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Der grandiose Aufstieg des Fast-Italieners

Remo Freuler aus Hinwil

Der grandiose Aufstieg des Fast-Italieners

Mit Atalanta Bergamo hat sich Remo Freuler für die Champions League qualifiziert. Mit dem Schweizer Nationalteam spielt der Hinwiler um den Titel in der Nations League. Der Mittelfeldspieler hat einen grossen Aufstieg hinter sich.

Agentur
sda
Montag, 03. Juni 2019, 14:37 Uhr Remo Freuler aus Hinwil

Remo Freuler sitzt im Business-Raum «Upper Deck» in der obersten Etage des Hotels Renaissance in Zürich-West. Unter ihm liegt Downtown Switzerland. Nicht viele Gebäude der Stadt sind höher als das Renaissance. Remo Freuler ist (fast) ganz oben angekommen.

Das Bild hat durchaus Symbolkraft. Der 27-Jährige aus dem Zürcher Oberland hat einen bemerkenswerten Aufstieg hinter sich.

«Die Euphorie hat in den letzten drei Jahren nie mehr aufgehört. Sie ist immer grösser geworden.»
Remo Freuler

Ein paar Tage zuvor hat er mit seinem Verein Atalanta Bergamo den bisherigen Karriere-Höhepunkt erlebt. Der Provinzklub aus der Lombardei wurde in der Serie A Dritter und qualifizierte sich erstmals für die Champions League.

«Als wir aus Sassuolo zurückkehrten, empfingen uns morgens um 2 Uhr über 2000 Fans», erzählt Freuler. «Die Euphorie hat in den letzten drei Jahren nie mehr aufgehört. Sie ist immer grösser geworden.»

Freuler hat die Geschichte hinter dieser Euphorie mitgeprägt. Als er im Januar 2016 vom FC Luzern nach Bergamo wechselte, war es noch ein anderes Atalanta.

Es wurde noch nicht vom «Magier» Gian Piero Gasperini trainiert, sondern vom eher knorrigen Edy Reja und dümpelte im hinteren Mittelfeld der Serie A. Freuler kam in diesem ersten halben Jahr in Italien nur selten zum Einsatz. Bis zum Saisonende stand er bloss fünf Mal in der Startformation.

Vieri, Inzaghi... Freuler?

In den Transfer nach Bergamo hatte Freuler eingewilligt, weil er sich den Traum von einer grossen Liga erfüllen wollte. Weil er vom Trainingszentrum begeistert war, und weil er ahnte, dass Atalanta als erste Station im Ausland ideal sein könnte.

In Bergamo haben viele spätere Superstars ihre Karriere lanciert: Claudio Caniggia, Christian Vieri, Filippo Inzaghi.

Im Sommer 2016 kam Gian Piero Gasperini als neuer Trainer – und für Atalanta und Freuler ging es nur noch bergauf.

Mit attraktivem Spiel wurde der Aussenseiter 2016/17 Vierter der Serie A. In dieser Saison nun eben Dritter. Dazwischen lag ein Jahr mit spektakulären Auftritten in der Europa League, welche erst mit einem unglücklichen Ausscheiden in der ersten K.o.-Runde gegen Borussia Dortmund zu Ende ging.

«Ich habe mich zu 100 Prozent eingelebt und fühle mich in Italien fast wie zu Hause.»
Remo Freuler

In Italien sind sich Experten und Medien einig: Atalanta spielt den begeisterndsten Fussball der Liga. Schnell, offensiv, intensiv.

103 Tore in allen Pflichtspielen sind Beleg dafür. Meister Juventus Turin zum Beispiel kam nur auf 87 Tore, absolvierte aber zwei Spiele mehr. «Gasperini arbeitet unter der Woche sehr hart mit dem Team. Er erwartet immer das Maximum, und wir sind immer offensiv ausgerichtet.»

In Atalantas Squadra ist Freuler ein Fixpunkt. In der letzten Saison stand er in 49 Pflichtspielen 44 Mal in der Startformation. Vor wenigen Wochen trug er im Heimspiel gegen Genoa sogar die Captainbinde.

«Ich habe mich zu 100 Prozent eingelebt und fühle mich in Italien fast wie zu Hause.» Auch mit der Sprache hat Freuler keine Probleme mehr. Bei Interviews mit dem Tessiner oder italienischen TV redet er nahezu fehlerfrei.

Marktwert verzehnfacht

Im Fussball spricht man oft von Zyklen von drei Jahren. Heisst das im Falle von Freuler, dass er weiterzieht, eine neue Herausforderung sucht bei einem grösseren Verein?

«Darüber muss man mit meinem Berater reden», wehrt er ab. Glaubt man den Medien in Italien, mangelt es nicht an Angeboten.

Atalanta könnte mit einem Verkauf von Freuler gutes Geld verdienen. Rund 1,5 Millionen Euro hat es für den Schweizer einst an Luzern überwiesen. Nun ist Freuler mehr als das Zehnfache wert.

Innerhalb des Kaders der Schweizer Nationalmannschaft ist Freuler gemäss den Berechnungen von Transfermarkt.de betreffend Marktwert die Nummer 7. Und nur die Bundesliga-Professionals Manuel Akanji und Nico Elvedi aus Greifensee haben in den letzten drei Jahren eine bessere Marktwertentwicklung erlebt.

Freuler zuckt dazu bloss mit den Schultern und sagt: «Solche Zahlen sind relativ. Das hat auch mit der Entwicklung des Fussballs zu tun. Ein Spieler, der vor drei Jahren drei Millionen gekostet hat, kostet heute schnell einmal 15 Millionen.»

Freulers Aufstieg innerhalb der SFV-Auswahl lässt sich nicht bloss an der Entwicklung seines Marktwertes festmachen. Bis zur WM 2018 war er ein Ergänzungsspieler.

«Etwas weiter hinten, etwas weiter vorne: Für mich spielt das keine Rolle.»
Remo Freuler

Seither ist er zum Stammspieler aufgestiegen. In den acht Länderspielen dieser Saison stand Freuler sechs Mal in der Startformation. Im letzten Länderspiel, im März in der EM-Qualifikation gegen Dänemark, schoss er auch sein erstes Tor für die Schweiz.

Je nach System spielte Freuler etwas offensiver im Mittelfeld oder etwas defensiver als Nebenmann von Granit Xhaka. «Etwas weiter hinten, etwas weiter vorne: Für mich spielt das keine Rolle», so Freuler.

Wichtig ist nicht hinten oder vorne, sondern dass er weit oben angekommen ist. Im Hotel Renaissance in Zürich, vor allem aber in der Nationalmannschaft und mit Atalanta Bergamo. (Stefan Wyss)

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