×

Das Problem mit dem Schlaf

Interview mit einem Wetziker Schlafmediziner

Das Problem mit dem Schlaf

Die moderne Arbeitswelt hat den Schlaf massiv verändert. Schlafmediziner René Fiechter vom GZO Spital in Wetzikon erzählt im Interview, wie Nachtschichten und flackernde Bildschirme unseren Schlafrhythmus durcheinandebringen, warum Medikamente nur kurzfristig helfen und was man für einen gesunden Schlaf tun sollte.

Eduard
Gautschi
Samstag, 27. April 2019, 08:53 Uhr Interview mit einem Wetziker Schlafmediziner
Ein Schlafmediziner, der von Berufs wegen auch Nachtschichten einlegen muss: René Fiechter leitet die Pneumologie am GZO Spital.
Seraina Boner

Haben Sie gut geschlafen letzte Nacht?
René Fiechter: Nein. Ich habe kein Auge zugetan, weil ich eine Nachtschicht im Spital absolviert habe und arbeiten musste. Auch im  Schlafzentrum gehört Nachtarbeit dazu, wir haben das Schlafzentrum 24 Stunden im Tag während vier Tagen pro Woche geöffnet im Drei-Schichtensystem.

Wie definiert man eine Schlafstörung?
Es gibt international anerkannte Normen für diese Definition. Ich bin alarmiert, wenn mir der Patient sagt: «Ich bin nicht erholt am Morgen.» Oder: «Ich habe in vier von sieben Nächten komisch geschlafen.» Das genügt schon. Das ist für mich ein Hinweis auf eine Schlafstörung. Mehr finden wir dann mittels Anamnese, spezifische Fragebögen und in Gesprächen heraus.

Was kommt dabei zu Tage?
Verschiedenes. Es gibt Patienten, die schrecken mitten in der Nacht auf, andere können nicht schlafen und wandern unruhig herum. Zeichen von Schlafstörungen sind aber auch Zähneknirschen, Bettnässen, Reden im Schlaf oder wildes Herumschlagen mit den Armen. Hinzu kommen klassische Erkrankungen wie Schnarchen und Schlafapnoe, also schlafbezogene Atemstörungen. Gemeinsamer Nenner ist: Die Patienten schlafen nicht gut. Sie alle brauchen Hilfe, denn ihre Gesundheit ist gefährdet und ihre Leistungsfähigkeit eingeschränkt.

Zur Person:

René Fiechter (48) ist seit 2014 ist ärztlicher Leiter Pneumologie der GZO Partner AG und ambulante Medizin in Wetzikon. 1996 legte er sein Staatsexamen an der Universität Zürich ab und arbeitete in den folgenden Jahren bis 2003 als Assistenzarzt in verschiedenen Kantonspitälern im Kanton Aargau und in Basel. 2001 promovierte er zum Dr. med. Ab 2003 arbeitet er als Pneumologe. Pneumologie (Lungenheilkunde) ist ein Teilgebiet der Inneren Medizin. Fiechter ist aber auch Facharzt für Somnologie (Lehre vom Schlaf). Dazu gehören sowohl die Schlafforschung wie auch die Schlafmedizin. Nachdem er als Oberarzt Pneumologie/Somnologie bis 2010 in der Klinik Barmelweid im Kanton Aargau gearbeitet hatte, kam er 2010 nach Wetzikon, wo er den Aufbau des Schlaflabors und der dazugehörigen Abteilungen leitete.

Gibt es berufsspezifische Schlafstörungen?
Natürlich. Zum Beispiel bei denen, die im Spital arbeiten (lacht). Vereinfacht ausgedrückt kann man sagen: Gefährdet sind alle, die Schichtarbeit leisten. Aber auch Personen, die viel in der Welt herumreisen. Leute, die auf Abruf arbeiten und deshalb immer etwas gestresst sind. Belastender Stress und Ärger tragen generell nicht zu einem guten Schlaf bei. Auch Personen mit sehr langen Arbeitszeiten am Stück oder andauernder Nachtschicht sind gefährdet.

