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Er möbliert die letzte Ruhe

Interview mit Lindauer Sargproduzent

Er möbliert die letzte Ruhe

Särge sind sein Leben: Urs Gerber gehört zu den grössten Sargproduzenten des Landes. Jedes vierte Modell stammt aus seiner Lindauer Fabrik. Ein Gespräch über Zeitdruck an Festtagen, ungewöhnliche Kundenwünsche und Konkurrenz aus dem Ausland.

Jörg
Marquardt
Freitag, 17. Januar 2020, 14:38 Uhr Interview mit Lindauer Sargproduzent

Ein wenig unbehaglich ist es schon, wenn man die fertigen Särge aus Tannen- oder Pappelholz in der Mon­tagehalle aufgereiht sieht. Beim Durchgang durch die Sargfabrik der Hans Gerber AG lassen der Maschinenlärm und die routinierte Betriebsamkeit der Mitarbeiter an der Fertigungsstrasse den Tod vergessen. Jährlich entstehen hier in Lindau laut Firmenaussage zirka 16'000 Särge. Bei gut 67'000 Todesfällen, die das Bundesamt für Statistik zuletzt für das Jahr 2018 ermittelt hat, stammt jeder vierte Sarg in der Schweiz aus Lindau.

Urs Gerber (51) führt das Geschäft in der zweiten Generation. Er ist gelernter Schreiner. Neben der Sargproduktion bieten er und sein Team im Kanton Zürich sämtliche Dienstleistungen rund um die Bestattung an.

Wer durch Ihre Fabrik geht, wähnt sich zunächst in einer normalen Schreinerei. Beun­ruhigt Sie der Anblick eines Sarges noch, oder ist er für Sie ein Alltagsprodukt wie ein Schrank oder Bett?
Urs Gerber: Als Schreiner spielt es für mich keine Rolle, zu was ich das Holz verarbeite. Erst bei der Montage kommt der Sarg hervor. Sein Anblick beunruhigt mich nicht. Ich bin in diesen Betrieb hineinge­boren, der Tod gehört zu meinem Alltag. Ich finde, der Sarg ist ein schönes Möbeli.

Verlangt Ihre Arbeit keine ­besondere Pietät?
Bei uns geht es genau so zu wie in jeder anderen Schreinerei. Nur ist unsere Produktpalette etwas einseitig. (Lacht.) Pietät kommt erst zum Zug, wenn wir als Bestatter auftreten. Dann dreht sich alles um den einzelnen Sarg für einen Verstorbenen. In der Fabrik fertigen wir ein Massenprodukt.

«Der eine will eine Palmenfräsung auf dem Deckel, der andere eine andere Ziernote oder gar keine.»

Urs Gerber, Geschäftsführer Hans Gerber AG

Für wen produzieren Sie die Särge?
Einen geringen Teil benötigen wir für uns selbst. Wir bestatten ja nur im Kanton Zürich. Der Grossteil geht an andere Bestatter in der ganzen Schweiz. Sie beziehen bei uns jeweils einen bestimmten Sargtypen-Stamm, also vier bis fünf Modelle. Die Grundform ist immer gleich, aber der eine will eine Palmenfräsung auf dem Deckel, der andere eine andere Ziernote oder gar keine. Auch bei den Griffen, Füssen oder beim Polster gibt es Unterschiede.

Sie sind beides: Sargproduzent und Bestatter. Ist das eine ­übliche Kombination?
Das ist eher die Ausnahme. Bestatter machen in der Regel nichts anderes. Zudem gibt es nur wenige Sargproduzenten. Wir gehören zu den drei grössten in der Schweiz. Einige wenige Bestatter betreiben nebenher eine kleine Schreinerei, um Särge für den Eigenbedarf herzustellen.

Als Bestatter müssen Sie innert 60 Minuten überall im Kanton zur Stelle sein, etwa bei Polizeifällen. Steht Ihre Fabrik auch so unter Zeitdruck?
Absolut. Unsere Produktion läuft zwar nicht rund um die Uhr, aber wir sind 24 Stunden erreichbar. Es kann passieren, dass wir am 25. Dezember um 20 Uhr einen ­Anruf bekommen, weil ein Bestatter dringend einen Sarg für einen 180 Kilogramm schweren Mann benötigt. So ein grosses Modell wird er kaum am Lager haben. Wir vielleicht schon. Dann kann er den Sarg abholen, oder wir bringen ihn vorbei. Ansonsten müssen wir ihn produzieren.

