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Ticker | Krieg in der Ukraine

Finnland will sich um Nato-Beitritt bewerben | Mariupol: Phosphorbomben auf Asow-Stahlwerk

Seit dem Einmarsch Russlands befindet sich die Ukraine im Krieg. Im Ticker finden Sie die neuesten Entwicklungen.

Redaktion
Tamedia
Donnerstag, 12. Mai 2022, 15:19 Uhr Ticker | Krieg in der Ukraine
Ein Schild gegen den Krieg.
Dem russischen Soldaten, der sich in ukrainischer Gefangenschaft befindet und dem Kriegsverbrechen vorgeworfen wird, droht die lebenslange Haftstrafe.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die im Stahlwerk von Mariupol eingeschlossenen ukrainischen Soldaten dürfen gemäss Angaben aus Kiew das Gelände nach dem Willen der russischen Belagerer nicht verlassen.
  • Die Streitkräfte der Ukraine haben Geländegewinne rund um Charkiw sowie im Osten des Landes vermeldet.
  • Moskau meldet die Vernichtung von jeweils mehr als ein Dutzend Munitionsdepots und Gefechtsstände der Ukraine.
  • Der ukrainische Aussenminister Dmitro Kuleba erklärte, dass das westliche Zögern bei den Waffenlieferungen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin einen Vorteil verschafft habe.
  • Parteien, die den russischen Angriffskrieg unterstützen, sollen in der Ukraine bald verboten werden können.
  • Die G7-Staaten wollen den ukrainischen Streitkräften notfalls jahrelang Waffen und andere militärische Ausrüstung für den Kampf gegen Russland liefern.
  • Die Nato-Länder stellen Finnland, das eine offizielle Bewerbung eingereicht hat, und Schweden eine rasche Aufnahme in Aussicht.
  • In der Schweiz wurden bisher 49'000 ukrainische Flüchtlinge registriert.

Artikel zum Krieg in der Ukraine in der Übersicht.

Finnland will Antrag auf Nato-Mitgliedschaft stellen

Finnland hat offiziell seine Bewerbung um den Nato-Beitritt beschlossen. Präsident Sauli Niinistö und Regierungschefin Sanna Marin teilten mit, der Staatschef und der aussenpolitische Ausschuss der Regierung hätten das Beitrittsgesuch am Sonntag vereinbart, zuvor sei dazu auch bereits das Parlament konsultiert worden. Niinistö und Marin sprachen von einem «historischen Tag» und einer «neuen Ära». Vertreter der Nato hatten kurz zuvor bei einem Treffen in Berlin Finnland wie auch Schweden die rasche Aufnahme in die Militärallianz in Aussicht gestellt (siehe Eintrag unten).

Die finnische Staatsführung hatte bereits vor einigen Tagen angekündigt, einen Nato-Beitrittsantrag stellen zu wollen. In Schweden wollen die regierenden Sozialdemokraten am Sonntag ihre Entscheidung über einen Nato-Beitritt des Landes bekanntgeben.

Die Bestrebungen Finnlands und Schwedens zur Aufnahme in die Nato waren durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ausgelöst worden. Der Nato-Beitritt wäre für beide nordische Länder nach Jahrzehnten der militärischen Bündnisneutralität ein tiefer Einschnitt.

Mariupol: Russische Phosphorbomben auf Asow-Stahlwerk nach ESC-Sieg

Russland hat das Asow-Stahlwerk in der Hafenstadt Mariupol nach ukrainischen Angaben mit Phosphorbomben beschossen. «Die Hölle ist auf die Erde gekommen. Zu Asowstal», schrieb der Mariupoler Stadtratsabgeordnete Petro Andrjuschtschenko am Sonntag im Nachrichtenkanal Telegram. Solche Brandbomben entzünden sich durch Kontakt mit Sauerstoff und richten verheerende Schäden an. Ihr Einsatz ist verboten. Andrjuschtschenko veröffentlichte dazu ein Video mit Luftaufnahmen, auf denen ein Feuerregen zu sehen ist, der auf das Stahlwerk niedergeht. Auf den zunächst nicht überprüfbaren Aufnahmen unklarer Herkunft war zudem Artilleriebeschuss der Industriezone zu sehen.