Was kann man dagegen tun?
Im Bereich Nacht- und Schichtarbeit ist es wichtig, dass die Schichten vernünftig eingeteilt werden, sonst leidet die Schlafstruktur. Es gibt Modelle, wie Arbeitszeiten vernünftig festgelegt werden sollten. Richtig angewendet funktioniert das ganz gut.

«Vernünftig gestaltete Arbeitspläne haben sich bei den Chauffeuren in der Kranken- und Unfallstatistik positiv niedergeschlagen.»

René Fiechter, Facharzt für Somnologie am GZO Spital Wetzikon

Frühaufsteher, sogenannte Lerchen, sollten früher am Morgen arbeiten können als Siebenschläfer, die man auch als Eulen bezeichnet?
Studien bei Buschauffeuren haben genau dies bestätigt. Vernünftig gestaltete Arbeitspläne haben sich bei den Chauffeuren in der Kranken- und Unfallstatistik positiv niedergeschlagen. Die Gefahr eines Sekundenschlafes ist bei Chauffeuren bis zu zehnmal höher, wenn sie eine Schlafstörung haben. Frühaufsteher sollten nicht bis Mitternacht arbeiten. Das sollte man den Eulen überlassen.

Bei Schlafstörungen und Schlafmangel wird die Fahrtüchtigkeit eingeschränkt. Ist das Nachweis- und Messbar?
Ja, mit dem Multiplen Wachhalte-Test. Dabei sitzt der Patient in einem abgedunkelten Raum in Ruhe 40 Minuten lang auf einem normierten Stuhl, überwacht von einer Kamera, und darf nicht einschlafen. Der Test wird im Laufe des Tages mehrmals wiederholt. Bei Buschauffeuren oder Lokführern sind die Kriterien zum Bestehen des Tests anders definiert als bei privaten Autofahrern. Bei Piloten sind sie logischerweise noch strenger. Wird der Tests nicht erfüllt, drohen wegen der Gefahr eines Sekundenschlafs Massnahmen. In der Regel sind sie zeitlich beschränkt bis zur Beseitigung der Schlafstörung und dem Bestehen des Tests.

«Die Schlafdauer in der Schweiz hat etwas abgenommen.»

René Fiechter, Facharzt für Somnologie

Wenig Schlaf zu brauchen wird manchmal auch als Leistungsausweis deklariert. Bei Entscheidungsträgern in der Wirtschaft ist das schon fast üblich.
Dem ist so. Es gibt aber auch eine Norm für die Dauer des Schlafes. In einer kürzlich publizierten Studie wurde die Schlafdauer in der Schweiz mit acht Stunden angegeben. Verglichen mit einer Studie, die vor 25 Jahren durchgeführt wurde, hat die Schlafdauer etwas abgenommen.

Es gibt auch Menschen, die mit vier Stunden Schlaf pro Nacht auskommen, sagt Schlafexperte René Fiechter. Das ist aber die Ausnahme.
Seraina Boner

Brauchen alle Menschen gleich viel Schlaf?
Nein. Es gibt tatsächlich sogenannten Kurzschläfer. Und natürlich auch das Gegenteil, die Langschläfer, die brauchen eher zehn als acht Stunden Schlaf. Ich hatte kürzlich eine Patientin, die nur vier Stunden pro Nacht schläft, sich aber komplett erholt fühlt – obwohl ihr das ihre Umgebung nicht richtig glauben will. Gemäss ihren Schlafzyklen, die absolut in Ordnung sind, müssen wir davon ausgehen, dass sie mit vier Stunden Schlaf auskommt und sich ausreichend erholen kann. Das gilt für viele andere auch, die mit wenig Schlaf auskommen. Diesen Patienten sage ich, dass sie zwar nicht der Norm entsprechen, aber trotzdem ganz normal sind.

«Mann und Frau passen natürlich besser zusammen, wenn sie ähnliche Schlafzyklen haben.»

