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Neuer Kantonsratspräsident aus Uster

«​​​​​Ich bin eher der Langstreckenläufer als der Sprinter – auch im Leben»​​​​​​​

Das Waldsterben hat den Ustermer Benno Scherrer im Gymi politisiert. Im Interview erzählt der frisch gewählte Kantonsratspräsident, wieso er trotzdem für die Deponie im Tägernauer Holz ist und weshalb er als Sekpräsident keine Bildungspolitik betreibt.

Tanja
Bircher
Freitag, 30. April 2021, 10:10 Uhr Neuer Kantonsratspräsident aus Uster
Der Ustermer Benno Scherrer (GLP) wurde am Montagmorgen zum Kantonsratspräsidenten gewählt. Er freut sich auf seine Amtszeit.
Foto: Keystone

Der Ustermer Benno Scherrer (GLP) wurde am Montagmorgen im Corona-Exil, in der Messehalle 9 in Oerlikon, mit 161 Stimmen zum Zürcher Kantonsratspräsidenten gewählt. Ab sofort leitet er die wöchentlichen Sitzungen und übernimmt mehrheitlich repräsentative Aufgaben. Abstimmen während der Tagung darf er nun nicht mehr.

Herr Scherrer, Gratulation! Ab jetzt haben Sie ein Jahr lang nichts mehr zu melden. Freuen Sie sich über Ihre Wahl?
Benno Scherrer: Natürlich. Besonders auch, weil ich der erste Grünliberale Kantonsratspräsident bin. Ich freue mich, dass meine Partei angekommen ist in der Politik. Ich war während den ersten Zügen dabei und finde es toll, dass wir es geschafft haben, zu bleiben und nun sogar so gross sind, dass wir ein Präsidium stellen dürfen. Dass ich inhaltlich während einem Jahr nichts mehr zu sagen habe, ist voll in Ordnung. In der Fraktion kann ich schliesslich immer noch mitdiskutieren. Und: Wenn es während den Abstimmungen hart auf hart kommt, habe ich sogar den Stichentscheid. 

Die Feier in Ihrer Wohngemeinde Uster wurde auf den September verlegt. Etwas voreilig nach den vom Bundesrat beschlossenen Lockerungen?
Überhaupt nicht. Erstens hätten an der Feier rund 200 Personen teilgenommen. Aber selbst wenn man Anlässe mit so vielen Teilnehmern durchführen dürfte, wäre es aufgrund der Abstandsregeln nicht adäquat. Das Entscheidende an diesen Veranstaltungen ist, mit möglichst vielen Personen ins Gespräch zu kommen. Man muss durch die Masse spazieren und netzwerken können. Wir hoffen deshalb auf den September.

Wegen der Coronakrise konnte bereits Ihr Vorgänger Roman Schmid (SVP) kaum repräsentative Aufgaben ausserhalb des Parlaments wahrnehmen. Ihre Amtszeit dürfte ebenfalls noch von der Pandemie geprägt sein. Bedauern Sie dies?
Ich rechne damit, dass ich bis nach den Sommerferien den Kanton an keinerlei Anlässen repräsentieren darf. Ich hoffe aber schon, dass die Menschen sich danach wieder im normalen Rahmen und nicht mehr via Bildschirm treffen dürfen. Ich sage das nicht nur für mich: Es reicht jetzt wirklich langsam.

Als Ustermer könnten Sie Ihre Amtszeit auch als Botschafter fürs Oberland nutzen. Haben Sie dies vor, wenn Sie denn wieder dürfen?
Als Kantonsratspräsident hat Lokalpatriotismus nur am Rande Platz, vielleicht mit einer schmunzelnden Nebengeschichte.  

