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Almen und der verdammte Mittwoch

Die Leiden des Dübendorfers Fussballers

Almen und der verdammte Mittwoch

Almen Abdi war vor drei Jahren der Schweizer mit den meisten Einsätzen in der Premier League. Dann wechselte der Dübendorfer eine Stufe tiefer – und hat seither kaum gespielt. Warum nur?

Redaktion
Züriost
Freitag, 24. Mai 2019, 14:04 Uhr Die Leiden des Dübendorfers Fussballers
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Die Frage ist: Hat Almen Abdi nach der deprimierenden Erfahrung in Sheffield den Willen, es nochmals allen zeigen zu wollen?
Foto: Keystone

Es schien der Wendepunkt einer Irrfahrt zu sein: Almen Abdi traf mit einer traumhaften Direktabnahme gegen Nottingham. Doch sein erster Treffer für Sheffield Wednesday war im Februar 2017 der Anfang vom Ende: Abdi fiel kurz darauf verletzt aus.

Seither hat er lediglich sechs Meisterschaftsspiele bestritten. Das ­letzte im März vor einem Jahr. «Sogar das Ungeheuer von Loch Ness wurde öfter gesichtet als Abdi», ätzte ein Sheffield-Fan auf Twitter. 

«Er kann alles. Den Ball halten, Tore schiessen, Chancen kreieren.»
Trainer Gianfranco Zola

Der Spott, der sich in den sozialen Medien über den Dübendorfer ergiesst, ist britischem Humor geschuldet, vor allem aber: turmhohen Erwartungen, die Enttäuschung gewichen sind.

Abdi war Wednesdays Königstransfer im Hinblick auf die angestrebte Rückkehr in die Premier League. Kolportierte 3,9 Millionen Franken gab der Verein 2016 für den Schweizer aus. Auf lediglich 23 Einsätze hat er es gebracht.

«Und wenn er spielte, hatte er nie den erhofften Einfluss», kritisiert Sportjournalist Dom Howson vom «Sheffield Star».

Zolas Schwärmereien

Das erstaunt, denn eins hat nie jemand in Abrede gestellt: dass der Ex-FCZler ein begnadeter Fussballer ist.

«Er kann alles. Den Ball halten, Tore schiessen, Chancen kreieren», schwärmt sein Ex-Trainer bei Watford, Gianfranco Zola.

In den vier ­Jahren beim Lieblingsklub von Elton John war Abdi prägend. ­Beliebt bei den Fans, gefürchtet von den Gegenspielern, massgeblich beteiligt am Aufstieg in die Premier League 2015. 

Auch in der für viele besten Liga der Welt hielt der Dübendorfer mit. Er spielte in 25 von 38 Partien von Beginn an – deutlich mehr als sein Teamkollege Valon Behrami.

Doch Abdi kam kaum je im zentralen Mittelfeld zum Einsatz. Neben den fehlenden Angeboten aus der Premier League war das der Hauptgrund für seinen vorzeitigen Wechsel. 

Vom Knie bis zum Auge

Der Transfer zu den «Owls» («Eulen») war ein Planungs­fehler. Einer, den man ihm vorwerfen kann?

Eigentlich nicht. Abdi kannte die Liga, und der damalige Trainer Carlos Carvalhal posaunte, er passe zu Wednesday wie ein Handschuh auf eine Hand.

«Im Nachhinein hätten wir uns besser für Fulham entschieden», sagt Abdis Berater Dino Lamberti. Dort sass 2016 Watfords Ex-Trainer Slavisa Jokanovic auf der Bank. Und gerade im Abdi-Kosmos, ist Fussball immer auch die Suche nach Vertrauen und ein bisschen Liebe.
 

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Von beidem gab es in den letzten Jahren sportlich wenig. In Sheffield hing das Label «Millionentransfer» am Glattaler wie ein Klotz.

Abdi war, wohl auch selbst verschuldet, gefangen im goldenen Eulenkäfig. Sheffield hätte bei einem Wechsel viel Geld abschreiben müssen, Abdi auf solches verzichten.

