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Oberländer Banken ziehen erstes Fazit

Wie ist die Kreditvergabe an KMU angelaufen?

Schnell und unbürokratisch sollen Firmen in der Coronakrise mit Liquidität versorgt und vor dem Konkurs gerettet werden. Auch drei Oberländer Banken gewähren seit einer Woche Überbrückungshilfen. Eine erste Bilanz.

Jörg
Marquardt
Donnerstag, 02. April 2020, 13:54 Uhr Oberländer Banken ziehen erstes Fazit

Eine Woche ist es her, dass die Banken den Geldhahn für Corona-gebeutelte Firmen geöffnet haben. Seither fliessen die Überbrückungskredite aus dem grössten Rettungspaket der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. 20 Milliarden Franken stellen Bund und Banken bereit, um Schweizer KMU vor dem Konkurs zu retten. Bis zu 500‘000 Franken können Firmen als zinsloses Darlehen bei ihrer Hausbank beantragen. Der Bund bürgt in diesen Fällen zu 100 Prozent.

«Schon nach wenigen Minuten kamen die ersten Anträge», erinnert sich Lars Studer an den frühen Morgen des 26. März. Er ist Vorsitzender der Bankleitung der Raiffeisenbank Zürcher Oberland in Uster. Ihm zufolge liegt die Zahl der Anträge bisher bei rund 120 (Stand Donnerstagmorgen). «Und es läuft kontinuierlich weiter.»

«Die Zahl liegt leicht über dem Niveau, das wir im Vorfeld geschätzt haben.»

Rolf Zaugg, Vorsitzender der Geschäftsleitung Bank Avera

Bei der Bank Avera, der grössten Regionalbank im Kanton Zürich mit Sitz in Wetzikon, sieht es ähnlich aus. Von einem «anhaltend hohen Niveau» spricht Rolf Zaugg, Vorsitzender der Geschäftsleitung. Gut 160 Anträge sind bisher eingegangen (Stand Donnerstagmorgen). «Die Zahl liegt leicht über dem Niveau, das wir im Vorfeld geschätzt haben.»

Die Bank BSU beobachtet dagegen einen leichten Rückgang: «Den Höhepunkt hatten wir am ersten Tag mit insgesamt 28 Anträgen, die wir allesamt bis 22 Uhr abwickeln konnten», sagt Direktor Peter Germann. Seither hat sich die Zahl der Kreditanträge pro Tag reduziert. Gemäss dem Stand von Mittwochabend wurden 68 Gesuche ausbezahlt.

Rolf Zaugg leitet die Bank Avera, die bisher Kredite in Höhe von insgesamt 12 Millionen Franken bewilligt hat.
PD

Noch keine Kredite über 500'000 Franken

Alle drei Banken haben bisher nur einfache Covid-19-Kredite gesprochen. Diese sind auf maximal 500‘000 Franken begrenzt. Weitergehende Kredite bis maximal 20 Millionen Franken (Covid-19-Kredite-Plus), die eine Bonitätsprüfung erfordern, wurden noch von keiner Firma erbeten.

«Insgesamt haben wir bisher rund 12 Millionen Franken bewilligt», sagt Zaugg von der Bank Avera. Das Spektrum sei aber gross. «Der kleinste Kredit liegt bei 2500 Franken, der höchste bei 460‘000 Franken.»

Bei der Bank BSU liegt der niedrigste Überbrückungskredit bisher bei 5000 Franken, der höchste bei 480‘000 Franken. Bei der Raiffeisenbank bewegt sich die Kreditsumme zwischen 5000 und 500‘000 Franken.

Häufung bei Gastronomie, Transport- und Autobranche

Die Gesuche kommen quer aus allen Branchen: «Wir haben Coiffeure, Treuhänder, Restaurants, Bauunternehmen und diverse andere Dienstleister», stellt Germann von der Bank BSU fest. Diesen Eindruck kann Studer von der Raiffeisenbank bestätigen. «In der Tendenz ist der Gastronomie-Bereich vielleicht etwas stärker vertreten», sagt er.

Bei der Bank Avera beobachtet man zudem eine gewisse Häufung von Firmen aus der Transport- und Autobranche.