Wie schnell geht das?
Einen Standardsarg bauen wir in anderthalb Stunden. Wenn er eine Übergrösse haben und noch farbig gespritzt sein soll, sind wir einen ganzen Tag beschäftigt.

Gibt es Phasen, in denen Sie mehr Särge benötigen?
Grundsätzlich haben wir im Winter mehr Todesfälle als im Sommer. Kurze Spitzen beobachten wir nach starken Hitzeperioden mit anschliessendem Druckabfall. Leute mit schwachem Herzen sterben dann vielleicht zwei, drei Monate früher. Im dunklen, nebligen November und an Festtagen wie Weihnachten, Neujahr und Ostern nimmt die Suizidrate zu.

«Ein fertiger Sarg bleibt nur einen Tag bei uns.»

Urs Gerber, Hans Gerber AG

Was heisst das für die ­Produktion?
Wir sind so organisiert, dass wir immer genug Einzelteile am Lager haben, um die benötigten Särge schnell zusammenzubauen. Die Montage findet aber kurzfristig statt. Wir hätten gar nicht so viel Platz, um 400 Särge aufzubewahren. Ein fertiger Sarg bleibt nur einen Tag bei uns. Von den Schwankungen bei den Todesfällen ist die Gesamtproduktion kaum betroffen. Höchstens, dass sich das Lager für die Einzelteile schneller leert. Wenn es ruhiger ist, füllen wir es wieder auf.

Und in der Montage?
Dort spüren wir die Schwankungen unmittelbar. Es kann sein, dass wir am Vortag 40 Särge pro Tag produziert haben und in den folgenden drei Tagen 70 Särge pro Tag produzieren müssen. Dann bündeln wir die Ressourcen in der Werkstatt oder arbeiten länger.

In der Sargfabrik von Urs Gerber kommen schon seit etlichen Jahren Roboter zum Einsatz.
Fabio Meier

Wird Ihnen der zusätzliche Druck durch die Arbeit als ­Bestatter manchmal zu viel?
Es wäre schon einfacher, nur Bestattungsdienste anzubieten. Aber so wie wir aufgestellt sind, brauchen wir beides. Dabei hat die Sargfabrik ihre eigenen Herausforderungen. Wer wie wir ein ­Standardmöbel herstellt, muss mit hohem Preisdruck rechnen. Das unterscheidet uns von anderen Schweizer Schreinern. Deren Schwerpunkt liegt schon seit Langem auf Anpassungsarbeiten und Spezialanfertigungen. Standardmöbel überlassen sie IKEA. Unsere Särge könnte man dagegen auch in Polen, Bulgarien oder China fertigen.

Beherrschen ausländische ­Firmen zunehmend den Schweizer Markt?
Nein. 80 bis 90 Prozent der Särge kommen aus der Schweiz. In Deutschland liegt der Eigenanteil nur noch bei 20 Prozent, der Rest wird importiert, vor allem aus Südosteuropa.

Dann sind Sie ja in einer ­privilegierten Position. Woran liegt das?
Die Schweiz hat ein eigenes Sargmodell mit einer konischen Grundform. Für die Fabriken im Ausland würde sich der Zusatzaufwand gar nicht lohnen, weil unser Markt zu klein ist. Sie fertigen zwischen 70'000 und 100'000 Särge pro Jahr. Ihr Fokus liegt deshalb auf den grossen Ländern im EU-Raum, etwa Deutschland. Dort sind die Särge standardmässig höher, massiver und anders geschnitten.

Ihre Schreinerei produziert zirka 16'000 Särge pro Jahr. Jeder vierte Sarg in der Schweiz kommt aus Lindau. Haben Sie den Ehrgeiz, eines Tages jeden dritten zu produzieren?
Wir würden gern auch jeden zweiten Sarg machen. (Lacht.) Natürlich kämpfen wir um Marktan­teile, aber das ist schwierig. Wenn Bestatter mit einem Produzenten zufrieden sind, wechseln sie in der Regel nicht. Zudem ist der Markt begrenzt, man stirbt eben nicht zweimal.

«In anderen Kan­tonen ist der Markt frei. Dort muss sich der Bestatter praktisch für jeden Todesfall bewerben.»

