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Maturafeiern in Wetzikon und Uster

«Verlorene Schüler» und «pseudo-intelligente Reflexionen»

Diese Woche schliessen Schülerinnen und Schüler der Gymnasien ihre Schulzeit mit den Maturfeiern ab. Wir haben eine Schülerin der Kantonsschule Uster und einen Schüler der Kantonsschule in Wetzikon gebeten, uns einen Einblick in die vergangenen Jahre zu geben.

Redaktion
Züriost
Dienstag, 05. Juli 2022, 08:22 Uhr Maturafeiern in Wetzikon und Uster
Leandra Brandenberg hat die Kantonsschule Uster besucht. (Foto: PD)

Leandra Brandenberg

Wenn ich mich an den Anfang dieser Reise zurückerinnere, an den Sommer 2015, so fällt mir auf, dass in dieser Zeit viel passiert ist und dieser Lebensabschnitt einen grossen Teil meines bisherigen Lebens ausmacht.

Der Beginn war ein Sprung ins kalte Wasser. Alles war neu und aufregend. Die familiäre Atmosphäre zu Beginn, als wir im Provisorium nur in den Containern Schule hatten, ermöglichte mir schnell, ein neues Umfeld aufzubauen.

Turnhalle bei der Schule

Nach meinem Austauschjahr 2018/19 in England hatte die Einweihung des neuen Schulhauses schon stattgefunden und damit entstand eine neue Stimmung. Es war grösser, moderner und im Sommer auch nicht mehr so heiss wie in den Containern.

Die Turnhallen gleich bei der Schule waren nun fast schon Luxus, weil wir nicht mehr quer durch Uster zur Tempohalle zum Buchholz fahren mussten. Zur Aufmunterung der manchmal etwas grauen Morgen half der gelbe Boden, der den Tag etwas bunter machte.

Und wenn man auch an regnerischen Tagen etwas Sonnenschein brauchte, so entliess uns der Lateinlehrer in einen früheren Nachmittag – weil SelbstOrganisiertes Lernen ja SOL (oder lat. Sonne) bedeutet.

Lernen am Bildschirm

Die Coronapandemie beeinflusste auch unseren Alltag. Knapp vier Monate sassen wir zu Hause und nahmen via Zoom am Unterricht teil. Im Frühlingssemester 2020 war es zuerst anstrengend, sich an die neue Situation zu gewöhnen, danach aus meiner Sicht aber entspannter als die normalen Semester.

Meine Freunde und Freundinnen so lange nicht zu sehen und die herrschende Ungewissheit wurden irgendwann jedoch zur Last. Ab Juni konnten wir wieder teilweise zur Schule, was wieder mehr Normalität in den Alltag brachte.

Schlitteln und Wandern

Einige Abenteuer prägten meine Schulzeit: Schlitteln auf dem Gornergrat, Wandern im Tessin (wobei die Hälfte der Klasse verloren ging), das dreiwöchige Hauswirtschaftslager, die selbstorganisierte Heimwoche oder meine Tätigkeit in der Schüler:innen-Organisation.

So nehme ich nicht nur das Wissen zwischen Duden und spezieller Relativitätstheorie mit, sondern auch ganz viele Erinnerungen ausserhalb des Schulzimmers und enge Freundschaften, die in dieser Zeit entstanden sind.

Junger Mann schaut ernst in die Kamera.
Darius Hertel hat die Kantonsschule Wetzikon besucht. (Foto: PD)

Darius Hertel

Als ich mich vor einer Woche in einer tatsächlich freien Nische nahe des Foyers installiert hatte und gerade die Inhaltstoffe der Königskerze zum dritten Mal in Folge, dennoch ohne Erfolg, rekapitulierte, erblickte ich Herrn Wiedenkeller (Professor und Beauftrager für das Maturjahr and er KZO Wetzikon, Anm. der Redaktion) in grossen, elastischen Sätzen durch den Gang schweben.

Als sein Blick den Meinigen traf, wechselte er mechanisch den Kurs und sein Flanieren wurde zu einem zielstrebigen von  A-nach-B- Gelangen  und ich schien das Ziel zu sein. Ich vermutete, nun in irgendein bürokratisches Problem verwickelt zu werden, sei es wegen dem verschwundenen Spindschlüssel oder den fehlenden Entschuldigungen meiner Absenzen.

Kampf um jede Zeile

Schnell war er bei mir angekommen und gab seine doch ganz andere Intension preis. Ich solle zur Maturfeier einen Text verfassen, in dem ich die Gymnnasialzeit Revue passieren lasse und das Milieu der KZO in einigen skurrilen Bildern, lustigen Szenen, vor allem aber pseudo-intelligenten Reflexionen festhalten soll.

