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Erfindung aus Wila

WC-Revolution nimmt wieder Fahrt auf

Der Gang aufs Klo wird dank Jojo Linder zu einem Beitrag für die Umwelt. Aus den Hinterlassenschaften in seinen Toilettenanlagen macht der Wilemer Humus. Das Marktpotenzial ist gross, aber es gibt ein Problem.

Jörg
Marquardt
Dienstag, 01. Juni 2021, 18:00 Uhr Erfindung aus Wila

Vor zwei Jahren wagte sich Jojo Linder buchstäblich in «Die Höhle der Löwen». In der bekannten TV-Sendung wollte der Wilemer Jungunternehmer die fünfköpfige Jury zur Investition in seine Firma «Kompotoi» motivieren – und so den Markt für mobile WCs revolutionieren. Anders als bei herkömmlichen Chemie-Klos landen die Hinterlassenschaften bei seinen mietbaren oder käuflichen Komposttoiletten in einem Auffangbehälter und werden dann zu Humus für die Schweizer Landwirtschaft aufbereitet.

Zwar konnte der 36-Jährige die Jury damals nicht von der Wirtschaftlichkeit seines Geschäftsmodells überzeugen und ging am Ende ohne Deal nach Hause. Trotzdem entwickelte sich 2019 zu einem Erfolgsjahr für Kompotoi. «Wir sind so gewachsen, wie von mir in der Sendung prognostiziert», sagt er. Was ihnen in die Hände gespielt habe, sei das seit Jahren steigende Interesse für Lösungen zur Kreislaufwirtschaft. «Mit unseren Toiletten treffen wir den Nerv der Zeit.»

Kundschaft aus Eventbranche

Von der Nachhaltigkeit dieses Trends sei auch ihr Seed-Investor überzeugt gewesen, der 2016 das Startkapital geliefert und bereits vor Ausstrahlung der TV-Sendung in eine zweite Finanzierungsrunde eingewilligt hatte. Laut Linder waren damals rund 60 Prozent ihrer Kundschaft Event-Dienstleister, die die Toiletten für Festivals und andere Veranstaltungen gemietet hätten. Die übrigen 40 Prozent entfielen auf Städte und Gemeinden.

Gutes Geschäft mit dem Geschäft

2012 gründete Jojo Linder zusammen mit Marcos Garcia Tomé den gemeinnützigen Verein «Kompotoi» in Wila. In der Pilotphase entwickelten sie Prototypen für mobile Humus-Toiletten. 2016 wurde aus dem Verein die gleichnamige Firma, die neben Toiletten auch Pissoirs und Handwaschbecken produziert. Bis Ende 2019 befanden sich die Ausstellungsräume und ein Teil der Administration in Wila, wo Linder bis heute lebt. Inzwischen ist die Firma vollständig nach Zürich gezügelt.
Zu den Abnehmern von Kompotoi gehören Privat- und Firmenkunden, aber auch Städte und Gemeinden. Der Service umfasst den Auf- und Abbau sowie die Reinigung der Toiletten. Bei der Rezyklierung arbeitet die Firma mit Partnern zusammen, die für die Kompostierung der Fäkalien bezahlt werden.
Zurzeit beschäftigt Kompotoi zehn Angestellte. Auslieferungen innerhalb der Schweiz werden von Basel, Bern, Martigny, St. Gallen, Thusis und Zürich aus gemacht. In Deutschland verfügt die Firma über drei Vertriebspartner. Weitere Partnerschaften im Ausland sind in Planung. jöm

Der Rückenwind im 2019 bescherte Kompotoi einen Umsatz von über einer Million Franken, wie Linder mitteilt. Für 2020 rechneten er und sein Geschäftspartner mit einem Wachstum um 100 Prozent. Aber dann machte ihnen die Corona-Pandemie einen Strich durch die Rechnung. Mit dem Veranstaltungsverbot fiel die Eventbranche als Hauptabnehmerin schlagartig aus und der Umsatz brach kurzfristig komplett ein. Städte und Gemeinden waren die einzigen, die weiterhin mobile WCs mieteten. «In diesem Segment konnten wir sogar zulegen, auch weil wir frühzeitig barrierefreie Modelle ins Programm genommen hatten», sagt Linder.