Bleiben wir trotzdem noch etwas in der Region. Der Entscheid des Bundesgerichts, den Eintrag im Richtplan zur Deponie im Tägernauer Holz zu streichen, dürfte nicht nur den Kantonsrat, sondern auch Sie als Präsident dieses Jahr noch beschäftigen oder wie sehen Sie das?
Ja, das tut natürlich weh, wenn das Bundesgericht festhält, dass wir gegen das rechtliche Gehör verstossen haben. Diese Prozesse müssen wir verbessern. Dazu ist die Geschäftsleitung des Kantonsrats da. Nun wird das Geschäft nochmals im Parlament traktandiert. Die Meinungen zum Geschäft werden sich aber kaum ändern. Das Urteil basiert auf einer formalen Angelegenheit. Eigentlich sind wir ja ein politisches Gremium. Wenn solche verfahrenstechnische
«Mängel» jetzt plötzlich eine derart wichtige Rolle spielen, muss man sich schon fragen, ob man im Kantonsrat noch spontane Kompromisse finden kann. Das ist schwieriger, weil man immer auch noch die betroffenen Gemeinden anhören muss.  

Und das finden Sie in diesem Fall unnötig?
Gossau, neben Grüningen eine der betroffenen Gemeinden, ist im Kantonsrat die Gemeinde mit dem höchsten Anteil an Kantonsräten. Auch der Gemeindepräsident von Gossau ist ein langjähriges Mitglied des Rates. Kantonsräte sind eigentlich nicht ihrer Gemeinde verpflichtet. Die Lokalpolitiker haben sich aber mit aller Kraft für ihre Gemeinde eingesetzt, das ist richtig so. Der Kantonsrat hat dennoch anders entschieden. Und selbstverständlich hat man den Gemeinden im Rahmen des Richtplanverfahrens das Gehör gegeben. Aber offensichtlich zu wenig. Daher greifen wir das jetzt noch einmal auf.

Höre ich da eine gewisse Missbilligung heraus?
Ich würde mich nie über einen Bundesgerichtsentscheid  hinwegsetzen oder mokieren …

Aber?
… aber ich glaube nicht, dass der Entscheid am Ende anders ausfallen wird.

Wie stehen Sie denn persönlich als Grünliberaler zu einer Schlackendeponie in einem Naherholungsgebiet?
(Schmunzelt) Jetzt dachte ich, ich könne ein Jahr lang den politischen Fangfragen ausweichen.
 

Nur noch ein letztes Mal.
In der Fraktion haben wir es als gesamtkantonale Infrastruktur angeschaut. Es gibt einfach sehr wenige geeignete Standorte für Deponien dieses Typs. Das Tägernauer Holz ist ein solcher Standort, der sich rein geologisch dafür anbietet. Dazu kommt die Nähe zur Kehrrichtverbrennungsanlage in Hinwil, die diese Schlacke produziert. Kies können Sie auch nur dort abbauen, wo ein Kiesvorkommen vorhanden ist. Man muss deshalb richtig gewichten und überlegen, was im Kanton wo Platz hat.  

Nur blöd, dass im Tägernauer Holz 7000 Bäume, viele davon über 100 Jahre alt, im Weg stehen.
Wald ist etwas unendlich Wertvolles. Das ist so. Dieser konkrete Wald wird aber schon von einer Autobahn durchschnitten. Das würde man wohl heute auch nicht mehr so bauen.

Dann kann man auch gleich richtig abholzen?
Das haben Sie jetzt gesagt. Es besteht immerhin die Möglichkeit der Wiederaufforstung. Klar, es wird mehrere Generationen dauern bis der Wald wieder die heutige Qualität hat. Aber man hat lange und intensiv nach einem geeigneten Standort gesucht.

Benno Scherrer ist 56 Jahre alt und arbeitet als Sekundarschulpräsident sowie Englischlehrer an der Berufsschule in Uster. Er sitzt seit 2007 im Kantonsrat und war von 2012 bis 2017 Fraktionspräsident der GLP. Scherrer löst Roman Schmid (SVP, Opfikon) als Kantonsratspräsident ab. 

