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Augenschein im Zürcher Impfzentrum

Nach den Stüssis kamen die Promis dran

Der Auftakt zur grössten Impfaktion der Zürcher Geschichte wurde mit Prominenz medienwirksam inszeniert. Den ersten Stich erhielt aber ein Ehepaar aus Wetzikon.

Redaktion
Züriost
Montag, 04. Januar 2021, 11:15 Uhr Augenschein im Zürcher Impfzentrum

Vom Raumgefühl her wähnt man sich in einem Festzelt: Bretterboden, weisse Plastikplanen als Wände und Dach, dazu das Summen der Lüftung. Doch hier fliesst kein Bier, ertönt kein Schlager. Der Anlass ist ernst: Bei dem grossen Zelt am Hirschengraben in Zürich handelt es sich um das Referenz-Impfzentrum des Kantons, wo man sich seit Montag gegen Covid-19 impfen lassen kann.

Als Erstes an die Reihe kommt das Ehepaar Stüssi aus Wetzikon, 77 und 76 Jahre alt, ihre Vornamen gibt die Gesundheitsdirektorin nicht bekannt. Ausgewählt wurden die beiden, so erklärt es Regierungsrätin Natalie Rickli (SVP) später, weil sie sich schon früh per E-Mail nach Impfmöglichkeiten erkundigt hatten. Vor mehreren Dutzend Medienleuten sitzen sie jetzt nebeneinander da, Frau Stüssi schlüpft aus dem rechten Ärmel ihres Wollpullovers – doch halt, der linke Arm muss her: Geimpft wird in den Oberarm jener Seite, mit der man nicht schreibt. Beim Pieks verzieht die Seniorin keine Miene. Dann ist ihr Mann dran, auch er nimmt es stoisch. Zum Schluss umringen drei Regierungsrätinnen die beiden, um mit einer Mischung aus Freude und Besorgnis zu fragen: «Ist es gut gegangen?»

Kritik an Promi-Aufgebot

Es geht auch gut bei Unternehmerin Rosmarie Michel, Alt-Ständerat Hans Hofmann, Schriftsteller Franz Hohler, Schauspieler Walter Andreas Müller sowie dem Arzt Robert Steffen, der einst Gründer des Zentrums für Reisemedizin der Universität Zürich war. Sie alle treten an diesem Morgen als «Impfbotschafterinnen» und «Impfbotschafter» auf.

«Es geht bei der heutigen Impfaktion nicht darum, dass Prominente die Nase zuvorderst haben müssen.»

Walter Andreas Müller

Dass er den Start der lang ersehnten Covid-Impfung mit einem Staraufgebot inszenierte, brachte dem Zürcher Regierungsrat vergangene Woche einige Kritik ein. Vor allem, weil gleichzeitig die Onlineanmeldung für die Bevölkerung unter der grossen Nachfrage zusammenbrach: Für die 8000 verfügbaren Termine bis Ende Januar wollten sich rund 100’000 Senioren registrieren. Für die technischen Probleme entschuldigte sich Gesundheitsdirektorin Rickli am Montag noch einmal. «Jedoch habe ich kein Verständnis, wenn man kritisiert, dass Prominente zuerst drankämen – unsere Impfbotschafter gehören schliesslich genauso zur Risikogruppe.»

Fast vom Stuhl gefallen

Wie sich Franz Hohler vor versammelter Journalistenschar das dunkelrote Hemd aufknöpft, um seinen Oberarm frei zu machen, hat etwas Rührendes. Beim Einstich der Spritze entfährt ihm unter der Maske ein kaum hörbares «Aua!». «Gehts?», kommt sofort die Frage des medizinischen Fachpersonals. «Bis jetzt schon», meint Hohler lakonisch. Walter Andreas Müller outet sich dagegen als Linkshänder – er wird in den rechten Arm gepikst. Ein Blick zum Himmel, ein theatralisches «Oh!», dann tut er kurz so, als fiele er vom Stuhl.

