nach oben

Anzeige

Sport
Porträt von Gilles Roulin auf dem Hochwachtturm bei Egg.

Gilles Roulin auf dem Pfannenstielturm: «Wenn du mit dem Kopf am Start nicht zu 100 Prozent bei der Sache bist, dann wirds sehr gefährlich.». Foto: Christian Merz

Gilles Roulin tritt zurück

«Und dann schoss mir durch den Kopf: Könnte das nun das letzte Mal sein?»

Nach 102 Weltcup-Starts beendet Gilles Roulin seine Karriere. Der 29-jährige Grüninger erzählt, wie der Rücktritt plötzlich zum Thema wurde – und warum er sich nicht auf der grossen Bühne verabschiedet.

Gilles Roulin auf dem Pfannenstielturm: «Wenn du mit dem Kopf am Start nicht zu 100 Prozent bei der Sache bist, dann wirds sehr gefährlich.». Foto: Christian Merz

Veröffentlicht am: 27.03.2024 – 17.00 Uhr

Im Februar 2017 debütierte er im Weltcup – sieben Jahre, zwei Weltmeisterschaften und eine Olympia-Teilnahme später tritt Gilles Roulin nun zurück.

Der 29-jährige Grüninger feierte im Europacup zehn Siege und stand insgesamt 13-mal auf dem Podest. Auf höchster Stufe blieb ihm dies verwehrt. Ein 4. Rang in der Abfahrt von Val Gardena 2018 ist sein Bestresultat.

Gilles Roulin, wann hatten Sie den ersten konkreten Gedanken an den Rücktritt?

Gilles Roulin: Der kam erstmals in Bormio Ende Dezember, zehn Minuten vor dem Start zum ersten Training. Da fragte ich mich, ob ich noch am richtigen Ort bin. Ich konnte das in dem Moment nicht beantworten. Aber der Gedanke löste vieles aus.

Junge mit grüner Jacke,
Eines der ersten Bilder aus unserem Archiv, das Gilles Roulin im Oktober 2011 nach einem Nachwuchsrennen im Zielraum zeigt. Foto: PD

Hatten Sie sich vorher noch nie mit der Frage befasst, wie lange Sie noch fahren wollen?

Vor der Saison war der Plan, mindestens bis Mailand 2026 weiterzumachen, ich wollte mich für die Olympischen Spiele qualifizieren. Natürlich, ich hatte schon Saisons, in denen es mir sehr schlecht lief und die Frage berechtigt gewesen wäre. Aber sie stellte sich für mich nie.

Der Gedanke kam in Bormio also sehr früh in der Saison und wie aus heiterem Himmel. Was passierte dann mit Ihnen?

Ich erschrak. Am Nachmittag im Hotel ging es mir sehr nahe.

Hatten Sie die Freude verloren?

Nein, die war immer da. Aber am Start hatte sich etwas verändert. Ich schaffte es nicht mehr, komplett im Moment zu sein. Diese Klarheit ist eine Grundvoraussetzung, um alles zu geben, alles zu riskieren. Sie ging verloren. Ich versuchte mich auf die Saison zu konzentrieren, die Zukunft auszuschalten, eins nach dem andern zu nehmen. Das gelang immer bis kurz vor dem Start. Und dann schoss mir wieder durch den Kopf: Könnte das nun das letzte Mal sein? Wie weit bist du im Prozess? Hast du dich schon entschieden?

Sikerennfahrer passiert in hohem Tempo ein Tor.
Die Saison 2022/2023 war die zweitbeste in der Karriere von Gilles Roulin – hier beim Super-G im März letzten Jahres in Aspen. Foto: STF

Und wann fiel der Entscheid?

Auf dem Stoos im Training vor den Rennen in Kvitfjell. Da merkte ich, dass sich auch im Training etwas geändert hatte. Ich spürte: In mir ist der Entscheid gefallen. Das war der Punkt.

Das klingt nach einem Bauchentscheid, nicht nach einem rationalen Entscheid. Sind Sie froh darüber?

Ja! Ich hatte nie einen Moment, in dem ich dachte, ich müsse schon vor dem Rücktritt das Comeback geben. Rational hätte es diverse Argumente für das eine oder das andere gegeben.

Was hätte für ein Weitermachen gesprochen?

Das Sportlerleben weiterzuleben. Ich habe es immer genossen und als Riesenprivileg empfunden. Man hat so viele Freiheiten, es gibt so viele Dinge, die einem abgenommen werden – man muss sich dessen auch bewusst sein. Und ich liebe das Skifahren.