Tritt die Nachfolge von «Pandemie-Präsident» Roman Schmid an: Der Ustermer Benno Scherrer. (Foto: Seraina Boner)

Wechseln wir das Thema: Im Kantonsrat herrscht ein regelmässiges Geläuf. Die Parlamentarier wirken oft unaufmerksam. Vermissen Sie den Gemeinderat Uster manchmal, wo im Vergleich ein richtiges Streber-Klima herrscht?
Der Unterschied ist, dass im Kantonsrat die wichtigen Gespräche am Rande der Sitzungen stattfinden. Geschäfte, die in der Kommission sind, werden viel eher entweder innerhalb der Fraktion oder bilateral behandelt. Die Einflussnahme passiert bei einem Kaffee, man nimmt jemanden zur Seite nimmt und sagt:
«Du, der Wald da bei Gossau, den darf man wirklich nicht umtun, weil…» Solche Verhandlungen finden im Gemeinderat gar nicht statt. Da sitzt man an seinem Platz und hört zu. Ich habe aber das Gefühl, dass in Uster auch immer mehr Zeitung gelesen wird auf dem Computer. Das bedaure ich natürlich. Auch das Desinteresse der Politiker im Kantonsrat ist bedauerlich. Dennoch habe ich in gewissen Fällen Verständnis: Wenn beispielsweise ein Umweltpolitiker beim siebten Redner in einer Debatte zur Spitalfinanzierung irgendwann abhängt. Aber dass man bei den wichtigen Voten vom Kommissionspräsidium, den grossen Fraktionen oder den Antragsstellern oder vor allem bei den eigenen Leuten nicht zuhört, finde ich schade.

Das hängt wohl auch von der Eloquenz der einzelnen Politiker ab.
Richtig. Wir haben acht Fraktionen: Wenn der Redner der siebten Fraktion das Geschäft im genauen Wortlaut noch einmal vorträgt, dessen Nummer nennt und erklärt, worum es geht und was in den Unterlagen steht, die bereits alle gelesen haben, statt einfach direkt auf den Punkt zu kommen, dann mag man wirklich nicht mehr zuhören. Da müssen wir uns auch als Parlamentarier fragen: Was will ich in meinem Votum eigentlich sagen? Es gibt ein paar Kantonsräte, die gehen nach vorne, sprechen frei und bringen ihre Aussage innert zwei Minuten auf den Punkt. Andere lesen fünf Minuten einen Text ab und am Ende fragt man sich trotzdem, was die Position dieser Gruppierung eigentlich ist. 

Demnach ist die Redezeit im Kantonsrat auch immer wieder ein Thema?
Es ist ein riesiges Thema. Wir haben zwar ein klares Reglement, wer je nach Debatte wie lange sprechen darf. Das Parlament ist dazu da, Fraktionsmeinungen zu hören. Einzelmeinungen haben bei 180 Mitgliedern einfach keinen Platz. Manchmal könnte man meinen, der Wettbewerb bestehe darin, wer näher an die fünf Minuten Redezeit herankommt, als wer die besseren Argumente vorbringt. Hier braucht es einen Kulturwandel. Es gibt kaum Themen, die so komplex sind, dass man dazu nicht innert zwei Minuten Stellung nehmen kann.

Politiker hören sich nun einmal gerne sprechen. Sind Sie deshalb Politiker geworden?
Ich spreche auch gerne, ja. Aber als ich im Gymi war, hat das Waldsterben angefangen – das hat mich politisiert.
 

Das Waldsterben. Wirklich?
Ja. Wieso?

Nur, weil wir eben noch über 7000 Bäume gesprochen haben, die Ihrer Meinung nach einer Deponie weichen sollten.
(Lacht laut) Habe ich das so gesagt?

So ähnlich.
Na gut, aber das Waldsterben war mir auf jeden Fall wichtig. Ich habe mich immer für Politik interessiert und mit Freunden intensiv diskutiert. Als die Idee einer grünliberalen Partei aufkam, dachte ich:
«Genau das will ich.» Ich bin Historiker und Lehrer, ich mag einen inhaltlichen Austausch. Die GLP entfachte in mir das Feuer, um in die Politik einzusteigen. Heute würde ich die Erfahrung nicht mehr hergeben.

