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50 Plus
Peter Frischknecht

Der heute 77-jährige Peter Frischknecht reflektiert seine erfolgreiche Radquerkarriere und spricht über die Höhen und Tiefen während dieser Zeit. Foto: Tanja Frei

Verlagsbeilage «50 Plus – Mitten im Leben»

«Die Schweizer Cyclocross-Szene war wie eine Familie für mich»

Der ehemalige Radprofi Peter Frischknecht blickt im Interview auf eine steile Radquer-Karriere zurück. Der 77-jährige Ustermer spricht über Erfolge und Rückschläge sowie seinen grossen Stolz auf Sohn Thomas und Enkel Andri Frischknecht, die den Radsport in der Familie erfolgreich weiterleben lassen.

Der heute 77-jährige Peter Frischknecht reflektiert seine erfolgreiche Radquerkarriere und spricht über die Höhen und Tiefen während dieser Zeit. Foto: Tanja Frei

Veröffentlicht am: 04.10.2023 – 12.25 Uhr

Herr Frischknecht, wie sah der Start in Ihre Sportkarriere aus?

Peter Frischknecht: In meiner Zeit in der Sekundarschule in Dübendorf war ich zunächst im Fussball aktiv. Ein spontaner Start bei einem Waldlauf brachte mich dann zum Laufsport. Obwohl ich viele Läufe für mich entschied, begeisterte mich das Laufen aber nie besonders.

Weshalb Sie dann zum Radsport übergingen?

Diese Entwicklung ergab sich eher zufällig. Mein Nachbar Albert Meier, Mitglied des Veloclubs Nänikon-Volketswil, in dem ich Stafettenläufer war, fragte mich, ob ich nicht auch mal in einem Quervelorennen starten möchte. Ich stimmte zu und merkte schnell, dass mir der Radquer-Sport viel mehr Freude bereitet als das Laufen. Allerdings war das Beschaffen der Ausrüstung komplizierter: Ich musste mir eigene Quervelos besorgen, sowohl für den Sommer als auch für den Winter.

Wie haben Sie das gelöst?

Ich durfte das Strassenvelo eines Freundes abkaufen und rüstete dieses selbst zum Quervelo um. Für den Winter übernahm ich das alte Tourenvelo von meinem Bruder, das fünf oder sechs Gänge hatte, und erntete an den Rennen natürlich viele schräge Blicke mit diesen Provisorien.

Ende 1960er Jahre gehörten Sie zu den Initiatoren des Radquer-Sports in der Schweiz. Wie lief das ab?

Es gab bereits vor meiner Zeit herausragende Radquer-Fahrer wie Albert Meier, Arnold Hungerbühler und Emanuel Plattner. Sie alle waren grosse Vorbilder für mich. Als mein Freund Hermann Gretener 1966 bei der UCI-Weltmeisterschaft den zweiten Rang erzielte und ich 1967 Dritter wurde, begann das Radquer in der Schweiz so richtig zu boomen. Während den ganzen 1970er Jahren waren mein grösster Konkurrent Albert Zweifel und ich international an der Spitze. Er wurde viermal Weltmeister und ich viermal Zweiter. Wir fuhren jedes Wochenende mindestens zwei Rennen und bis zu 36 in der gesamten Wintersaison.

Radquer (Cyclocross) wird im Freien auf Naturboden durchgeführt. Das Fahrrad mit gebogenem Rennlenker ähnelt dem herkömmlichen Rennvelo sehr, ist aber dem Untergrund entsprechend stabiler. Zudem sind die Reifen des Quervelos (heute Gravelbike) durchgängig stärker profiliert und breiter. Im Vergleich zum Mountainbike zeichnen sich Gravelbikes durch niedriges Gewicht und eine sportive Position aus. Mountainbikes wiederum glänzen vor allem mit Komfort im Gelände und einer entspannteren Haltung. In der Schweiz wurden 1912 nationale Radquer-Rennen durchgeführt. Seine Blütezeit erlebte der Sport von den 1970er Jahren bis in die 1990er Jahre hinein. Nach der Jahrtausendwende verschwand der Quersport vorübergehend von der Bildfläche. Nicht zuletzt aufgrund des Aufstiegs der Mountainbiker.

Wie war Ihr Verhältnis zu Albert Zweifel, nachdem er Sie über diese Jahre hinweg stets auf dem zweiten Rang sitzen liess?

Da möchte ich nicht zu sehr ins Detail gehen. Die Schweizer Cyclocross-Szene war immer wie eine grosse Familie für mich. Wir trainierten zusammen und unterstützten einander gegenseitig. Albert Zweifel hielt sich da aber eher raus und zog sein Ding durch. Zusätzlich konnte er das ganze Jahr über an den Rennen starten. Ich lediglich in der Wintersaison. Den Sommer über arbeitete ich jeweils als Maurerpolier, was eine gute Abwechslung für mich war. Zweifel war mein grösster Konkurrent, und wir hatten nicht viel miteinander zu tun. Wenn wir uns heute über den Weg laufen, grüssen wir uns. Das ist alles, was zählt.

Welche war die grösste Herausforderung, die Sie in Ihrer Cyclocross-Karriere meistern mussten?