Was sprach für den Rücktritt?

Das Leben geht nach dem Sport weiter. Ich machte in diesem Jahr viele Flüchtigkeitsfehler, die ich auch auf diese Gedanken zurückführe. Und da muss man auch sagen: Wenn du mit dem Kopf am Start nicht zu 100 Prozent bei der Sache bist, dann wirds sehr gefährlich. Es ist ja so schon gefährlich. Dazu kommt: Ich habe es nicht geschafft, mich zu verbessern. Die Saison war ein Rückschritt.

Und das, nachdem die Saison 2022/2023 die zweitbeste Ihrer Karriere war. Führen Sie den ausbleibenden Schritt nach vorn auf die Rücktrittsgedanken zurück?

Natürlich. Wenn du gegen die Besten der Welt bestehen willst, aber mehr mit dir selber kämpfst, bist du nicht mehr konkurrenzfähig. Es war für mich nicht schwierig, meine Resultate zu erklären, ich wusste ja, was in mir los ist. Gegen aussen erzählte ich das aber natürlich nicht, es war ein Prozess, den ich selber mit mir verhandeln musste.

Porträt von Gilles Roulin auf dem Hochwachtturm bei Egg.
Im Sport ging es hoch hinaus, persönlich mag er Tiefgang: Gilles Roulin suchte die Öffentlichkeit nie. Foto: Christian Merz

In Kvitfjell fuhren Sie Ihre letzten Weltcup-Rennen – genau wie Ralph Weber, der seinen Rücktritt kurz vorher bekannt gab. Warum machten Sie Ihren Entscheid nicht schon da öffentlich?

Weil er erst kurz davor fiel und ich auch privat noch niemanden informiert hatte. Ich wäre nicht vorbereitet gewesen. Und es war mir nicht wichtig, eine Bühne zu haben. Bei Ralph war es anders, für ihn war der Entscheid schon länger gefallen, er hatte eine andere Vorbereitungszeit. Mir war es wichtig, abzuwarten, um zu wissen, dass es nicht einfach ein spontanes Gefühl ist, sondern der richtige Entscheid. Jetzt bin ich zufrieden und völlig mit mir im Reinen.

Es passt zu Ihnen, dass Sie keine Bühne wollten. Sie suchten die Öffentlichkeit nie – obschon der Skisport in der Schweiz sehr beliebt ist.

Es ist sehr schön, dass Skifahren diesen Stellenwert in der Gesellschaft hat. Aber am Ende ging es mir um die Freude am Sport. Die öffentliche Meinung ist immer extrem, schwarz oder weiss. Es wird nie ein vollständiges Bild abgebildet. Als ich nach meinem tollen Europacup-Winter in den Weltcup kam, war ich ein Aufsteiger und merkte: Ich bin ein Symbol für etwas, es werden Verbindungen hergestellt und Projektionen erzeugt. Das entspricht mir nicht, darum suchte ich das nicht. Wohlgemerkt: Die Aufmerksamkeit brachte mir auch Möglichkeiten, die ich nicht missen will. Aber vieles ist oberflächlich, und diese Oberflächlichkeit mag ich nicht so. So bin ich.

Ihre Resultate waren oft nur eine Randnotiz, obwohl Sie sieben Jahre lang mehr oder weniger zu den besten 30 Abfahrern der Welt gehörten.

Es ist im Spitzensport ja allgemein so: The winner takes it all. Ich würde nie sagen, dass das unfair ist. Der Gewinner kann zwar nur der Gewinner sein, wenn viele andere mitmachen. Aber ohne persönlichen Bezug zu einem Sportler interessiert sich der Zuschauer nur für den Sieg oder das Podest. Das ist das Brutale und auch das Schöne am Sport: Es ist klar, es ist ehrlich.

Aber Sie werden Ihre Leistungen ja für sich selber anders bewerten?

Klar, das ist auch wichtig und richtig. An einem Tag zu den besten zehn der Welt zu gehören, das ist irrsinnig. Das realisiert man jeweils erst im Nachhinein. Im Moment denkst du: Mist, neun waren noch besser. Aber das sind coole Momente, auch wenn sie nicht gleich viel zählen wie ein Sieg.

Gibt es Momente, in denen Ihre Karriere einen anderen Verlauf hätte nehmen können?