«Es geht bei der heutigen Impfaktion nicht darum, dass Prominente die Nase zuvorderst haben müssen», sagt Müller. «Meine Botschaft an die Bevölkerung ist: Seid so gut, geht hin und lasst euch impfen, damit wir alle uns schützen können. Wenn ich mit meiner Person ein paar Seniorinnen und Senioren überzeuge, ist das Ziel erreicht.»

«Der Fahrplan ist auch abhängig davon, wie viele Impfdosen wir erhalten.»

Markus Näf, Leiter Zürcher Impfprojekt

Robert Steffen will weniger unterhalten als vielmehr die Botschaft verbreiten: «Die Impfung ist ein Pappenstiel im Vergleich zur Gefahr für meine Altersgruppe, an Covid-19 zu sterben.» Der Hausarzt, der noch immer in Küsnacht praktiziert, betreut auch Patienten in Heimen. Dort sollen demnächst ebenfalls Impfungen durchgeführt werden. Auch sei er vom Kanton angefragt worden, so Steffen, ob er in seiner Praxis impfen würde. «Insbesondere in Gemeinden, die weiter entfernt sind von Zürich, wird die Möglichkeit willkommen sein, sich beim Hausarzt oder der Hausärztin impfen zu lassen.»

Nächste Dosen gehen an Heime

Tatsächlich sind dies die nächsten Schritte im Zürcher Impfprojekt, wie dessen Leiter Markus Näf erklärt. Ab 18. Januar bis circa Ende Februar wird in den 358 Alters- und Pflegeheimen im Kanton geimpft – noch ist aber offen, in welcher Reihenfolge. «Der Fahrplan ist auch abhängig davon, wie viele Impfdosen wir erhalten», sagt Näf. Bisher stehen 16’000 zur Verfügung, diese Woche sollen weitere 20’000 geliefert werden. Das sind wenige angesichts der 200’000 Menschen im Kanton Zürich, die zur Risikogruppe gehören – zumal pro Person zwei Dosen nötig sind.

Den derzeit verfügbaren Impfstoff von Pfizer/Biontech nennt Näf ein «sehr sensibles Kind». Er muss bei minus 70 bis minus 80 Grad aufbewahrt, vor dem Spritzen aufgetaut und mit Salzlösung rekonstruiert und dann innert kurzer Zeit injiziert werden. Ein einfacheres Handling verspricht der Impfstoff von Moderna, dessen Zulassung in der Schweiz momentan erst geprüft wird. Er soll künftig auch in Hausarztpraxen verimpft werden. Eine deutlich erhöhte Liefermenge an Impfdosen ist laut Näf aber erst ab Ende März zu erwarten.

Eine Viertelstunde Ruhezeit

Für die Bevölkerung soll am 18. Januar wieder ein Anmeldesystem aufgeschaltet werden, um sich für neue Impftermine ab Februar zu registrieren. Bis dahin wolle man von Erfahrungen anderer Kantone mit dem Online-Tool lernen, sagte Natalie Rickli. Den «Impfbotschaftern» genügten indes 15 Minuten Geduld: So lange steht beziehungsweise sitzt man im neuen Impfzentrum nach dem Stich in den Arm unter ärztlicher Beobachtung. Walter Andreas Müller trat danach wieder vor die Journalisten und meinte ganz ohne Showeinlage: «Ich fühle mich blendend.»

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Nur drei Mitglieder des Regierungrates waren bei der grossen Impf-Opening-Show anwesend? Wer sind denn die sechs, die sich gedrückt haben? Werden die noch wählbar sein? Für Franz Hohler freue ich mich. Zurzeit hat er ja sonst kaum eine Möglichkeit für einen Auftritt. Alles in allem muss man sagen: Mit der Beschaffung des Impfstoffes harzt es zwar; aber dafür entschädigt uns doch das Tamtam um die ersten "Piekse" und das Aufgebot an prominenten Impf-Botschaftern.

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