Urs Gerber, Hans Gerber AG

Die Bestattungsbranche galt lange als krisenfest. Ist dem noch so?
Im Kanton Zürich sind wir in der glücklichen Lage, dass das Bestattungswesen über die Gemeinden läuft. Sie sind verpflichtet, die Bestattung zu organisieren, auszuführen und zu bezahlen. Zumindest den Standardsarg und die Standarddienstleistung. Wir haben mit verschiedenen Gemeinden ein Arbeitsverhältnis. Solange wir sauber und seriös arbeiten, gibt es genug Aufträge. In anderen Kan­tonen ist der Markt frei. Dort muss sich der Bestatter praktisch für jeden Todesfall bewerben.

80 Prozent der Toten werden heute kremiert. Braucht es da noch Särge im grossen Stil?
Ja, schon allein für den Transport.

Aber der Stellenwert eines Sargs ist längst nicht mehr so hoch wie früher.
Das stimmt. Man sieht ihn nur noch kurz, etwa bei einer Aufbahrung. Aber dann ist er offen, und die Aufmerksamkeit liegt auf dem Verstorbenen. Deshalb wählen die meisten Angehörigen ein einfaches Standardmodell. In den 1960er Jahren, als wir anfingen, wurden zum grössten Teil Erdbestattungen durchgeführt. Der Sarg war viel präsenter. Man sah, wie ihn die Träger in die Erde liessen. Damals hatten wir noch eine grössere Auswahl an Sargmodellen.

Bereitet Ihnen diese Entwicklung Sorgen?
Ein wenig schon. Die Branche veränderte sich in den letzten 20, 30 Jahren stetig. Wir haben uns darauf eingestellt. Gleichzeitig sind wir flexibel genug, um auch Spezialwünsche umzusetzen. Das gibt uns eine starke Position im Markt.

Manchmal wenden sich Angehörige mit ungewöhnlichen Wünschen an Gerber.
Fabio Meier

Wie wollen Sie Angehörige dazu bewegen, nicht nur den Standardsarg zu wählen?
Unter anderem durch Vorträge, die ich regelmässig mit Gemeinden, Spitex-Diensten oder Pfarrern durchführe. Wenn die Leute wissen, was wir alles anbieten, kommen Wünsche auf. So versuchen wir, den Absatz an besonderen Särgen auf dem jetzigen Niveau zu halten. Kürzlich bekam ich eine Anfrage von einer Familie: «Egal, was es kostet: Wir wollen den schönsten Sarg, und zwischen jedem Griff soll ein Herz eingraviert werden und am Fussende die Initialen.» Das haben wir dann gemacht.

Entwickeln Sie selbst neue Designs?
Ja, aber die Grundform aus unserem Haus bleibt immer gleich. Spielraum gibt es bei der Ober­fläche und Innenausstattung. Seit Kurzem bieten wir Särge mit einem Rosenblatt- oder Efeumuster auf dem Deckel an, das per Digitaldruck aufgetragen wird. Wir haben auch schon das Wappen des HC Davos auf einen Sarg gedruckt. Oder einen Töff. Dafür arbeiten wir mit einem Drucktechniker zusammen.

Es heisst, immer mehr ­Menschen wollen ihren Sarg selbst herstellen oder dabei mitwirken.
Davon spüre ich nur wenig. Einmal kam ein Mann mit Brettern aus seinem Lieblingsbaum zu uns. Er wollte, dass wir daraus die ­Särge für ihn und seine Frau fertigen. Gesagt, getan. Wir haben die Särge gut eingepackt und ins Lager gestellt. Dort blieben sie dann 15 Jahre. (Lächelt.)

Haben Sie seither ähnliche ­Anfragen erhalten?
Einmal im Jahr kommt es vor, dass jemand den Sarg selbst machen will. Dann fertigen wir ihm die Einzelteile zum Zusammenbauen. Viel öfter werden wir gefragt, ob man den Sarg bemalen darf. Dann liefern wir einen weissen oder hellen Sarg aus, den die Familie mit den Kindern gestalten kann.

