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Forscher entzaubert Roboter-Mythen

Wirtschaftsforum Uster

Forscher entzaubert Roboter-Mythen

Das Wirtschaftsforum Uster brachte am Dienstagabend einen der bedeutendsten Roboterforscher nach Uster. In seinem Referat ging Rolf Pfeifer nicht zimperlich mit seinem Fach um und zeigte auf, wie weit die Robotik von den medial vermittelten Bildern entfernt ist.

Jörg
Marquardt
Donnerstag, 20. September 2018, 08:35 Uhr Wirtschaftsforum Uster
«Guru der Robotik». Rolf Pfeifer kam extra aus Shanghai, um am 37. Top-Anlass des Wirtschaftsforums Uster zu referieren.
PD/Marcel Rieder

Roboter und Künstliche Intelligenz (KI) eignen sich hervorragend als Projektionsfläche: Die einen sehen darin die grossen Jobvernichter und Manipulationsvehikel, die anderen ein Wundermittel im Kampf gegen Verkehrskollaps, Pflegenotstand oder explodierende Gesundheitskosten.

Diese und ähnliche Szenarien finden in den Medien ein breites Echo. Von einem «Hype» sprach denn auch der bedeutende Roboterforscher Rolf Pfeifer, der auf Einladung des Wirtschaftsforums Uster (WFU) am Dienstagabend in den Ustermer Stadthofsaal gekommen war. Sein Vortrag lieferte einen Faktencheck zum aktuellen Stand der Robotik.

Einer der führenden Roboterforscher

Pfeifer war aus Shanghai angereist, wo er eine Gastprofessur an der Jiaotong-Universität innehat. Der 71-Jährige ist zudem Professor an der Universität Osaka. Er gilt als einer der führenden Köpfe im Bereich KI. Bis 2014 war Pfeifer Professor für Informatik an der Universität Zürich und Direktor des Artificial Intelligence Laboratory. Für internationales Aufsehen sorgte sein humanoider Roboter «Roboy», den er 2013 zusammen seinem Projektteam entwickelt hat.

Dass der «Guru der Robotik» das Publikum an diesem Abend zu zahlreichen Lachern hinriss, machte eines deutlich: Zwischen den hochtrabenden Erwartungen über die Leistungsfähigkeit von Robotern einerseits und der technischen Realität andererseits liegen Welten.

Ursula Mengelt, Präsidentin Wirtschaftsforum Uster, stellte Rolf Pfeifer vor und führte ins Thema ein. (Foto: PD/Marcel Rieder)

Weniger Besucher als erwartet

Gegenüber früheren Top-Anlässen fiel der Andrang diesmal etwas geringer aus. Ursula Mengelt, Präsidentin des WFU, hatte Züriost vorab mitgeteilt, dass das Thema die Leute zwar bewege, Pfeifer aber ausserhalb der Fachkreise nicht so bekannt sei. Am Ende war der durch einen Vorhang verkleinerte Saal gerade gross genug für die 200 Zuschauer, von denen viele spontan erschienen.

 

«Wer glaubt, dass er im höheren Alter von Robotern gepflegt wird?»

Ursula Mengelt, Präsidentin Wirtschaftsforum Uster

 

In ihrer Begrüssung nutzte Mengelt die Gelegenheit, ein Stimmungsbild vom Publikum einzuholen: Wer denn davon ausgehe, dass es in 30 Jahren mehr Roboter als Menschen gäbe, wollte sie wissen. Daraufhin erhoben sich nur etwa zwei Dutzend Zuschauer. «Und wer glaubt, dass er im höheren Alter von Robotern gepflegt wird?» Nun standen überraschenderweise die meisten Zuschauer. Damit übergab Mengelt das Wort an Pfeifer.

Keine Spekulationen

Für Spekulationen über die Zukunft der Robotik hat der Roboterforscher nichts übrig, wie er in seinem Referat unter dem Titel «Leben mit Robotern – Fluch oder Segen?» mehrfach zum Ausdruck brachte. «Ich werde hier keine Vorhersagen machen.» Technologische Entwicklungen seien in gesamtgesellschaftliche Prozesse eingebettet und dürften nicht isoliert betrachtet und hochgerechnet werden. «Deswegen bin ich eben auch nicht aufgestanden.»

 

«Ich werde hier keine Vorhersagen machen.»

Rolf Pfeifer, Roboterforscher und Gastprofessor an der Jiaotong-Universität (China)

 

Folgerichtig sollte auch die im Titel aufgeworfene Frage unbeantwortet bleiben. «Entscheiden Sie selbst», sagte er am Schluss.

Stattdessen übte sich Pfeifer in der Entzauberung von Robotik und KI. Unter Ausklammerung der Industrierobotik fokussierte er sich auf jene sozialen Roboter («social robots») beziehungsweise kollaborierenden Roboter («cobots»), die die Fabrikhallen vor 30 Jahren verlassen haben, um mit dem Menschen zu interagieren.

Sein Fazit: Diese Maschinen hätten sehr wenig Funktionalität im Sinne von Manipulationsfähigkeit, sie seien bestenfalls «iPhones auf Rädern», deren Neuigkeitswert schnell wieder schwinde. Mit launigen Bemerkungen zu grosssprecherisch angekündigten Robotern und kurzen Videosequenzen von stürzenden oder grotesk scheiternden Maschinen zog Pfeifer das Publikum auf seine Seite.

