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LCU-Läufer Tadesse Abraham

Er wechselt die Schuhe, dann kommt der Muskelkater

Marathon-Rekordhalter Tadesse Abraham startet in Äthiopien in die Olympiasaison. Der Läufer des LC Uster verrät, wieso auch er Beschwerden hat und was seine Aufgabe beim neuen Ausrüster ist.

Redaktion
Züriost
Montag, 11. Januar 2021, 13:30 Uhr LCU-Läufer Tadesse Abraham
Vor der Abreise nach Äthiopien ein Testlauf am Zürichsee: Tadesse Abraham.
Foto: PD

Die Schweizer Leichtathleten getrauen sich kaum, es laut zu sagen: Aber die vergangene Saison, die mit dem Lockdown im Frühling ins Nichts zu schlittern drohte, bot bald schon wieder kleinere und grössere Meetings, später sogar Meisterschaften, und trotz Corona über den ganzen Sommer hinweg nicht erwartbare sportliche Highlights. Und endete dank viel Verbandseinsatz in überraschender Minne.

Ausser für die Marathonläufer. Mit wenigen Ausnahmen trainieren sie nur noch – seit über einem Jahr. Ihre Rennen sind Massen-Events, ob in Tokio, Zürich oder New York, und wurden deshalb entweder verschoben und dann doch abgesagt oder bestenfalls auf handverlesene Elitefelder geschrumpft.

Eine willkommene Startgelegenheit

Tadesse Abraham vom LC Uster, der Schweizer Rekordhalter, hat im Oktober 2019 an der WM in Doha seinen letzten Wettkampf über die 42,195 km bestritten. Dass er sich gleich für die Olympischen Spiele qualifizierte, die nun in diesem Sommer stattfinden sollen, war und ist noch immer sein Glück.

Aber nun, mit dem neuen Jahr, gibt es nicht nur für ihn neue Perspektiven und einen neuen Anlauf: Swiss Athletics will am 14. März auf dem Flughafen Bern-Belp einen Olympiaqualifikations-Marathon auf homologierter Strecke organisieren.

Wie wichtig für Abraham diese Startgelegenheit ist, obwohl er die Tokio-Richtlinie bereits erfüllt hat, zeigt sein Trainingsplan: Der 38-Jährige weilt seit Ende Dezember wieder im Hochland Äthiopiens und wird erst kurz vor dem Rennen heimkehren. Weder die Corona-Pandemie noch die Unruhen vor einigen Wochen im Grenzgebiet zu Eritrea hielten ihn von der Reise ab.

«Ich verhalte mich gleich wie in der Schweiz: Ich halte Abstand und wasche mir viel die Hände.»

Tadesse Abraham

«Ich lebe in Sululta ausserhalb Addis Abebas auf 2800 m in einem Hotel. Und ich verhalte mich gleich wie in der Schweiz: Ich halte Abstand und wasche mir viel die Hände», sagt er. Aber auch ihn erstaune, wie wenig Corona ein Thema sei in der Bevölkerung.

Das Wetter ist ideal

Nicht nur die Höhenlage ist für ihn, der in Eritrea auf 2300 m aufwuchs, von Vorteil, das Wetter ist im Vergleich zur Schweiz geradezu ideal: Frühmorgens frisch, gegen Mittag 18 Grad, am Nachmittag wärmer. In den vergangenen sieben Tagen ist Abraham 200 km gelaufen und zufrieden mit den Leistungen.

Selbstverständlich ist das nicht. Denn das neue Jahr brachte auch einen neuen Ausrüster, Abraham ist in neuem Schuhwerk unterwegs. Sein langjähriger Vertrag mit Adidas ist Ende 2020 ausgelaufen just dann, als der deutsche Hersteller glaubte, mit seinem eigenen Carbonschuh den Anschluss an das übermächtig scheinende Nike-Modell geschafft zu haben.

Abraham hatte in den letzten zwei Jahren wiederholt durchscheinen lassen, dass die Situation für Nicht-Nike-Athleten psychologisch anspruchsvoll sei. Doch das sind tempi passati.

Tadesse Abraham hat einen Schuhwechsel hinter sich.
PD

Ein besseres, weil längerfristigeres Angebot als jenes von Adidas erhielt der Olympia-Siebte von 2016 vom Schweizer Hersteller On. Dieser versucht sich nun offenbar mit einem Carbonschuh auch im Marathonbereich festzusetzen – als Laufschuh-Hersteller bezeichnet er sich schon seit der Gründung vor gut zehn Jahren. Neben Olympiasiegerin Nicola Spirig und weiteren Triathleten ist Abraham der sechste Schweizer in der 60-köpfigen Athletengruppe, die von On unterstützt wird.

«Ich bin eng in die Entwicklung eines neuen Laufschuhs eingebunden, meine Erfahrung und meine Tipps sind da hineingeflossen.»

Tadesse Abraham

Und er ist der erste spezialisierte Marathonläufer neben einigen Ironman-Triathleten. Gerade das, aber auch das «Refugee Team», eine Gruppe von Flüchtlingen, die von On gefördert werden, reizt ihn. «Ich bin eng in die Entwicklung eines neuen Laufschuhs eingebunden, meine Erfahrung und meine Tipps sind da hineingeflossen», sagt er. Zudem schätze er sehr, dass es eine Schweizer Firma sei, die ihren Sitz in Zürich habe und die Wege so kurz bleiben.

Wie wenn man am Boden schläft

Wie sehr beansprucht ein Schuhwechsel auf längeren Distanzen Muskeln und Sehnen? «Am Anfang hatte ich ein wenig Muskelkater, das ist klar», gibt er zu. Und vergleicht dann lachend: «Für mich ist das, wie auf einer Matratze oder auf dem Boden zu schlafen. Auf der Matratze schläfst du durch, auf dem Boden erwachst du in der ersten Nacht ab und zu. Allmählich gewöhnst du dich aber an den Boden und schläfst dann auch durch.»

Er glaubt, entgegengekommen sei ihm in den ersten Wochen wohl, dass er in Äthiopien mehrheitlich auf weichem Untergrund gelaufen sei.

Das wird auf dem Flughafen Bern-Belp dann anders sein. Härter. Aber wie in Amsterdam, Rio, Wien und Doha. Und dort war er erfolgreich. (Monica Schneider)

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