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Aathaler Urinale haben einen Lauf

Weltweit in den Medien

Aathaler Urinale haben einen Lauf

Die Firma Swiss Invent mit Sitz in Aathal hat eine Marktlücke entdeckt: Pissoir-Bildschirme. Ein neuer Auftrag für Real Madrid führte zu einem Missverständnis – und zu internationalen Schlagzeilen.

Redaktion
Züriost
Freitag, 23. November 2018, 13:29 Uhr Weltweit in den Medien

Wer kennt das nicht: Während eines Fussballspiels im Stadion muss man auf die Toilette und verpasst prompt ein Tor? – Solch ein ärgerliches Erlebnis könnte bald der Vergangenheit angehören.

So oder so ähnlich lautete die Meldung, die Anfang November weltweit in den Medien kursierte. Real Madrid, hiess es dann jeweils weiter, teste nämlich Pissoir-Bildschirme einer Schweizer Firma, auf denen das Match live übertragen werde.
Leider ist die Meldung so nicht korrekt. Denn auf den Bildschirmen wird ausschliesslich Werbung gezeigt. Was jedoch stimmt: Hergestellt werden die Urinale tatsächlich von einem Schweizer Unternehmen, nämlich vom Start-up Swiss Invent mit Sitz in Aathal.

Technische Grenzen

«Dieses lustige Missverständnis entstand wohl durch das Wunschdenken vieler Fans, die so eine Dienstleistung natürlich begrüssen würden», sagt Marketing- und Vertriebsleiter Oliver Stucki. Dabei sei eine Übertragung ohne Verzögerung technisch gar nicht möglich. Es wäre unsinnig, da der Jubel im Stadion dem Geschehen auf dem Bildschirm zuvorkommen würde. Dass dennoch in zahlreichen Ländern diese Fehlinformation verbreitet wurde, ärgert Stucki nicht so sehr – frei nach dem Motto: «Publicity ist immer gut».

 

«Erst als der Name Real Madrid aufgetaucht ist, interessierten sich plötzlich alle dafür.»

Oliver Stucki, Marketing- und Vertriebsleiter Swiss Invent

 

Merkwürdig fand er lediglich, dass die 79 zuvor installierten Urinale mit Bildschirm im Stadion des weitaus weniger prominenten Ligarivalen CD Leganés von der Presse gänzlich unbemerkt geblieben waren. «Erst als der Name Real Madrid aufgetaucht ist, interessierten sich plötzlich alle dafür», stellt Stucki fest. Die Aufträge in Spanien verdankt Swiss Invent ihrem Agenten vor Ort.

Hoffnung auf grösseren Auftrag

Sechs Schüsseln mit befestigten Bildschirmen wurden bisher im VIP-Bereich des Bernabeu-Stadions installiert. Sie durchlaufen momentan eine 120-tägige Testphase. Anschliessend hofft Stucki auf einen weitaus grösseren Auftrag von Real Madrid. Lassen sich doch «Die Königlichen» ihren Stadionumbau insgesamt rund eine halbe Milliarde Euro kosten.

Den Stadionbetreibern bieten die Urinale aus dem Aathal eine bisher ungeahnte Möglichkeit, zusätzliche Einnahmen zu generieren, indem sie die Werbefläche – ähnlich den Werbebanden um das Spielfeld herum – vermieten.

 

«Mit der Männertoilette hat man eine klar definierte Zielgruppe und eine garantiert hohe Besucherfrequenz.»

Oliver Stucki, Swiss Invent

 

Werbung am Urinal sei äusserst effektiv, so Stucki. «Der Blick fällt beim Verrichten des kleinen Geschäfts ganz automatisch auf diese Fläche. Mit der Männertoilette hat man ausserdem eine klar definierte Zielgruppe und eine garantiert hohe Besucherfrequenz.»

Raststätten sind noch lukrativer

Bei einem zweiten Geschäftsmodell behält sich Swiss Invent die Werberechte für die Bildschirme vor, um dem Toilettenbetreiber im Gegenzug die Urinale zu schenken. Gut frequentierte Hotels oder Restaurants kommen für dieses Angebot beispielsweise in Frage.

An deutschen Raststätten hat das Unternehmen bereits 2300 solcher Anlagen installiert und vermietet nun diese Werbemöglichkeit. Dabei handelt es sich in der Regel um fünf tonlose Filme à sieben Sekunden.

 

«Im Stadion haben Sie vielleicht einmal pro Woche während kurzer Zeit eine hohe Frequentierung.»

Oliver Stucki, Swiss Invent

 

Bei den Stadiontoiletten funktioniert dieses Modell nicht. Dort können die Betreiber selbst Werbeverträge abschliessen, müssen für das Urinal und dessen Unterhalt jedoch bezahlen.

Der Grund ist einleuchtend: «Im Stadion haben Sie vielleicht einmal pro Woche während kurzer Zeit eine hohe Frequentierung. Raststätten sind daher für Werber um ein Vielfaches attraktiver», erklärt Stucki. Dort könne man nämlich mit täglich rund 300 Besuchern pro Schüssel rechnen. Bei einem Stadion-Urinal seien es gerade einmal rund 3000 pro Jahr.

Genervte Kunden?

Das Konzept des 2016 gegründeten Start-ups scheint zu funktionieren. Das Aathaler Unternehmen beschäftigt zwölf Mitarbeiter, von denen neun allein in diesem Jahr ins Team aufgenommen wurden.

Ein kleines Problem gibt es aber: Nicht jede Firma ist begeistert von der Vorstellung, auf einem Männerklo für ihre Produkte zu werben. «Es gibt hier eine gewisse Hemmschwelle», gesteht Stucki. Ist diese Hemmschwelle aber einmal überwunden, bleibt nur noch die Frage: Nervt es die WC-Besucher nicht, wenn sie auch beim Wasserlassen mit Werbebotschaften behelligt werden? – «Nein», sagt er. «Laut einer Studie stören sich 99 Prozent der Leute kein bisschen daran.»

Silvan Hess

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