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Hinwiler Rennstall vor dem Saisonstart

Wovon Teamchef Vasseur träumt

Der Königsklasse steht eine Monstersaison bevor mit 23 Rennen auf 4 Kontinenten – und der Hinwiler Rennstall hat einiges gutzumachen. Sein Vorteil: ein Kostenlimit.

Redaktion
Züriost
Samstag, 27. März 2021, 13:45 Uhr Hinwiler Rennstall vor dem Saisonstart
Es geht wieder los: Kimi Räikkönen fährt in Bahrain aus der Alfa-Box.
Foto: Sauber Motorsport

Die Welt hält wegen Covid-19 den Atem an. Doch wer das Programm der Formel 1 sieht, könnte meinen, es sei nichts. 22 Länder, 4 Kontinente, 23 Rennen. So lautet der Plan, der für die Teams ab Sonntag ansteht, wenn in Bahrain der Start in die längste Saison der Geschichte erfolgt, die zwei Wochen vor Weihnachten in Abu Dhabi enden soll. 

Es ist eine Mammutaufgabe, die auf die Rennställe zukommt. Frédéric Vasseur ist einer der Teamchefs. 2017 löste der Franzose Monisha Kaltenborn an der Spitze von Sauber ab, mittlerweile drehen seine Autos längst als Alfa Romeo ihre Runden.

23 Grands Prix seien schon eine Menge, sagt der 52-Jährige im Video-Interview, «aber im vergangenen Jahr hatten wir wegen des Coronavirus 17 Rennen in fünf Monaten, nun sind es 23 in neun, das ist besser für jeden. Wir haben ja auch alle eine grosse Passion für das, was wir tun. Millionen Menschen würden es lieben, in der Formel 1 zu arbeiten.» 

«Vielleicht ist es ja nur ein Traum, aber ich brauche ein Licht am Ende des Tunnels.»
Frédéric Vasseur

Nur ist fraglich, ob es das richtige Zeichen ist, wenn in der angespannten Situation 1500 Menschen von Land zu Land und Kontinent zu Kontinent reisen, um dem Motorsport zu frönen – auch wenn es weiter viele Restriktionen, andauernd Tests und keine Kontakte zur lokalen Bevölkerung gibt.

«Es ist durchaus ein gutes Zeichen», findet Vasseur, «wir können zeigen, dass so etwas noch möglich ist und mit strengem Corona-Protokoll funktionieren kann. Ich hoffe aber sehr, dass wir bald zurück sein werden in der Normalität. Vielleicht ist es ja nur ein Traum, aber ich brauche ein Licht am Ende des Tunnels.» Das gilt beim Chef von Alfa Romeo gerade auch sportlich. 

Die Hoffnungen ruhen auf Ferrari

2020 sah es ziemlich düster aus für Alfa Romeo: 8 Punkte, 8. Platz, 99 Punkte Rückstand auf das siebtplatzierte Alpha Tauri. Es war nicht das, was in Hinwil erwartet worden war nach einer ganz ordentlichen Saison 2019. «Wir hatten Probleme mit dem Motor und machten zu Beginn einige Fehler. Doch dann wurden wir immer besser», sagt Vasseur. «Immerhin haben wir teils auf Augenhöhe mit Ferrari gekämpft – ich denke, das ist die beste Referenz.» 

Die Italiener sind es schliesslich, die den Antrieb ins Zürcher Oberland liefern. Ein äusserst schwacher war es im letzten Jahr, nachdem der Weltverband FIA eingegriffen hatte, weil es beim Ferrari-Motor Unregelmässigkeiten bei der Benzindurchflussmenge gegeben hatte. 

Glaubt, dass sein Team besser dastehen wird als 2020: Alfa-Romeo-Teamchef Frédéric Vasseur. (Foto: Sauber Motorsport)

Was Vasseur an den drei Testtagen in Bahrain vorige Woche sah, stimmt ihn zuversichtlich, dass es nun vorwärtsgeht. «Das Tempo war besser als 2020. Ich vertraue Ferrari, dass es einen guten Job gemacht hat. Wir spulten jedenfalls viele Runden ohne Probleme ab», sagt er. Die Indizien der Testtage deuten darauf hin, dass es für die Schweizer eine deutlich stärkere Saison geben könnte. Auch wenn die Zeiten wenig aussagekräftig sind, war es doch ein Ausrufezeichen, dass Kimi Räikkönen die viertschnellste Runde überhaupt drehte. 

Ja, Räikkönen ist immer noch da

Ja, der Finne ist immer noch da, 41 mittlerweile – und kein bisschen müde. Viel wert sei er für sein Team, sagt Vasseur. «Wir stecken sehr viel Energie in die Entwicklung des Autos im Windkanal. Da ist es sehr wichtig, einen Fahrer zu haben, der ein gutes Verständnis davon hat, wie es um die Performance des Wagens steht und wo wir uns verbessern können.» 

41 und kein bisschen müde: Kimi Räikkönen. (Foto: Sauber Motorsport)

Räikkönens Teamkollege heisst erneut Antonio Giovinazzi. Der 27-jährige einstige Ferrari-Nachwuchspilot hat in seinen zwei Formel-1-Jahren nicht immer überzeugt, machte oft dann Fehler, wenn er Punkte hätte holen können. «Wenn ich aber 2020 mit seinem Premierenjahr 2019 vergleiche, sehe ich, dass er viel konstanter geworden ist», sagt Vasseur.