Sie verarbeiten rund 1000 Kubikmeter Holz pro Jahr. Spüren Sie die Nachhaltigkeitsdebatten der letzten Jahre?
Auf jeden Fall, aber wir nehmen hier seit langer Zeit eine Vorreiterrolle ein. Früher behandelte man die Oberfläche von Särgen mit Kunstharz und Nitrolack. Die Giftstoffe sickerten dann in den Boden. Daher haben wir schon früh auf Wasserbasis umgestellt. Heute werden die meisten Särge nur noch farblos imprägniert oder mit einer Beize ohne Lack behandelt. Auch bei der Innenausstattung greifen wir auf ökologische Materialien zurück und verwenden Polster aus Baumwollstoffen.

Wie sieht es mit recyceltem Holz aus?
Das macht keinen Sinn. In den Wäldern, aus denen wir unser Holz beziehen, findet der Holzschlag eh statt. Die Förster haben Mühe, ihr Holz loszuwerden. Sie sind froh, wenn wir es ihnen abkaufen.

«Wir prüfen laufend, wie wir die ­Fabrik effizienter machen können.»

Urs Gerber, Hans Gerber AG

Ihre Produktion hat einen ­hohen Automatisierungsgrad. Schon seit 1994 setzen Sie dort Roboter ein. Wie wollen Sie mit dem technischen Fortschritt mithalten?
Wir prüfen laufend, wie wir die ­Fabrik effizienter machen können. Nicht nur in der Produktion, sondern auch beim Einkauf von Holz und anderem Material. Entscheidend ist, dass die Qualität top bleibt. Unsere Roboter nutzen wir bisher nur für die Montage der ­Särge. Man könnte sie auch zum Bestücken der Maschinenstrasse einsetzen. Aktuelle Pläne dafür gibt es aber nicht.

Viele Handwerksbetriebe ­beklagen einen Fachkräftemangel. Sie auch?
Gute gelernte Schreiner sind leider Mangelware. Insofern stehen wir vor dem gleichen Problem wie jede andere Schreinerei. Grundsätzlich finde ich aber immer genug Mitarbeiter. Wir haben auch einen Lehrling. Allerdings kann man bei uns nur die zweijährige Lehre absolvieren.

Haben Nachwuchskräfte eher Berührungsängste mit Ihren Produkten?
Nein, das ist kein Thema. Wir sind eine normale Schreinerei mit dem üblichen Lärm und Trubel.

«Sein Leben so einzurichten, dass man jederzeit bereit ist zu sterben.»

Urs Gerber darüber, was man von ihm lernen kann

Bei einem so unverkrampften Umgang mit dem Tod: Haben Sie sich schon einen Sarg für die eigene Bestattung ausgesucht?
Ich bin nicht jemand, der sagt: «Nur diesen Sarg bitte.» Meine Familie kennt mich und weiss, wie ich eingebettet werden will. Wichtig ist, dass man zu Lebzeiten mitteilt, wie die Bestattung ablaufen soll.

Was lernt man von einem ­Sargproduzenten fürs Leben?
Sein Leben so einzurichten, dass man jederzeit bereit ist zu sterben. Bei mir war es weniger so, dass die Arbeit meine Haltung zum Leben und zum Tod verändert hätte. Eher umgekehrt: Meine Haltung be­einflusst die Art und Weise, wie ich arbeite. Ich bin Christ und versuche, achtsam zu leben. Es geht mir darum, mein Verhältnis zu mir selbst, zu meinen Mitmenschen und zu Gott in Ordnung zu halten.

Sargproduzent und Bestatter

Die Hans Gerber AG in Lindau ist ein familiengeführter Bestattungsdienstleister und zugleich einer der drei grössten Sargproduzenten der Schweiz, wie der Schweizerische Verband der Bestattungsdienste (SVB) bestätigt.
Das Unternehmen wurde 1960 von Hans Gerber senior gegründet. Er entwarf das bis heute verwendete Standardsargmodell aus Tannenholz. Ab 1991 führte zunächst sein Sohn Hans Gerber ­junior die Geschäfte. Er sorgte für die Einrichtung des computergesteuerten Maschinenparks. Dabei kamen erstmals Roboter in einer Schweizer Sargfabrik zum Einsatz. Seither können dort bis zu 80 Särge am Tag gefertigt werden.
Ab 2015 übernahm Urs Gerber die Geschäfte von seinem Bruder. Der gelernte Schreiner und Bestatter leitet heute einen Betrieb mit insgesamt 25 Vollzeitstellen verteilt auf 30 Mitarbeiter. Davon sind zwei Drittel in der Sargfabrik tätig. jöm

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