René Fiechter, Facharzt für Somnologie

Verändern sich die Schlafzyklen im Laufe des Lebens?
Ja. Kinder und Greise schlafen nicht gleich lang und ihre Schlafzyklen sind nicht identisch. Non-Rem- und Tiefschlafphasen wie auch die Einschlafmerkmale und Wachzeiten in der Nacht ändern sich.  Es ändert sich also auch bezüglich Schlaf einiges im Leben. Nebenbei bemerkt: Mann und Frau passen natürlich besser zusammen, wenn sie ähnliche Schlafzyklen haben. Wenn der eine zur Kategorie
«Eule» gehört und nie vor Mitternacht ins Bett geht und am Morgen lieber spät aufsteht und der Andere zu den «Lerchen» gehört, früh ins Bett geht und auch früh aufsteht, könnte das längerfristig zu einem Problem werden in einer Beziehung.

Immer mehr junge Menschen leiden an sozialen Jetlag, stellt René Fiechter fest. Sie sitzen zu lange vor den Bildschirmen und bekommen Schlafprobleme.
Seraina Boner

Spielt es eine Rolle, wann man schläft, also vor oder eher nach Mitternacht?
Was man dazu alles hört, gehört ins Kapitel
«Ammenmärchen». Es gibt verschiedene Schlafstrukturen. Es gibt Menschen, die mehrmals am Tag kurze Schlafperioden, sogenannte Powernaps, einlegen und damit auf ihre benötigten Schlafstunden kommen. Lerchen und Eulen schlafen beide genug. Aber aus einer Lerche wird keine Eule und aus einer Eule keine Lerche. Früh zu Bett gehen und früh aufstehen ist das Ursprüngliche, bedingt durch das Schlafhormon Melatonin, dessen Produktion im Hirn durch Licht gehemmt wird. Da früher künstliche Lichtquellen fehlten, war das Leben viel stärker durch das Tageslicht geprägt. Man ging, wie man so schön sagt, mit den Hühnern ins Bett.

Nun ist Licht im Überfluss da. Führt das vermehrt zu Schlafstörungen?
Leider ja. Wir haben vor allem immer mehr junge schlafgestörte Patienten. Ursache dafür ist meistens der Computer oder das Handy. Bis in alle Nacht sitzen sie vor den Bildschirmen und gamen oder chatten. In China ist die Mehrheit der Schlafgestörten unter 40 Jahre alt. Bei uns sind es immer noch die über 60-Jährigen.

«Sie sitzen bis weit nach Mitternacht vor dem Bildschirm und haben grosse Mühe, am Morgen aufzustehen.»

René Fiechter, Facharzt für Somnologie

Wie drückt sich die Schlafstörung bei jungen Patienten aus?
Da sie jederzeit abkömmlich sind und sich stundenlang nachts dem Licht des Computerbildschirms aussetzen, entwickelt sich ein sozialer Jetlag. Sie leiden an einer Störung, wie sie sonst eigentlich nur bei Personen vorkommt, die andauernd in der Welt herumjetten und von einer Zeitzone zur andern unterwegs sind, ohne dass sich der Körper darauf einstellen kann. In solchen Fällen gerät der Schlafrhythmus komplett durcheinander.

Über kurz oder lang landen sie dann bei Ihnen in der Praxis?
Ja, und leider werden es immer mehr. Sie sitzen bis weit nach Mitternacht vor dem Bildschirm und haben grosse Mühe, am Morgen aufzustehen. Das drückt sich natürlich auch auf ihre Leistungsfähigkeit aus, dem Chef wird das nicht entgehen und er wird reklamieren, was zusätzlichen Stress mit sich bringt.