Andrjuschtschenko veröffentlichte zudem Bilder, die Aufschriften auf Bomben zeigen. Demnach soll das russische Militär damit auf den Sieg der Ukraine beim Eurovision Song Contest (ESC) reagiert haben. Es war zunächst nicht klar, woher diese Fotos stammten. Auf den mutmasslichen Bomben war demnach auf Russisch zu lesen: «Kalusha, wie gewünscht! Auf Azovstal» und auf Englisch «Help Mariupol – Help Azovstal right now» (auf Deutsch: Helft Mariupol – Helft Azovstal sofort) mit dem Datum 14. Mai. Der Sänger der beim ESC siegreichen Band Kalusha Orchestra hatte auf der Bühne in Turin diese Worte in einem Appell gesagt.

In Hasskommentaren war zu lesen, die Phosphorbomben seien der russische Gruss zum ESC-Sieg. Russische Medien berichteten in der Nacht zum Sonntag zwar von dem Sieg, anders als in den Vorjahren durfte das Staatsfernsehen die Show aber nicht zeigen. Russland ist wegen des Angriffskrieges auf die Ukraine vom ESC ausgeschlossen. In dem Stahlwerk haben sich nach ukrainischen Angaben rund 1000 Verteidiger von Mariupol verschanzt.

Kreml: Nato-Beitritt Finnlands wäre «eindeutig» Bedrohung

Ein Nato-Beitritt Finnlands wäre nach Einschätzung der Führung in Moskau «eindeutig» eine Bedrohung für Russland. Wie Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Donnerstag erklärte, würde eine Ausweitung des Militärbündnisses und eine Nato-Annäherung an die russischen Grenzen «die Welt und unseren Kontinent nicht stabiler und sicherer machen». Mit «eindeutig» antwortete der Kreml-Sprecher auf die Frage, ob Russland einen Nato-Beitritt Finnlands als Bedrohung ansehen würde.

Russischer Gastransit durch Ukraine laut Gazprom um fast ein Drittel geringer

Nach Angaben des russischen Gazprom-Konzerns ist der Transit russischen Gases durch die Ukraine am Donnerstag um fast ein Drittel gesunken. Wie der Konzern der russischen Nachrichtenagentur Interfax mitteilte, wurden am Donnerstag insgesamt 50,6 Millionen Kubikmeter durch die Ukraine geliefert. Am Tag zuvor waren es demnach noch 72 Millionen Kubikmeter gewesen.

Ukraine kündigt ersten Prozess gegen russischen Soldaten wegen Kriegsverbrechen an

Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft hat am Mittwoch den ersten Prozess wegen Kriegsverbrechen gegen einen russischen Soldaten angekündigt. Laut einer Mitteilung wird ein 21-jähriger Russe beschuldigt, aus dem Fenster eines gestohlenen Autos heraus einen Zivilisten getötet zu haben, der Zeuge des Diebstahls war. Zusammen mit vier Kameraden wollte der Soldat nach einem Angriff auf seinen Konvoi in der Nordukraine in dem Auto fliehen.

Der 62-jährige Zivilist war demnach mit seinem Fahrrad unweit seines Hauses im Dorf Tschupachiwka unterwegs. Er hatte laut ukrainischen Angaben keine Waffe.

Der Staatsanwaltschaft zufolge schoss der Verdächtige auf Befehl eines anderen russischen Armeeangehörigen. Dem russischen Soldaten, der sich in ukrainischer Gefangenschaft befindet, droht eine lebenslange Haftstrafe wegen Kriegsverbrechen und Mord. Die Staatsanwaltschaft veröffentlichte ein unscharfes Foto des Verdächtigen. Sie machte keine Angaben zu den Umständen der Gefangennahme sowie dem Schicksal der anderen vier russischen Soldaten.

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