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Sie will die Machowelt aufmischen

Sauber-Testfahrerin Tatiana Calderon

Sie will die Machowelt aufmischen

In der Machowelt der Formel 1 spielen Frauen nur neben der Strecke Hauptrollen. Tatiana Calderon möchte das ändern. Die Kolumbianerin testete diese Woche für Sauber – und will Vorurteile widerlegen.

Florian
Bolli
Freitag, 02. November 2018, 14:23 Uhr Sauber-Testfahrerin Tatiana Calderon

«Was für ein Auto, was für ein Team.» Die Begeisterung ist spürbar, wenn man liest, was Tatiana Calderon auf Twitter schreibt. Die Sätze beziehen sich auf den «Tag, den ich nie vergessen werde». 23 Runden fuhr die 25-jährige Kolumbianerin am Dienstag mit dem Sauber-C37 in Mexico City – es war ihr erster Test eines Formel-1-Boliden.

Eine Fahrerin in der Königsklasse des Motorsports – das sorgt für Aufsehen. Es gibt zwar Teamchefinnen wie Claire Williams und früher Monisha Kaltenborn, Ingenieurinnen wie Ruth Buscombe, die bei Sauber für die Strategie zuständig ist, Journalistinnen, Pressesprecherinnen. Neben der Strecke spielen Frauen bisweilen Hauptrollen. Doch auf der Strecke sind Männer unter sich – zumindest, wenn es um Startpositionen oder WM-Punkte geht.

In der bald 70-jährigen Geschichte der Formel 1 bestritten erst zwei Frauen ein Rennen – zwei Italienerinnen: Maria Teresa de Filippis brachte es Ende der 1950-er Jahre auf drei Starts, Lella Lombardi zwischen 1974 und 1976 auf zwölf. Danach gab es erfolglose Versuche, sich für ein Rennen zu qualifizieren, sowie einige Testeinsätze – zuletzt 2015 jenen von Susie Wolff für Williams in einem Freitagstraining vor dem GP von Grossbritannien.

Oft sind es PR-Stunts

Die Bemühungen der Teams, effektiv eine Frau in ein Renncockpit zu bringen, schienen nicht eben gross. Zwar wurden öfter Frauen als Testfahrerinnen unter Vertrag genommen – was bisweilen aber eher den Eindruck einer PR-Aktion erweckte. Bei Sauber klang es ganz seriös, als 2014 Simona De Silvestro als «Affiliated Driver» vorgestellt wurde – die Schweizerin komme mit dem Ziel, 2015 in der Formel 1 zu fahren, hiess es damals. Gefahren ist De Silvestro, die ihre Fähigkeiten zuvor vier Jahre lang in der Indycar-Serie bewiesen hatte, am Ende aber nur zweimal in einem nicht aktuellen Auto.

Und nun probiert es mit Tatiana Calderon wieder eine Pilotin mit Hilfe des Sauber-Teams. 2017 wurde sie als «Entwicklungsfahrerin» zum Hinwiler Rennstall geholt, damals noch von Monisha Kaltenborn. Unter deren Nachfolger Frédéric Vasseur stieg sie zur Testfahrerin auf – wobei die Bezeichnung relativ irreführend ist. Seit die Tests zeitlich eng begrenzt sind, kommen auf der Strecke in erster Linie die Stammpiloten zum Einsatz.

Meistens in der Beobachterrolle: Calderon mit Sauber-Strategin Ruth Buscombe und Xevi Pujolar, dem leitenden Renningenieur.
Sauber Motorsport AG

Für Calderon ist es dennoch ein Aufstieg – und ein Indikator, dass sie nicht zu PR-Zwecken missbraucht wird. Zwar steuerte sie den aktuellen C37 von Marcus Ericsson an einem «Promotional Event» – die Nomenklatur hängt allerdings eher damit zusammen, dass neben den offiziellen Tests lediglich PR-Fahrten erlaubt sind, wo maximal 100 Kilometer absolviert werden dürfen mit Reifen, die weniger leistungsfähig sind als jene im Rennen.

«Einfacher als ein GP3-Auto»

Der Test war ein Erfolg. «Sie machte einen fantastischen Job», sagte etwa Sauber-Teammanager Beat Zehnder gegenüber «autosport.com». Saubers leitender Renningenieur Xevi Pujolar lobte die Kolumbianerin: «Sie hatte nicht das geringste Problem. Mit etwas mehr Zeit würde sie sich schnell verbessern.»

Calderon selber, die in der GP3-Meisterschaft engagiert ist, sagte: «In gewisser Hinsicht war das Handling einfacher als bei einem GP3-Auto». Zudem habe sie keinerlei physische Probleme gehabt. «Ich hoffe ich kann zeigen, dass Frauen physisch keine Nachteile haben.»

«Ich hoffe ich kann zeigen, dass Frauen physisch keine Nachteile haben.»
Tatiana Calderon

Calderon will so ein weit verbreitetes Vorurteil widerlegen – eines, das sogar unter Frauen grassiert. Carmen Jorda, vor einigen Jahren ebenfalls als Testfahrerin bei Formel-1-Teams unter Vertrag, löste diesen Frühling Entrüstung aus, als sie sagte, die Formel E sei für Frauen wohl besser geeignet, in der Formel 1 könnten sie physisch nicht mithalten.

Dem widerspricht nicht nur Calderon selber. Sauber-Physiotherapeut Josef Leberer sagte dem «Spiegel»: «Es geht nicht um Maximalkraft, sondern um Kraftausdauer, und da kann eine Frau mit entsprechendem Training auf die notwendige Fitness kommen.» Und Charles Leclerc, der aktuelle Sauber-Pilot, bezeichnete die Formel 2 als anstrengender, weil es dort keine Servolenkung gibt. Die Formel 1 sei für den Nacken härter.

«Oft hörte ich, ich könne es nicht schaffen, weil ich eine Frau sei. Aber das motiviert mich nur noch mehr.»
Tatiana Calderon

Das weiss auch Calderon – und bereitet sich entsprechend vor. Neun Zentimeter grösser wurde ihr Nackenumfang im letzten Jahr. «Wir haben 30 Prozent weniger Muskelmasse und müssen härter arbeiten. Oft hörte ich, ich könne es nicht schaffen, weil ich eine Frau sei. Aber das motiviert mich nur noch mehr.» Der reinen Frauenserie «W Series», die nächstes Jahr eingeführt werden soll, steht sie skeptisch gegenüber. «Für junge Mädchen ist es ein guter Einstieg. Für mich wäre es ein Schritt zurück.»

Ihr nächster Schritt soll die Formel 2 sein. Ob ihr dereinst auch der Schritt in die Formel 1 gelingt, bleibt abzuwarten. Wer ihren Weg betrachtet, stellt sich aber unweigerlich die Frage: «Warum eigentlich nicht?» Denn sie bringt auch das mit, woran viele ihrer männlichen Kollegen scheitern: Finanzielle Unterstützung. Sie gehört zur Talentschmiede «Escuderia Telmex», die bereits Sergio Perez bei Sauber in die Formel 1 gebracht hat.

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