Medikamente können den Schlafrhythmus zerstören, warnt René Fiechter.
Seraina Boner

Wie würden Sie den normalen Schlaf beschreiben?
Man geht abends ins Bett, schläft nach kurzer Zeit ein und erwacht am Morgen wieder, nachdem man nachts vielleicht zweimal kurz aufgewacht und wieder eingeschlafen ist. Wichtig ist, dass man sich darüber keine Gedanken macht, wenn man eine Nacht schlecht geschlafen hat. Das kann nämlich vorkommen. Je mehr Gedanken man sich über eine schlechte Nacht macht, umso schwieriger wird es, wieder normal zu schlafen. Man tut sich keinen Gefallen, wenn man anfängt, jede Nacht zu analysieren und womöglich noch aufzuschreiben, wie schlecht man geschlafen hat.

Beginnt damit ein Teufelskreis?
Ja. Man beginnt zu denken:
«Heute muss ich aber gut schlafen, damit ich morgen fit bin im Geschäft. Was, wenn ich wieder nicht gut schlafe und mein Chef merkt, dass ich müde bin?» Solche Gedanken sind dann möglicherweise die Ursache für die nächste schlaflose Nacht. Schlafen soll etwas Natürliches sein. Wenn es einmal nicht klappt, was soll's? Die nächste Nacht und somit die nächste Chance auf einen tiefen Schlaf kommt bestimmt.

«Das beste Schlafmittel ist eines, das man nicht braucht.»

René Fiechter, Facharzt für Somnologie

Schläft man schlecht, greift man zu Schlafmitteln.
Leider ist das so. Wenn man an Schlafstörungen leidet, geht man zum Hausarzt, er verschreibt ein Medikament und dann kann man wieder schlafen. Vielleicht nicht für sehr lange, aber es gibt ja noch verschiedene andere Medikamente. Nachdem man sie die dann jahrelang geschluckt und ausprobiert hat, landet man bei uns in der Sprechstunde.

Was geschieht dann?
Dann beginnt ein schwieriger Prozess. Da die Patienten neben den Schlaftabletten meist noch ein wildes Sammelsurium von anderen Medikamenten zu sich nehmen, analysieren wir den Medikamentenmix sowie die Schlafgewohnheiten. Von einer Schlafstruktur ist oft nicht mehr viel vorhanden. Gewisse Medikamente halten den Patienten künstlich wach, andere dämpfen ihn. Wir versuchen, den Medikamentenmix zu entrümpeln, was für den Patienten ziemlich schlimm sein kann. Aber: Wenn ein Medikament nichts nützt und nicht angebracht ist, soll man es auch nicht einnehmen. Der Patient muss entgiftet werden, was nicht einfach ist. Dann versuchen wir, dem Schlaf wieder einen Rhythmus zu geben. Dabei werden im Notfall für kurze Zeit wieder Medikamente verabreicht. Aber: Das beste Schlafmittel ist eines, das man nicht braucht.

Für alle, die unter durchwachten Nächten leiden: Was kann man tun, damit man gut schläft?
Erstens: Nicht darüber nachdenken. Zweitens: Ins Bett gehen, wenn man müde ist. Drittens: Versuchen, ritualisiert zu schlafen, also immer etwa zur gleichen Zeit ins Bett zu gehen.

Schlafzentrum GZO:

Die Schlafmedizin am GZO Spital Wetzikon hilft und unterstützt Patienten dabei, die Ursachen für ihren gestörten Schlaf zu finden und zu behandeln.

Das Team des  Schlafzentrums umfasst  zehn Mitarbeiter. Es besteht aus einem Schlafmediziner (Somnologen), einem Lungenspezialisten (Pneumologen), einem Spezialisten für Nervenerkrankungen (Neurologe) und einem Psychiater sowie aus Fachfrauen für neurophysiologische Diagnostik, Pflegefachfrauen und Technikerinnen. Im Schlafzentrum, welches 2011 in Betrieb genommen wurde, stehen vier Zimmer für Schlaf/ Tagesuntersuchungen und ein Therapiezimmer für Maltherapie zur Verfügung. Dies entspricht den Anforderungen der Schweizerischen Gesellschaft  für Schlafmedizin, Schlafforschung und Chronobiologie.

Weitere Informationen hier.

Kommentar schreiben

Kommentar senden