Mit launigen Bemerkungen und witzigen Roboter-Fails begeisterte Rolf Pfeifer das Publikum. (Foto: PD/Marcel Rieder)

Dass man den Maschinen trotzdem so viel Intelligenz unterstellt, sei ein Effekt der «Anthropomorphisierung». Wir Menschen würden nämlich dazu neigen, menschenähnliche Eigenschaften in die Maschinen hineinzuprojizieren. Dadurch entstehe eine Diskrepanz zwischen dem, was wir ihnen zutrauen, und dem, wozu sie tatsächlich imstande seien. «Dazwischen liegen Galaxien.»

Eine andere Definition von Intelligenz

An dieser Stelle wurde deutlich, dass Pfeifer eine andere Definition von «Intelligenz» zugrunde legt. Intelligenz ist für ihn kein abstrakter Denkprozess, der nur in einem Gehirn stattfindet. Vielmehr versteht er darunter die sensomotorische Fähigkeit eines Wesens, mit seiner physikalischen Umwelt zu interagieren.

 

«Adaptivität ist nicht im Gehirn, sondern an der Peripherie.»

Rolf Pfeifer, Roboterforscher

Für Rolf Pfeifer ist Intelligenz die sensomotorische Fähigkeit, mit der Umwelt zu interagieren. (Foto: PD/Marcel Rieder)

Intelligenz ist demnach eine Form der «Adaptivität», also der Anpassungsfähigkeit. «Adaptivität ist nicht im Gehirn, sondern an der Peripherie», stellte er fest. Wie Pfeifer in einem kurzen Video veranschaulichte, können wir ein Glas nur deshalb anheben, weil unsere Fingerkuppen mit deformierbarem Gewebe überzogen sind. In diesem Sinne gebe es keine klare Trennung zwischen Steuerung (Gehirn) und Hardware (Händen). «Die Funktionalität liegt im Material.»

Ein künstlicher Barmann

Diese Erkenntnis machen sich Pfeifer und seine Mitarbeiter in dem Projekt «Robolounge» zunutze, das er in seinem Referat kurz vorstellte. Ziel ist die Entwicklung eines roboterisierten Barmanns. Die dafür erforderlichen sensomotorischen Fähigkeiten seien besonders anspruchsvoll und liessen sich später auf andere Anwendungsgebiete (etwa Spitäler oder Haushalte) übertragen. Gleichzeitig sei das Gastgewerbe für diese Form der Automatisierung wirtschaftlich attraktiv.

 

«Wir betrachten die Bar als Ökosystem.»

Rolf Pfeifer, Roboterforscher

 

Ein leitendes Prinzip bei der Entwicklung des künstlichen Barmanns ist laut Pfeifer das sogenannte «Scaffolding» (englisch für: «mit einem Gerüst versehen»). Dabei würde die Umwelt des Roboters so bearbeitet, dass nicht mehr alle Funktionalität in den Roboter hineindesignt werden müsse. Als Beispiel nannte er Richtmikrofone zur besseren Spracherkennung in einem geräuschintensiven Umfeld. «Wir betrachten die Bar als Ökosystem.»

Auf einen Besuch nach China

«Besuchen Sie die Robolounge», forderte Pfeifer die Zuschauer am Ende auf. Allerdings ist das Projekt noch gar nicht abgeschlossen. Zudem liegt der geplante Standort Zhongguancun – Chinas Silicon Valley – nicht gerade um die Ecke. Interesse geweckt hat Pfeifer aber allemal, wie man dem grossen Beifall entnehmen konnte.

Einige Zuschauer äusserten Bedenken über die Risiken der Roboterisierung. (Foto: PD/Marcel Rieder)

In der anschliessenden Fragerunde nahm Pfeifer dann auch noch Stellung zu den Bedenken, die dem Thema entgegengebracht werden: Massenarbeitslosigkeit durch fortschreitende Automatisierung und Roboterisierung. Aus Pfeifers Sicht leidet die Debatte unter einer gravierenden Fehleinschätzung, was die Ersetzbarkeit menschlicher Arbeit anbelangt. «Die schwierigen Dinge sind gerade die handwerklichen Dinge», sagte er. Denn diese würden derart komplexe sensomotorische Fähigkeiten voraussetzen, dass Maschinen dazu kaum in der Lage sein dürften.

 

«Die schwierigen Dinge sind gerade die handwerklichen Dinge.»

Rolf Pfeifer, Roboterforscher

 

Angesprochen auf den Mehrwert seiner Robolounge, entgegnete Rolf Pfeifer: «Wäre es unser Ziel, den Getränkeverkauf zu automatisieren, dann hätten wir am Ende einen Raum voller Getränkeautomaten. Das wäre etwas sehr ödes.» Stattdessen solle der künstliche Barmann eine positive Emotion in der Interaktion hervorrufen. «Wenn wir einen Roboter bauen, der ein Bier einschenken kann, dann ist das ein riesiges Erfolgserlebnis.»

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