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Konferenz in Pfäffikon

Kaffeemaschine und Kreativraum – die U-Haft wird freundlicher

Zürich lockert seine Regeln bei der Untersuchungshaft. An einer Pressekonferenz im Gefängnis Pfäffikon erläutert der Kanton, dass Häftlinge neu zum Beispiel mehr Zeit ausserhalb der Zelle verbringen dürfen.

Redaktion
Tamedia
Montag, 07. November 2022, 14:22 Uhr Konferenz in Pfäffikon
Blick in die Räumlichkeiten des Gefängnisses in Pfäffikon
Blick in die Räumlichkeiten des Gefängnisses in Pfäffikon anlässlich der Jahresmedienkonferenz des Zürcher Justizvollzugs.
Foto: Ennio Leanza/Keystone

Der Kanton Zürich ist von seinem ursprünglich harten Regime bei der Untersuchungshaft abgekommen. Heute dürfen Untersuchungshäftlinge täglich bis zu acht Stunden statt nur eine Stunde ausserhalb der Zelle verbringen.

Neu gibt es unter anderem auch einen Kreativraum und eine Kaffeemaschine. Besuche dürfen die Insassen auch an Wochenenden oder am Abend empfangen, wie Roland Zurkirchen, Direktor der Untersuchungsgefängnisse Zürich am Montag an der Jahresmedienkonferenz des Amts für Justizvollzug und Wiedereingliederung im Gefängnis Pfäffikon erklärte.

Erhalten Inhaftierte Besuch ihrer Kinder, können sie diese in speziellen Besuchszimmern, ohne Trennscheibe, empfangen. Diese sind spielerisch und farbenfroh gestaltet, wie sich auf einem Rundgang durch das Gefängnis Pfäffikon zeigte. In den Zimmern können Inhaftierte auch via Videotelefonie mit den Angehörigen Kontakt halten. In einem Kreativraum stellen sie Bilder her, die in den Gängen des Gefängnisses aufgehängt werden.

Zigaretten und Kaffee

Neu sind auch die Arbeitsmöglichkeiten in der Untersuchungshaft. Dafür gibt es etwa ein Werkzimmer, in dem Gefangene auch wohnen. Dieses gilt als beliebt, weil hier, im Gegensatz zu den Zellen, geraucht werden darf. Bildung spielt ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Wiedereingliederung der Inhaftierten.

Das Pfäffiker Gefängnis.
Es gibt auch Möglichkeiten, sich kreativ zu betätigen.
Foto: Ennio Leanza/Keystone

Da sich die Gefangenen acht Stunden lang frei auf ihrem Stock bewegen können, steht eine Kaffeemaschine im Gang. Den Kaffee müssen sie allerdings selber zahlen. Im Kiosk können sie dazu einmal pro Woche einkaufen. Am beliebtesten sind Zigaretten und Proteinriegel. Der Fitnessraum und der kleine, vergitterte Hof zählen zu den beliebtesten Aufenthaltsorten.

Brian als «Elefant im Raum»

Das Gefängnis Pfäffikon wurde in den letzten vier Jahren komplett reorganisiert. Zuvor war es unter anderem in die Schlagzeilen geraten, weil Brian, früher bekannt als «Carlos», die Strukturen an die Grenzen gebracht hatte. Auch Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) nahm Bezug auf den bekannten Häftling. Sie sprach vom «Elefanten im Raum», gerade in Zusammenhang mit der Untersuchungshaft. Der Fall sei sehr herausfordernd, habe das Amt für Justizvollzug und Wiedereingliederung aber auch weitergebracht.

Fehr erzählte auch von einem persönlichen Erlebnis, das sie geprägt hatte. 2015 habe sie das Gefängnis Zürich besucht. Dabei erfuhr sie, dass die Inhaftierten nur einmal pro Woche duschen konnten. «Das ist nicht würdevoll», sagte sie. Im Justizvollzug wurde zu dieser Zeit allgemein ein dringender Reformbedarf der Untersuchungshaft erkannt.

Scharfe Kritik am Haftregime

2015 war auch prägend, weil sich eine junge Mutter aus Flaach ZH in Untersuchungshaft Suizid begangen hatte. Die Frau war inhaftiert, weil sie ihre Kinder getötet hatte. Fehr hatte danach eine erneute, genaue Untersuchung mehrerer Suizide in den Gefängnissen angekündigt.

Die Nationale Kommission zur Verhütung von Folter und das Schweizer Kompetenzzentrum für Menschenrechte hatten die frühere Zürcher Untersuchungshaft mit nur einer Stunde Hofgang zudem scharf kritisiert.

In den Zürcher Gefängnissen stehen aktuell über 500 Plätze für Untersuchungshäftlinge zur Verfügung. 50 Prozent der Inhaftierten verlassen das Gefängnis nach weniger als 30 Tagen. Nur 7 Prozent bleiben länger als ein halbes Jahr in Untersuchungshaft.

(SDA/hub)

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