Und noch etwas stellt die Wetziker Bank fest: 85 Prozent aller Anfragen kommt von Firmenkunden, die bisher keinen Kredit bei ihr aufgenommen hat. «Das lässt darauf schliessen, dass die Firmen vor der Coronakrise robust genug unterwegs waren, auch wenn sie vielleicht keine grossen Rücklagen bilden konnten», sagt Zaugg. «Damit erreicht das Programm diejenigen, für die es auch aufgelegt worden ist.»

Nicht alle Kredite müssen sofort gesprochen werden, sagt Lars Studer, Chef der Raiffeisenbank Zürcher Oberland. Deshalb priorisiere man die Anträge.
Archivfoto: Christian Merz

Bei der Abwicklung der Anträge zeigen sich Unterschiede zwischen den Banken. Die Raiffeisenbank Zürcher Oberland hat bisher rund zwei Drittel der 120 Anträge abgewickelt. «Wir hätten auch gleich alle in Angriff nehmen können, aber ein Grossteil der Kredite muss nicht sofort gesprochen werden. Daher priorisieren wir die dringlichsten Anträge», sagt Studer. Er betont aber, dass bisher alle Auszahlungen rechtzeitig auf den gewünschten Tag erfolgen konnten.

Das Versprechen von Ueli Maurer

Die anderen beiden Banken wickeln die meisten Anträge jeweils tagesaktuell ab, wie sie mitteilen. Dafür hat die Bank Avera ein dreistufiges Verfahren etabliert: Das erste Team prüft die Vollständigkeit der eingegangenen Anträge, das zweite die Einhaltung der Kriterien, das dritte verarbeitet die Anträge und löst die Zahlung aus. «Für jeden Schritt benötigen wir zehn bis 15 Minuten», sagt Zaugg.

Damit kommt die Bank dem Versprechen von Finanzminister Ueli Maurer schon recht nah, der den notleidenden Firmen Kredite innert 30 Minuten in Aussicht gestellt hatte.

«Inzwischen sind wir bei 20 Minuten pro Antrag, bis das Kapital auch auf dem Konto des Kunden verbucht ist.»

Peter Germann, Direktor Bank BSU

Bei der Raiffeisenbank könne man diese Durchlaufzeit so einhalten, wie Studer mitteilt. «Vorausgesetzt, dass die Anträge vollständig und einwandfrei sind und es keinen weiteren Abklärungsbedarf gibt.»

Die Mitarbeiter der Bank BSU haben anfangs etwas mehr als 30 Minuten für die Bearbeitung eines Kredits benötigt. «Aber da gab es eine Lernkurve», so Germann. «Inzwischen sind wir bei 20 Minuten pro Antrag, bis das Kapital auch auf dem Konto des Kunden verbucht ist.»

Insgesamt wendet die Bank 500 Stellenprozent für die Bearbeitung der Überbrückungshilfen auf. «Einige Mitarbeiter haben zuletzt bis 21 Uhr gearbeitet, um die Anträge tagfertig abzuwickeln.»

Überstunden und Sondereffort

Auch bei der Raiffeisenbank sind wegen der Notkredite einige Überstunden angefallen. «Die grosse Nachfrage erfordert einen Sondereffort von unseren Mitarbeitern. Aber bisher können wir den Bedarf mit den bestehenden Kapazitäten stemmen», sagt Studer.

Bei der Bank Avera geht man davon aus, dass die bisher abgestellten 10 bis 15 Mitarbeiter vorerst ausreichen. «Falls nötig, könnten wir kurzfristig die Kapazitäten erhöhen.»

Abgelehnen musste die Bank BSU einzelne Anträge bisher nur aus formalen Gründen, wie Direktor Peter Germann mitteilt.
PD

Kaum Ablehnungen

Die eingegangenen Anträge sind grossmehrheitlich bewilligt worden, wie alle drei Banken mitteilen. Avera-Chef Zaugg spricht von «99 Prozent».

Für die wenigen Ablehnungen nennt Germann von der Bank BSU formale Gründe, etwa falsch oder unzureichend ausgefüllte Anträge. «Die Online-Formulare waren teils missverständlich. Da hat der Bund zeitnah nachgebessert.»