1979 zog ich mir die schwerste Verletzung in meiner Karriere zu. Ich riss mir bei der UCI-Weltmeisterschaft in Saccolongo in Italien in der letzten Runde die Achillessehne. Eine Woche zuvor stürzte ich in Wetzikon, weil mir ein Mitstreiter unabsichtlich in die Ferse fuhr, was die Sehne bereits reizte. Die Strecke in Saccolongo war extrem anspruchsvoll und der Unfall schmerzhaft und prägend. Der Heilungsprozess entpuppte sich für mich als grosse Geduldsprobe, weil ich lange nicht wusste, wie ich da wieder rauskomme. Es dauerte mehrere Monate, bis ich wieder an der Startlinie eines Rennens stehen konnte. Da hatte ich echt zu beissen. Zum Glück war ich in guten ärztlichen Händen, die ebenfalls wollten, dass ich schnell wieder starten kann. Sie haben gute Arbeit geleistet, denn bis heute habe ich aufgrund dieser Verletzung keine Beschwerden.

Ich war es mir zwar gewohnt, viel zu arbeiten, doch diesen Übergang zurück ins Vollzeit-Arbeitsleben erlebte ich als fast pausenlos.

Peter Frischknecht, ehemaliger Quervelo-Profi

Welche Momente oder Rennen in Ihrer Karriere sind Ihnen am stärksten in Erinnerung geblieben und warum?

Die nationale Meisterschaft 1978 ein der Zürcher Waid bleibt mir besonders im Gedächtnis. Die Atmosphäre war elektrisierend, und ich konnte Albert Zweifel zum ersten Mal schlagen.

1984 beendeten Sie Ihre Sportkarriere. Was war der Grund dafür?

Ich war 38 und begann meine Zukunft zu überdenken. Ich hatte die Idee, ein Velogeschäft zu eröffnen, doch das Leben spielte anders. Ein Freund von mir, mit dem ich bereits zuvor einige Bauprojekte umsetzte, fragte mich, ob ich sein Cheminée-Geschäft übernehmen möchte. Dass mir das bauliche Handwerk viel Freude bereitete, wusste ich bereits, da ich immer über die Sommersaison auf dem Bau arbeitete. Mein Bauchgefühl sagte mir «übernimm dieses Geschäft». Danach erhielt ich sofort Aufträge von Kollegen, die ich vom Sport kannte.

Wie erlebten Sie diesen Übergang nach so vielen Jahren Velokarriere?

Ich war es mir zwar gewohnt, viel zu arbeiten, doch diesen Übergang zurück ins Vollzeit-Arbeitsleben erlebte ich als fast pausenlos. Mit dem Bauboom Mitte der 1980er bis 1990er Jahre konnte ich mich kaum vor Aufträgen retten. In 22 Jahren setzte ich tausend Chemineé-Projekte um und arbeitete viel. Das dies möglich war, verdanke ich allein meiner Frau Ingrid, die mich immer unterstützte.

Wir sind unglaublich stolz auf unseren Sohn Thomas und unseren Enkel Andri.

Fehlte Ihnen das Radfahren nicht?

Das Radfahren fehlte mir sehr, weshalb ich schon bald eine Velogruppe gründete, mit der ich einmal pro Jahr nach Italien fuhr. Wir verbrachten jährlich eine Woche Aktiv-Ferien und legten täglich bis zu 120 Kilometer auf dem Strassenvelo zurück. Mit 60 hörte ich dann auf zu arbeiten, und meine Frau und ich kauften einen Camper. Noch heute packen wir in der Nebensaison unsere Velos ein und fahren für fünf bis sechs Wochen weg. Dieser Camper ist unser zweites Zuhause, und wir legten mittlerweile Strecken von Marokko bis zum Nordkap zurück.

Peter Frischknecht
Nach seiner Radsportkarriere verbrachte Frischknecht gerne Aktiv-Ferien und legte täglich bis zu 120 Kilometer auf dem Strassenvelo zurück. Auch heute fährt er noch Velo, jedoch nicht mehr ganz so ambitioniert. Foto: Tanja Frei

Wie war es für Sie, die Karriere Ihres Sohnes Thomas Frischknecht als «erfolgreichster Mountainbiker» aller Zeiten zu verfolgen?

Thomas wuchs mit dem Radsport auf und war von klein auf an den Rennstrecken mit dabei. Er hatte grosse Freude und Interesse daran. 1973 bekam ich von einem Sponsor ein Kinder-Rennvelo geschenkt. Ab diesem Zeitpunkt war Thomas nicht mehr zu stoppen und fuhr seine ersten Rennen. Uns war es jedoch wichtig, dass ihm das Rennen-Fahren lange Freude bereitete und erlaubten ihm deshalb, an «nur» acht bis zehn Rennen pro Saison zu starten. Viele junge Fahrer wollen schnell zu viel, verlieren nach einer Saison die Freude und sind weg vom Fenster. Das sollte ihm nicht passieren. Auf diese Weise konnte er auch seine Ausbildung absolvieren. Danach reiste er für drei Monate nach Amerika, brachte bei seiner Rückkehr den Mountainbike-Sport mit nach Europa und holte einen Sieg nach dem anderen nach Hause.

Wie empfanden Sie es, dass er sich dem Mountainbiken zuwandte und nicht dem Quervelo?

Obwohl ich mir manchmal wünschte, er hätte sich auch dem Cyclocross gewidmet, wollte ich keine Bremse sein. Er hat seine Karriere eigenständig aufgebaut und ist dabei immer bodenständig geblieben. Wir haben ihn nach Kräften unterstützt und begleiteten ihn zu Rennen auf der ganzen Welt. Er hat das Mountainbiken nach Europa gebracht und wurde in den USA als Sportler des Jahres ausgezeichnet. Wir sind unglaublich stolz auf ihn und auch auf unseren Enkel Andri, der heute im Cross-Country-Mountainbiking ebenfalls ganz vorne mitfährt.

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