Trotz Ihres Berufs haben Sie im Kantonsrat bisher noch keinen Vorstoss zum Thema Bildung eingereicht. Heisst das, in diesem Bereich bestehen im Kanton keine Baustellen?
Nein, das heisst vor allem, dass ich genau wegen meines Berufs nicht auch noch in meiner Freizeit Bildungspolitik machen wollte. Ich hatte mich für Verkehrspolitik entschieden und konnte in die Kommission für Energie, Verkehr und Umwelt einsteigen. Daher fokussierte ich dann auch auf diese Themen. Ausserdem gibt es mehr als genug Vorstösse in der Bildungsdirektion.

In ihrer Freizeit sind Sie sehr aktiv, als Biker, Kletterer und Skifahrer. Sind Sie auch vom Charakter her ein getriebener Mensch?
Nein. Ich betreibe keine dieser Sportarten auf extreme Weise. Ich bin eher der Langstreckenläufer als der Sprinter – auch im Leben. Ich bin aber tatsächlich auch schon Marathon gelaufen. Wichtig ist mir der Ausgleich und dass ich keine Ausrüstung benötige. Ich kann von der Haustüre aus los- und durch die schönen Oberländer Wälder laufen. (lacht) Auch beim Biken fahre ich gerne auf einer Waldstrasse. Dort kann ich abschalten und muss mich nicht auf eine aufwändige Technik konzentrieren. Ich geniesse gerne die Landschaft und reize meine Ausdauergrenze aus. Früher hätte ich beim Laufen jeweils das Diktafon mitnehmen sollen; dort sind meine Ideen für die Voten entstanden. Wegen meines Knies bin ich jetzt aber meist mit dem Velo unterwegs.

Und da haben Sie jetzt keine solche Geistesblitze mehr?
Ein bisschen weniger, weil mir Fahren mehr Konzentration abverlangt. Wenn ich aber irgendwo in Sternenberg auf einem einsamen Strässchen unterwegs bin, dann kommt mir ab und zu doch noch eine gute Idee.

Zum Schluss: Sie sind jetzt der höchste Zürcher. Womit wollen Sie in das noch toppen?
Schwierig, vielleicht mit tollen Erlebnissen im persönlichen Bereich. Politisch bin ich oben angekommen. Zürich ist der tollste Kanton der Schweiz. Premierminister von England kann ich ja nicht werden. 

Ah, das wäre jetzt noch Ihr nächstes Ziel gewesen?
Richtig. Damit hätte ich meine Wahl zum Kantonsratspräsident noch toppen können.

Nationalrat wäre da nicht genug?
Wir haben ganz viel junge und gute Leute in der Partei, die getrieben sind von Ideen. Mir ist es hingegen wichtig, dass die parlamentarischen Abläufe funktionieren. Das ist kein Wahlkampf für Bern. Um Nationalrat zu werden, muss man Visionen haben und in einem Bereich unbedingt etwas verändern wollen. Meine Priorität ist, dass wir im Kanton eine gute Gesprächskultur haben, um den Kanton weiterzubringen. Ich muss nicht aus dem Haus rennen und schreien:
«Ich will, ich fordere».

Dann hegen Sie vielleicht im privaten Bereich noch eine Ambition?
Nein, auch nicht wirklich. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Ich bin nicht unglücklich, dass ich z.B. noch nie in Südamerika war. Im Gegenteil: Ich freue mich sehr darüber, dass ich beim Blick auf eine Schweizer Karte kaum ein Tal finde, das ich noch nicht entdeckt habe. Was ich aber auf jeden Fall diesen Sommer wieder einmal tun werde: als höchster Zürcher den höchsten Zürcher Gipfel – das Schnebelhorn – besteigen.

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