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Händler bangen um Kunden

Verfrühte Panik der Läden vor der Maskenpflicht

Die Maskenpflicht schrecke Kunden ab und führe zu Umsatzeinbussen, warnen Gewerbeverband und Detailhändler. Doch Erfahrungen aus der Westschweiz und aus Deutschland machen Hoffnung.

Redaktion
Züriost
Mittwoch, 26. August 2020, 08:15 Uhr Händler bangen um Kunden
Stoppt eine Maskenpflicht die Kauflust? In den meisten Westschweizer Geschäften nicht.
Foto: Keystone

Vor dem Kauf der neuen Schuhe oder der Sommerbluse muss ab Donnerstag im Kanton Zürich zuerst ein anderes Kleidungsstück angezogen werden – die Maske. Denn dann gilt in öffentlichen Räumen wie Supermärkten, Bekleidungsgeschäften oder Buchhandlungen die Maskenpflicht.

Nach Basel-Stadt setzt damit der zweite Deutschschweizer Kanton auf ein Obligatorium und verschärft die Schutzmassnahmen gegen die weiter steigenden Corona-Neuinfektionen.

Was für mehr Schutz und Sicherheit sorgen soll, verängstigt die Detailhändler. Das Maskenobligatorium könnte die Kunden aus den Läden fernhalten und die Einnahmen schmälern, befürchten sie. Die Mitglieder der Swiss Retail Federation, zu denen unter anderem Manor, Aldi, Lidl, Spar, Volg, Landi, Ikea, Valora und die Baumärkte Hornbach und Jumbo gehören, erwarten durch die Einführung der Maskenpflicht negative Konsequenzen.

Angst, Maskenpflicht werden den Abschwung verstärken

Vor allem der Modebereich, der durch den Lockdown bereits hart getroffen wurde, könnte weiter leiden, so die Sorge. Ein Drittel dieser Unternehmen habe im Juni und Juli gegenüber dem Vorjahr Umsatzrückgänge von bis zu 20 Prozent verzeichnet, einige sogar bis zu 50 Prozent, heisst es bei der Swiss Retail Federation. «Wir sind überzeugt, dass eine allgemeine Maskenpflicht diese Entwicklung verschärfen wird», sagt Geschäftsführerin Dagmar Jenni.

Bereits jetzt hätten die aktuellen Schutzmassnahmen im Modesegment negative Effekte. Die Kunden suchten weniger Beratung, probierten Waren seltener an und hätten die Lust am Einkaufen etwas verloren. Eine Maskenpflicht werde diese Entwicklung weiter vorantreiben.

Beim Schweizerischen Gewerbeverband teilt man diese Ansicht: «Im Kanton Jura und in Neuenburg gingen die Umsätze deswegen bereits zurück. Im Kanton Basel-Stadt waren bei der Einführung am Montag Ausweichbewegungen ins Baselbiet beobachtbar», sagt Direktor Hans Ulrich Bigler.

Gute Erfahrungen bei Migros und Coop

Doch trifft das zu? Um das festzustellen, bietet sich ein Blick nach Deutschland an, das die Maskenpflicht schon seit Monaten kennt. Dort verzeichnen die Händler deswegen keine Umsatzeinbussen. Das bestätigen Ikea, Hornbach und die Supermarktkette Rewe übereinstimmend.

Ähnlich ist das Bild in den Westschweizer Kantonen Genf, Waadt, Neuenburg und Jura. Sie haben bereits seit Juli Erfahrungen gesammelt mit der Maskenpflicht in Verkaufsgeschäften. Die meisten angefragten Firmen spüren in der Romandie keinen Rückgang bei Kunden und Umsatz. So etwa der Grossverteiler Migros. «Bei der Migros wird nicht weniger als vorher gekauft», sagt ein Sprecher – und zwar weder in den Super- noch in den Fachmärkten.

Angst, dass nun die Kundenzahlen in der Deutschschweiz in der Gastronomie und den Fachmärkten aufgrund der Maskenpflicht einbrechen könnte, besteht bei der Migros nicht. Aber das Unternehmen geht laut dem Sprecher auch nicht davon aus, «dass die Maskentragpflicht die Verweildauer erhöhen und Konsumfreude ankurbeln wird».

Auch Coop verzeichne in seinen Super- und Fachmärkten in Kantonen mit Maskenpflicht keine Einbussen, sagt eine Sprecherin. Ebenso seien die Kundenzahlen nicht rückläufig.

Manor spürt die Maskenpflicht

Die Nachfrage beim Baumarkt Hornbach ist ebenfalls ungebrochen. In den bisher betroffenen Filialen in Etoy und Villeneuve sei der Umsatz seit der Einführung der Maskenpflicht im Kanton Waadt stabil, sagt ein Sprecher.

Beim Warenhaus Manor zeigen die ersten Erfahrungen in der Westschweiz: Der Nicht-Lebensmittelbereich ist durch die Maskenpflicht mehr betroffen als der Lebensmittelbereich. «Die Masken drücken auf die Shoppinglust», sagt ein Sprecher.

Die Erfahrungen von Manor decken sich mit den Ergebnissen einer Umfrage der Swiss Retail Federation unter ihren Mitgliedern: Rückmeldungen von Unternehmen in Kantonen mit Maskenpflicht hätten Umsatz- und Frequenzeinbussen von 10 bis 30 Prozent ergeben, heisst es beim Verband.

Keine grossen Umsatzeinbrüche in Genf

Beim Genfer Handelsverband Fédération du Commerce Genevois weiss man jedoch nichts von Umsatzeinbrüchen auf breiter Ebene – weder bei den kleinen noch den grossen Läden. Vor allem im Lebensmittelhandel kämen die Kunden trotz Maskenpflicht weiterhin in gewohnter Zahl in die Läden. Einzig die Kleidereinkäufe seien durch das Maskentragen gebremst worden.

Doch nicht die Masken allein sind schuld: Auch die Sommerhitze habe ihren Beitrag geleistet. Zudem habe sich seit Beginn der Corona-Krise ein Grossteil der Einkäufe im Bekleidungssegment in den Onlinehandel verlagert.

Bereits vor Corona kämpfte die Kleiderbranche mit sinkenden Umsätzen. Die Pandemie verschärfte diese Entwicklung. Die Einflüsse sind vielfältig. Und dass Masken allein im direkten Zusammenhang mit sinkenden Einnahmen stehen, ist schwer auszumachen. (Maren Meyer)

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