Überhaupt sei schnell klar gewesen, dass er an diesem Duo festhalten würde, «denn wir haben gemeinsam schon eine Menge Zeit in das Projekt 2022 gesteckt».

Das weisse Blatt Papier 

Auf dann wurde die grosse Reglementsänderung wegen Covid-19 verschoben, die schon in diesem Jahr hätte kommen sollen. Grosse Räder, einfachere Flügel, aerodynamisch weniger sensibel, so sollen die neuen Fahrzeuge werden.

Den Teams stellt sich parallel zum diesjährigen Renngeschehen eine riesige Aufgabe. «Wenn neue Autos gebaut werden, kann man normalerweise das vorherige als Basis nehmen. Nun geht das nicht, haben wir ein weisses Blatt vor uns und keine Vergleiche», sagt Vasseur.

«Wir müssen unsere Ideen in alle möglichen Richtungen öffnen und jede Philosophie prüfen. Das bedeutet viel Arbeit, aber auch eine grosse Chance für alle. Wir müssen nur cleverer sein als die anderen.» 

«Der Kostendeckel bedeutet für uns mehr Möglichkeit als Risiko»
Frédéric Vasseur

Einen Vorteil für Teams wie Alfa Romeo, das zwar auf 500 Mitarbeiter angewachsen ist, aber dennoch zu den eher kleineren Rennställen gehört, sieht Vasseur im Kostendeckel, der bereits in dieser Saison gilt. Schliesslich arbeiteten die Schweizer ausser zu BMW-Zeiten nie mit Budgets, die über diesen neu festgelegten 145 Millionen Dollar (rund 136 Millionen Franken) lagen.

Für den Teamchef stimmt die Richtung

Für die finanzstärksten Rennställe dagegen, die rund eine halbe Milliarde Franken pro Jahr ausgaben, ist der Einschnitt gross – auch wenn etwa Fahrergehälter, Marketingausgaben oder Reisen und Hotels nicht dazugezählt werden. «Der Kostendeckel bedeutet für uns mehr Möglichkeit als Risiko», sagt Vasseur. «Auch die Verteilung der Einnahmen durch die Formel 1 wird gerechter. Es geht vieles in die richtige Richtung.» 

So soll sich sein Team langsam wieder ans Mittelfeld heranpirschen. Schon in diesem Jahr lautet Vasseurs oberstes Ziel, den Abstand auf die Spitze zu verringern. Und die Saison nicht wieder mit 8 mickrigen Punkten zu beenden. Dazu hat es 23 Chancen – so Corona will. (René Hauri)

Das ist neu in der Formel 1

Wüste statt Metropole: Am Wochenende startet die Formel 1 wegen des Coronavirus in Bahrain in ihre Saison und nicht wie traditionell in Melbourne. Das ist sonst noch neu:

Gleich 3 Rookies: Die Formel 2 kann Sprungbrett sein für die Königsklasse. Doch dass drei Fahrer gleichzeitig aufsteigen, ist eine Seltenheit. 2021 ist es so. Der US-Rennstall Haas besetzt gleich beide Cockpits mit 22-jährigen Nachwuchspiloten. Einer davon trägt einen schillernden Nachnamen, der andere bringt Millionen: Mick Schumacher, Sohn von Formel-1-Rekordweltmeister Michael, fährt neben dem Russen Nikita Masepin. Dessen Vater ist Chef des Düngerherstellers Uralkali, der neu Hauptsponsor des Rennstalls ist. Bei Alpha Tauri, Schwesterteam von Red Bull, fährt der 20-jährige Japaner Yuki Tsunoda an der Seite von Pierre Gasly.

2 neue Teams: Renault ist neu nach seiner Sportwagenmarke Alpine benannt. Ein anderer Rennstall trägt einen deutlich klingenderen Namen: Aston Martin ist nach 60 Jahren zurück in der Königsklasse. Die Mannschaft entstand aus Racing Point. Die Traditionsmarke stellt auch den zweiten Safety-Car neben Mercedes.

Nur 3 Paarungen gleich: Mercedes, Alfa Romeo, Williams – das wars mit der Beständigkeit. Kein anderes Team tritt mit der gleichen Fahrerpaarung an. Die spektakulärsten Rochaden gab es bei den Rennställen mit neuen Namen. Aston Martin verpflichtete Sebastian Vettel, Alpine holte Altstar Fernando Alonso zurück.

23 Grands Prix: Es herrscht Unsicherheit wegen Covid-19. Dennoch plant die Formel 1 mit 23 Rennen – so vielen wie nie. Neu stehen die Niederlande und Saudiarabien auf dem Plan. Die Saison soll am 12. Dezember in Abu Dhabi enden.

145 Millionen Dollar: Es klingt nach viel, für die Topteams war es ein Drittel des Budgets: 145 Millionen Dollar. Nun müssen sie damit auskommen. Der beschlossene Kostendeckel enthält aber zum Beispiel keine Fahrergehälter. (rha)

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