Die Parteien fanden sich nie. So kam weder ein Transfer zustande, noch gelang es, den Dreijahresvertrag aufzulösen. Ausserdem fiel der Zürcher in Sheffield stets aufs Neue verletzt aus – vom Knie bis zum Auge war alles dabei. Die Saisonvorbereitung konnte er nie ganz mitmachen. 

«Er ist nicht mehr der Spieler, der er bei Watford war.»
Wednesday-Berichterstatter Dom Howson

Man hätte Abdi gerne gefragt, wie er mit dieser bedrückenden Situation umgeht. Aber der Zürcher zieht es vor, zu schweigen. Zwei Interviewanfragen lehnte er in den letzten Wochen ab. Die erste mit der angesichts seiner Einsatzstatistik nicht ironie­freien Begründung, er wolle sich auf den Fussball konzentrieren. 

Fragt man bei Sheffield selbst an, heisst es, Abdi habe sich in der für ihn schwierigen Zeit sehr in Zurückhaltung geübt. Das passt zu seinem Image.

Abdi gilt als sensibel, oft von einer gewissen Melancholie umweht. Wer mit ihm während seiner Zeit in Watford sprach, nahm ihn anders wahr: zugänglich, gereift. 

«Almen hätte mehr herausholen können.»
Trainer Bernard Challandes

Dort fragen sich die Fans heute noch, weshalb ihr «Professor» eine Liga tiefer bloss Hochlohnempfänger in der Sackgasse war. Fakt ist: Abdi überzeugte keinen seiner Trainer in Sheffield.

«Er ist nicht mehr der Spieler, der er bei Watford war», zieht Wednesday-Berichterstatter Howson Bilanz: «Die vielen Verletzungen haben ihn langsamer gemacht.» 

Zeichen stehen auf Abschied

Die drei Jahre bei den «Owls» sind die tiefste Delle in Abdis Karriere, aber nicht die einzige. Auch das Ende im FCZ, als er Opfer des Machtkampfs wurde zwischen Präsident Ancillo Canepa und Berater Lamberti, war eine Enttäuschung.

Der Spieler, von dem die Meistertrainer Lucien Favre und Bernard Challandes beide sagen, er sei der Beste gewesen im FCZ, hat es nur auf sechs Länder­spiele gebracht.

Challandes spricht von einer «normalen Karriere» und urteilt: «Almen hätte mehr herausholen können.»

Stattdessen könnte Abdis Karriere nun still enden. Sheffields Saison ist zu Ende, der Klub hat den Vertrag des Dübendorfers nicht verlängert, und Howson glaubt, dass er in England aufgrund der vielen Verletzungen keinen Klub mehr findet.

Gemäss Sheffields Pressechef hat Abdi in den letzten Monaten aber zumindest immer trainiert. 

Lamberti sagt, Abdi sei körperlich fit genug, um weiter Fussball zu spielen. Der 32-Jährige kann sich offenbar vorstellen, in die Schweiz zurückzukehren.

«Almen hat alles, um in der Schweiz den Unterschied zu machen.»
Trainer Bernard Challandes

Nur: Wer verpflichtet einen Routinier, der drei Jahre lang kaum gespielt hat und kaum Interesse hat, einen streng leistungsbezogenen Vertrag zu unterschreiben?

Lamberti schliesst einen Rücktritt nicht aus, sollte kein ambitionierter Verein Abdi ein Angebot machen. Aus Challandes Sicht wäre das ein Versäumnis: «Almen hat alles, um in der Schweiz den Unterschied zu machen.»

Allerdings gibt auch er zu bedenken, dass Abdi wohl einen längeren Aufbau bräuchte. 
 

Ausserdem stellt sich die Frage: Hat der 32-Jährige nach der deprimierenden Erfahrung in Sheffield den Willen, es nochmals allen zeigen zu wollen?

­Finanziell muss er sich kaum Sorgen machen, dem Dübendorfer gehören angeblich mehrere Wohnblocks in der Region Zürich.

2010, als er bei Udinese bloss auf der Bank sass, sagte Abdi: «Ich weiss jetzt, wie schnell es geht vom Hero to Zero – und hoffentlich umgekehrt.»

In Watford ging es bergauf, in Sheffield abwärts. Und nun? Die Zeichen stehen eher auf Abschied, aber Abdi war eins immer wieder: gut für eine Überraschung. (Nikolas Lütjens)

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