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Wie aus dem Rauschen ein grüner Tsunami wurde

Der Wahltag im Zeitraffer

Wie aus dem Rauschen ein grüner Tsunami wurde

Zu Beginn schien es eine «grüne Welle light», später brachen alle Dämme und am Ende gab es Bar-Runden aufs Haus

Benjamin
Rothschild
Montag, 21. Oktober 2019, 07:29 Uhr Der Wahltag im Zeitraffer

12:00 Uhr: Die Ruhe vor dem Sturm

Die Wahlurnen sind geschlossen. In der Stadt Zürich, einem der Epizentren dieses Wahlsonntags, herrscht die Ruhe vor dem Sturm. Oder vor der angekündigten grünen Welle. Im Cabaret Voltaire, wo die Wahlfeier der Zürcher Grünen steigen wird, ist von einer eigentlichen Flut allerdings noch keine Spur. „Eine Wahlfeier? Hier? Moment, da muss ich erst im Kalender nachschauen“, sagt die Serviceangestellte. Die Grüne Welle – sie ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als ein demoskopisches Grundrauschen.

12:10 Uhr: Hinwiler Überraschung

Früher als von vielen erwartet gibt’s die erste Hochrechnung zu den Ständeratswahlen. SP-Kandidat Daniel Jositsch steuert auf eine direkte Wahl zu. Deutlich hinter ihm liegen Rudi Noser (FDP), Roger Köppel (SVP) und – etwas überraschend auf Platz vier – die Hinwilerin Marionna Schlatter (Grüne).

13:30 Uhr: Grünes Plus in Seegräben

Als erste Gemeinde in der Region ist Seegräben ausgezählt. Die grossen Gewinner sind die Grünen und die Grünliberalen. Eine erste grüne Hochwassermeldung aus dem Oberland!

13:45 Uhr: Wo ist Schlatter?

Die zweite Ständerats-Hochrechnung ist da! Immer noch liegt Marionna Schlatter auf dem vierten Platz, vor der grünliberalen Tiana Angelina Moser. Im Medienzentrum Walcheturm in Zürich lechzen Medienschaffende nach einer Stimme der Hinwiler Pilzkontrolleurin. Doch diese scheint abgetaucht.

14:15 Uhr: «Ärgerlich, aber verkraftbar»

Trommelwirbel. Die erste Hochrechnung für die Nationalratswahlen im Kanton Zürich steht ins Haus. Der Trend geht in Richtung «harmlose» grüne Welle. Die GLP verdoppelt gemäss Prognose ihre Sitzzahl von 3 auf 6. Die Grünen gewinnen zwei Sitze (neu 4). SVP und FDP verlieren je einen Sitz (neu 11 respektive 4), die SP zwei (neu 7). Und: Die Illnauerin Rosmarie Quadranti fliegt mit der BDP aus dem Parlament.

Für den Dübendorfer Orlando Wyss, der in der SVP-Parteileitung sitzt, ist der prognostizierte Sitzverlust «ärgerlich, aber verkraftbar». Auch in der Region hält sich die SVP in vielen Gemeinden gut (zum Beispiel in Fischenthal, Bauma und Grüningen). Die Verluste sind moderat. Noch.

15:50 Uhr: Schlatter und ihr «Bodyguard»

Sie ist da! Marionna Schlatter taucht aus der Versenkung auf. Als sie sich zur wartenden Journalistenmeute beim Walcheturm begibt, hat sie als eine Art «Bodyguard» den Zürcher Neo-Regierungsrat Martin Neukom an ihrer Seite. Die grüne Ständeratskandidatin äussert sich vorsichtig zu den guten Prognosen: «Ich muss jetzt erst das Resultat abwarten.»

16:10 Uhr: Alles ein bisschen happiger

Als einige bei all den verschiedenen Hochrechnungen bereits den Überblick verloren haben, wird eine weitere Hochrechnung bekannt gegeben: Jene von SRF zur nationalen Ebene. Diese sagt allerdings nur etwas über Zugewinne oder Verluste in Prozentzahlen aus, nicht über die effektive Sitzverteilung.