Da mich Herr Wiedenkeller so erwartungsvoll anschaute, konnte ich ihm diesen Wunsch nicht abschlagen, zumal dieser Text erst nach der Matur eingereicht werden müsse und ich nach dem Prüfungshagel sicherlich über genügend Kraft verfügen würde, diese Aufgabe zu erfüllen. Das dachte ich, doch ich habe mich getäuscht.

Nun sitze ich da, kämpfe mich Zeile um Zeile voran um  einen halbwegs interessanten Text auf Papier zu bringen und frage mich immer mehr, wie man sechs Jahre Schulzeit in dreitausend Zeichen repräsentativ festhalten sollte und gar noch dem in der Aufgabenstellung gestellten Anspruch, witzig und skurril zu schreiben, gerecht werden muss.

Breites Spektrum  langweilig bis spannend

Es fällt mir schwer, weil die Schule in mir keine klaren Emotionen erregt oder konkrete Bilder im Kopf entfalten lässt. Die Schule war für mich Alltag, Normalzustand, oder Elfenbeinturm, wie die arbeitstätigen Leute mit vorwurfsvollem Unterton sagen würden. Und es ist immer eine Herausforderung, die Normalität zu artikulieren und ihr das Interessante zu extrahieren.

Wenn ich an die Schule denke, denke ich an vieles und nichts zugleich. Das Problem ist wohl das zu breite Spektrum. So kann ich, um ein Beispiel zu nennen, weder in den Raum werfen, die Schule wäre interessant gewesen, noch das Gegenteil behaupten, weil ich sowohl spannende Stunden als auch nicht enden wollende Lektionen erlebt habe.

Enge Freundschaften...

Das Gymi ist ein Monopol der Gegensätze, wie alles im Leben, womit man sich genug lange befasst. Jegliche Aussage über die KZO ist also eine plumpe Pauschalisierung und nicht ganz wahrheitsgetreu. Trotzdem soll ich mit diesem Text genau solche Aussagen tätigen. Ein Paradoxon.

Nichtsdestotrotz verfasse ich nun  einen derartigen Text, schliesslich habe ich es Herrn Wiedenkeller versprochen, es ist Ehrensache.

Generell bin ich gerne zur Schule gegangen, auch wenn ich dies jeden Morgen, sobald mich mein Wecker um 6 Uhr dem Schlaf entrissen hat, hinterfragt habe. Ich habe viele tolle Personen kennenlernen dürfen, mit denen ich enge Freundschaften pflegte, die hoffentlich auch jenseits des Gymnasiums noch genug Gründe finden, weiter zu bestehen.

...und banale Bekanntschaften

Ich machte auch banale Bekanntschaften, die jetzt rückblickend rein sentimental überraschend wertvoll sind. Sei es der eine Junge, der trotz oder genau wegen seiner schmalen Statur, die an einen Bambusstock erinnert, immer im Kraftraum weilte und mit einem Enthusiasmus die kleinen Hanteln in viel zu grossen Bewegungen durch den Raum schleuderte oder die Tratschtanten, die mehr Zeit in der Raucherzone als sonst wo zu verbringen schienen und mit grösstem Interesse über die langweiligsten Personen diskutierten.

Sei es die eine Reinigungsfachfrau, die immer dann ins WC lief und die Pissoirs neben mir zu polieren begann, wenn ich am urinieren war, oder die Frau vom Sekretariat, die mir ein- oder zweimal wöchentlich mein verloren geglaubtes Handy aushändigte.

Unschöne Begegnungen

Es gab auch unschöne Begegnungen, beispielsweise dann, wenn man nach dem Sport in der Umkleidekabine plötzlich auf die nackten, behaarten Leiber der Bioschüler blicken musste. Auch die U1ler die einem hin und wieder mit voller Wucht in den Bauch rasten, weil sie sich 30 Sekunden nach Lektionsbeginn noch immer auf dem Gang befanden, strapazierten immer wieder die Nerven.

Diese banalen Gegebenheiten prägten meinen Schulalltag auf eine ganz seltsame, aber irgendwie berührende Weise, und bildeten mein Fundament für ganze sechs Jahre. Dieses Fundament wird im Zuge des Schulabschlusses erschüttert, was zum einen besorgniserregend ist, dennoch wichtig und richtig.

Veränderungen sind immer schwer zu verkraften, dennoch sind sie diejenigen, die unser Leben in neue Richtungen bewegen als Steuerrad unserer Existenz. Deshalb muss man sie zulassen, was oftmals bedeutet, auch etwas hinter sich zu lassen. In diesem Sinne möchte ich allen Leuten, die meinen Alltag an der KZO zu einer solchen Einzigartigkeit verholfen haben, meinen herzlichen Dank aussprechen.

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