«Wer zwei Millionen Franken im Jahr umsetzt, kann nicht den Maximalkredit von 500‘000 Franken verlangen.»

Lars Studer, Vorsitzender der Bankleitung Raiffeisenbank Zürcher Oberland

Bei der Raiffeisenbank führten hingegen allzu hohe Kreditforderungen in Einzelfällen zu einer Ablehnung, wie Studer erklärt. «Wir sind dazu angehalten, eine grobe Plausibilisierung durchzuführen.» So darf der Kredit zehn Prozent des Umsatzes nicht übersteigen. «Wer zwei Millionen Franken im Jahr umsetzt, kann nicht den Maximalkredit von 500‘000 Franken verlangen.»

Positives Fazit

Insgesamt fällt das Fazit nach einer Woche bei allen drei Banken weitgehend positiv aus. Zaugg von der Bank Avera bezeichnet das Kreditgesuchverfahren als ein «stringentes Instrument». «Dafür, dass der Bund nur zehn Tage Zeit hatte, das Prozedere zu entwickeln, funktioniert es erstaunlich gut.»

Seit Samstag müssen Firmen kein Formular mehr aus dem Internet herunterladen, sondern können ihr Gesuch in einem webbasierten Tool ausfüllen. «Damit ist sichergestellt, dass nur vollständig ausgefüllte Anträge eingereicht werden.»

Am ersten Tag der Kreditvergabe bildeten sich nur vereinzelt Schlangen vor den Banken wie hier vor der Ustermer Filiale der ZKB. Firmenkunden reichten ihre Anträge online ein.
Seraina Boner

Gemäss Zaugg sorgt der hohe Automatisierungsgrad für eine zügige Abwicklung. Dass eine Firma unerlaubterweise bei mehreren Banken einen Kredit bewilligt bekommt, hält er für ausgeschlossen. «Anhand der Identifikationsnummer ist nachvollziehbar, welches Unternehmen bereits eine Überbrückungshilfe bezogen hat. Dies wird von der unabhängigen Zentralstelle der Bürgschaftsorganisationen laufend geprüft. Der Bund muss dem Geld also nicht hinterherrennen.»

Einen Missbrauch kann Zaugg aber nicht gänzlich ausschliessen: «Schwarze Schafe gibt es immer.» Fakt ist: Klassische Bonitätsprüfungen, die auch allfällige Betreibungen und steuerliche Faktoren berücksichtigen, finden bei der Überbrückungshilfe nicht statt. «Das wäre auch nicht sinnvoll, weil der Prozess zu lange dauern würde.»

Kompromisse und Risiken

Stattdessen prüfen die Banken nur die vom Bund festgelegten Eckwerte. Studer von der Raiffeisenbank ist überzeugt, dass man trotzdem seriös arbeiten könne: «Groben Betrug müssten wir sehen.» Peter Germann von der Bank BSU ergänzt: «Wenn man die Wirtschaft rasch mit Liquidität versorgen will, muss man Kompromisse und kalkulierte Risiken eingehen.»

Umso wichtiger ist die Selbstdeklaration, die von den Firmen verlangt wird. «Darin verpflichten sie sich unter anderem, das Geld nicht für Neuinvestitionen zu verwenden, sondern für die Weiterführung der Unternehmung», so Germann.

Hoffen auf Normalisierung

Der BSU-Direktor geht davon aus, dass die Flut der Anträge ab kommender Woche etwas abflacht. Dann wäre das Niveau erreicht, dass sich schon vor dem 26. März – gemessen an den Anfragen von Interessenten – abgezeichnet habe. Lars Studer von der Raiffeisenbank Zürcher Oberland rechnet ebenfalls mit einem Rückgang.

Und bei der Bank Avera? Rolf Zaugg ist zurückhaltend mit Prognosen. Er verweist auf die Laufzeit des Programms für die Überbrückungshilfe. Es soll Ende Juli enden. Vorerst zumindest. «Der Bund ist jedenfalls davon ausgegangen, dass es bis zum Sommer eine Normalisierung gibt.»

Darauf hoffen nicht nur die Banken.

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