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Ustermer Spitzenruderin

Wie Gmelin ihr grosses Ziel verpasste, aber doch nichts bereute

Jeannine Gmelin gewann 2021 zwar keine Olympiamedaille. Dafür erhielt sie Gewissheit darüber, dass ihr spezieller Weg kein falscher war.

Florian
Bolli
Dienstag, 21. Dezember 2021, 17:07 Uhr Ustermer Spitzenruderin

Olympia-Fünfte in Rio de Janeiro 2016. Olympia-Fünfte in Tokio 2021. Und trotzdem sagte Jeannine Gmelin nach dem Final, den sie im Vorfeld als das «wichtigste Rennen der Karriere» bezeichnet hatte, sie gehe mit erhobenem Haupt heim.

Um das, was auf den ersten Blick nach Stagnation aussah, richtig einordnen zu können, muss man weit zurückblättern. Bis ins Jahr 2019, als die Ustermerin sich nach einem Zerwürfnis mit dem Verband dazu entschied, fortan ihre eigene Chefin zu sein und mit Coach Robin Dowell ein Privatteam zu bilden. Ein Schritt, mit dem aus einer Sportlerin auch eine Unternehmerin wurde – eine Neuausrichtung, die von der Ustermerin viel abverlangte, nicht zuletzt auch mental.

Und dann kam das Jahr 2020 und damit die Pandemie, die noch einmal alles über den Haufen warf – und vor allem Gmelins grosses Ziel, die Olympischen Spiele in Tokio, um ein Jahr nach hinten verschob. «Der Weg hat sich verändert, das Ziel bleibt dasselbe», lautete ihr Motto diesbezüglich.

Aber ist es auch der richtige Weg? Auf diese Frage erhielt Gmelin im April 2021 an der EM in Varese eine erste Antwort. Als einzige Schweizerin holte sie dort eine Medaille, die bronzene war es, und mit ihr gewann Gmelin die Gewissheit, dass sie sich nicht auf dem Holzweg befindet, sondern wieder zu den weltbesten Skifferinnen gehört.
 

Doch dann kam die Weltcup-Regatta auf dem Rotsee – und Gmelin brillierte nicht, sondern schaffte es nur knapp in den A-Final, wo sie Letzte wurde. «Ich bin gerade etwas geschockt», sagte sie im TV-Interview – doch die Ustermerin pflegt ihre eigene Leistung jeweils erst nach einer Analyse öffentlich zu beurteilen.

Und dieses Urteil über die Olympia-Hautprobe fiel letzlich nicht dermassen vernichtend aus. Denn sie trainierte nicht auf dieses Rennen hin, sondern nur auf das grosse Ziel Olympia.

In Tokio schien sie auf Kurs, die Spiele waren für sie ein Steigerungslauf. Im Vorlauf und im Viertelfinal lieferte sie zwar nicht absolute Spitzenleistungen ab, aber solche, die den Zweck erfüllten und sie eine Runde weiterbrachten. Im Halbfinal überzeugte sie und musste sich nur von Saisondominatorin Hanna Prachatsen (gewann später Silber) bezwingen lassen.

Doch dann kam der Final, und die Medaille, die sich die 31-Jährige insgeheim erhofft hatte, konnte sie sich nicht umhängen lassen. 1,2 Sekunden fehlten nach einem engen Rennen, in dem keine Athletin Schwächen zeigte.

«Lässt man die Athletinnen auf den Rängen 3 bis 5 mehrfach gegeneinander Rudern, gewinnt jedes Mal eine andere», sagte Trainer Dowell später. Und Gmelin fand nach der ersten Enttäuschung mit Blick auf die letzten Jahre dann doch: «Ich bereue keinen einzigen Schritt.»

Unterdessen ist klar: Weitere Schritte werden folgen, Gmelin arbeitet auf die Olympischen Spiele in Paris 2024 hin. Und künftig bringt sich Gmelin auch sportpolitisch ein: Die Ustermerin wurde als Athletenvertreterin in den Exekutivrat von Swiss Olympic gewählt.

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