Es gibt ein, zwei Entscheide, die ich hätte anders treffen können – ob es besser herausgekommen wäre, weiss aber niemand. Ich schaffte es über meine ganze Karriere, im Rennen meine besten Leistungen zu bringen. Ich war nie im Training schnell und im Rennen nicht, meistens war das Gegenteil der Fall. Das zeigt mir: Ich habe aus meinen Möglichkeiten viel gemacht.

Wie hätten Sie noch mehr herausholen können?

Was mir geholfen hätte, wäre eine Mentorfigur, wie ich es kurzzeitig mit Bertrand Dubuis hatte. Er war ein sehr spezieller Trainer für mich, mit ihm stimmte es einfach von Beginn weg. Ohne ihn wäre ich nicht in den Weltcup gekommen. Danach konnten wir leider nicht mehr zusammenarbeiten – eine solche Figur hätte ich mir auch später gewünscht.

Porträt von Gilles Roulin auf dem Hochwachtturm bei Egg.
«Es ging mir immer auch darum, Werte wie Leidenschaft und Demut vorzuleben»: Gilles Roulin bestreitet an der SM in Davos sein letztes Rennen. Foto: Christian Merz

Sie haben die positiven Seiten des Lebens als Spitzensportler erwähnt. Worüber sind Sie – neben der Medienpräsenz – froh, dass es nun wegfällt?

Am Start den Druck zu fühlen und den inneren Kampf auszutragen zwischen dem Verdrängen des Risikos und der Bereitschaft, loszulassen und alles zu geben. Dieses Gefühl macht dich als Athlet einerseits fast fertig, und gleichzeitig ist es beinahe ein Lebenselixier. Es sind extrem intensive Momente, in denen du komplett auf dich selbst zurückgeworfen wirst. Da erkennst du, wer du wirklich bist. Und wenn du ehrlich bist zu dir selber, siehst du nicht nur die schönen Dinge. Ich habe nichts dagegen, dass ich das nicht mehr durchleben muss. Und die Gletschertrainings im Sommer werden mir auch überhaupt nicht fehlen.

Auf dem Gletscher wird der Klimawandel sichtbar, und in dieser Saison gab es viele Rennabsagen. Sie fuhren so wenige Rennen wie noch nie zuvor, Sie hatten viel Zeit zum Nachdenken.

Ja, ich hatte mehr Freizeit. Man muss sich damit auseinandersetzen und die Realität akzeptieren – es ist alternativlos. Da nützt lamentieren nichts. Es ist halt so. Auch hier, es sind äussere Umstände, die man als Sportler nicht direkt beeinflussen kann. Eine gewisse Romantik geht so verloren. Der Wunsch wäre gross, dass es wenigstens noch einige Winter gibt, die so sind, wie man es sich vorstellt.

Hatten Sie zu viel Zeit zum Nachdenken? Sie konnten sich ja in dieser Saison erstmals nur auf den Sport konzentrieren, vorher waren Sie immer mit dem Jusstudium beschäftigt.

Hätte ich weitergemacht, hätte ich definitiv wieder etwas angefangen! Einerseits schätzte ich es sehr, mehr Zeit zu haben. Aber für meine Leistungsfähigkeit war es nicht schlecht, mich neben dem Sport mit etwas zu beschäftigen. Unter Strom zu stehen, hilft mir.

Nun haben Sie zum Abschluss Ihrer Karriere noch die SM in Abfahrt und Super-G in Davos vor sich. Die Schweizer Meisterschaften waren Ihnen immer wichtig. Warum?

Fährt man im Weltcup, verkörpert man etwas, das viele erreichen wollen. Man ist immer auch Botschafter seines Sports. Und wo ist es wichtiger, Botschaften zu vermitteln, als beim Nachwuchs? Das war mir immer wichtig. Und es ging mir immer auch darum, Werte wie Leidenschaft und Demut vorzuleben. Ich hatte ein beeindruckendes Erlebnis, als ich 16 war. Didier Cuche machte damals gegen Ende seiner Karriere an einem SM-Riesenslalom mit. Er bremste vor dem Ziel ab, damit er nicht allen zwei Sekunden davonfährt, was den Jungen bessere Fis-Punkte ermöglichte. Und im Ziel packte er eine Schaufel und half oben mit, bis der Letzte kam. Da sagte ich mir: Wow, was für ein Sportler! Genau so soll es doch sein.

Kommentar schreiben

Bitte geben Sie ein Kommentar ein.

Wir veröffentlichen Ihren Kommentar mit Ihrem Vor- und Nachnamen.
* Pflichtfeld

Anzeige

Anzeige