«Das war der Horror.»

Jojo Linder, Mitgründer und Co-Geschäftsführer Kompotoi

Trotzdem sei der Umsatz im letzten Jahr statt der geplanten 100 Prozent nur um zehn Prozent gewachsen. «Das war der Horror.» Denn für das erwartete Wachstum habe man ein Darlehen aufgenommen und wichtige Investitionen in Fahrzeuge und neue Toilettenanlagen getätigt. «Für das Darlehen mussten wir Zinsen zahlen, aber gleichzeitig konnten sich unsere Anschaffungen gar nicht amortisieren.» Zudem hätten sie Gelder aus der Vorauskasse für nicht zustande gekommene Projekte an Kunden zurückzahlen müssen.

2019 trat Jojo Linder mit seiner Geschäftsidee in der Sendung «Die Höhle der Löwen» auf, um Investoren zu finden.
Foto: PD/TV24

In der Pandemie verlagerte sich die Arbeit von Linder und seinem Team vom Wochenende auf die Werktage. Zuvor hätten sie donnerstags und freitags Toiletten geliefert und übers Wochenende unterhalten, um sie dann montags wieder abzuholen und dienstags zu reinigen. «Der Mittwoch war sonst fast ein freier Tag für uns, plötzlich hatten wir freie Wochenenden», sagt er. Die Auslastung sei 2020 deutlich schwächer ausgefallen. Statt zehn oder zwölf Stunden seien ihre Fahrzeuge, mit denen sie die Toiletten hin und her transportieren, nur noch vier Stunden im Einsatz gewesen.

«Grosse Welle» erwartet

Inzwischen merkt Linder, wie die Nachfrage nach ihren Toiletten allmählich anzieht. Im Zuge der Lockerungen würden viele Kunden Pop-up-Restaurants eröffnen und Toiletten für den Aussenbereich benötigen. «Da rollt eine grosse Welle auf uns zu», sagt er. «Eigentlich wäre jetzt die Zeit, Personal aufzubauen und neue Fahrzeuge anzuschaffen, um auf dieser Welle mitreiten zu können – aber dafür fehlt uns schlicht das Geld.» Die Verluste im letzten Jahr seien zu hoch gewesen, um derzeit grosse Sprünge zu machen.

«Ohne Corona hätten wir einen Teil des Wachstums aus eigenen Mitteln stemmen können.»

Jojo Linder, Mitgründer und Co-Geschäftsführer Kompotoi

Zudem seien sie immer noch ein kleines Unternehmen, wie Linder betont. Die hohe Sichtbarkeit, die ihre hölzernen Toilettenhäuschen mit dem markanten Herz-Loch in der Tür vor allem im Raum Zürich und in Graubünden geniessen würden, stünde bisher in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Marktmacht: «In der Schweiz gibt es über 22‘000 mobile Toiletten, und wir vermieten 400 Einheiten.» Den Winter hätten sie dazu genutzt, zusammen mit Partnerfirmen zahlreiche neue Toiletten in einer Halle im Thurgau zu bauen. Für 2021 sollten sie damit auskommen. «Für 2022 wird es aber nicht reichen.»

Um weiter wachsen zu können, seien sie vorerst auf weitere Investoren angewiesen. «Ohne Corona hätten wir einen Teil des Wachstums aus eigenen Mitteln stemmen können.» Trotzdem bleibt Linder zuversichtlich. Zum einen geht er davon aus, dass Kompotoi in diesem Jahr weit über das Umsatzniveau von 2019 kommen wird. Zum anderen sieht er allerorts Anzeichen für einen strukturellen Wandel hin zu mehr Kreislaufwirtschaft. Er verweist auf die Pestizid-Initiative, über die die Stimmbürger am 13. Juni abstimmen. Ihm zufolge könnten Düngemittel aus lokalen Materialien den Einsatz von importiertem Kunstdünger deutlich reduzieren. Dazu bräuchte es jedoch eine andere Subventionspolitik.

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