breite weiterentwickeln zu können. Und auch wenn die Weiterbildungszyklen intensiv sind – sie gehören dazu, und es lohnt sich, darin zu investieren.