Was sich zeigt: Die SVP-Verluste sind auf nationaler Ebene doch happiger als im Kanton, jene der SP dafür geringer. Und die Zugewinne der Grünen sind markanter als jene der Grünliberalen. Die oft prognostizierte grüne Welle: Sie scheint tatsächlich von beträchtlicher Kraft zu sein.

16.30 bis 17 Uhr: Schneiders Freud, Quadrantis Leid

Die wohl abgewählte Illnauerin Rosmarie Quadranti (BDP) sagt im Walcheturm zwar noch: «Die Hoffnung stirbt zuletzt.» An ihrer Wahlniederlage hat sie allerdings selbst kaum Zweifel.

Rosmarie Quadranti wird in der kommenden Legislatur nicht mehr in Bern politisieren.

Derweil schwimmt die Ustermer Kantons- und Ex-Gemeinderätin Meret Schneider im Cabaret Voltaire ganz oben auf der grünen Welle. Gemäss den letzten Hochrechnungen konnte sie sich auf der Grünen Liste vom 6. auf den 5. Platz hocharbeiten – und wäre damit bei drei zusätzlichen Sitzgewinnen der Grünen Neo-Nationalrätin.

Währenddessen wird das Schlussresultat zu den Ständeratswahlen bekannt: Daniel Jositsch (SP) schafft auf Anhieb den Wiedereinzug in die kleine Kammer. Der zweite Bisherige, Ruedi Noser (FDP), muss in den zweiten Wahlgang. Marionna Schlatter kann ihren vierten Platz halten. Hinter SVPler Roger Köppel, aber vor Tiana Angelina Moser (GLP).

17:50 Uhr: Zanettis Niederlage

Der bisherige Gossauer SVP-Nationalrat Claudio Zanetti wird vom achten Listenplatz nach hinten gereicht. Am späteren Nachmittag trifft er in Illnau ein. Überrascht sei er nicht: «Ich wusste, dass ich mit gewissen Positionen anecke», sagt er. Zanetti wird die Wiederwahl verpassen.

18:15 Uhr: Grüne Welle schluckt CVP

Die nationalen Hochrechnungen sind da, die mit den Sitzen. Und nun zeigt sich die Grüne Welle in ihrem ganzen, gigantischen Ausmass: Plus 16 Sitze für die Grünen, plus 8 für die GLP. Die Grünen würden damit an der CVP vorbeiziehen. Grosse Verliererin ist die SVP, die elf Sitze zu verlieren droht. Freisinnige und Sozialdemokraten hätten je vier Mandate weniger.

18:30 bis 20:30 Uhr: Die Dämme brechen

Noch ist nicht alles unter Dach und Fach. So zeigt sich bei der zweiten SRF-Hochrechnung kurz nach 20 Uhr, dass die Sitzgewinne von Grünen und GLP noch epochaler sind (beide legen um ein Mandat zu).

Die Stimmung an den jeweiligen Wahlfeiern ist zu diesem Zeitpunkt allerdings ohnehin kaum zu toppen: Im Zürcher Szeneclub Hive, wo die Grünliberalen feiern, wird über Lautsprecher die einzige schlechte Nachricht des Tages verkündet: «Das Bar-Budget ist aufgebraucht, ab sofort müssen alle Getränke selbst bezahlt werden!» Doch auch dieser Schock ist nur von kurzer Dauer. Fünf Minuten später die nächste Ansage: «Es kann wieder gratis getrunken werden, ein Sponsor hat 1000 Franken drauf gelegt!» Namen werden keine genannt. Bei dieser Form der Parteifinanzierung ist es mit der Transparenz nicht weit her.

Auch im Cabaret Voltaire brechen alle Dämme: Als Marionna Schlatter um 19:30 Uhr bei der Wahlfeier der Grünen erscheint, branden «Weitermachen! Weitermachen!»-Sprechchöre durchs Lokal. Schlatter sagt trotzdem, dass sie erst einmal über diesen historischen Tag schlafen will. Und auch dies nicht nach durchzechter Nacht: Sie möchte zeitig ins Bett kommen, da sie am Montag wieder im Kantonsrat auf der Matte stehen muss.

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