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75 Jahre FDP Gossau

Partei-Boss Burkart punktet trotz fehlender Krawatte

Die FDP Gossau feierte ihr 75-Jahr-Jubiläum. Ständerat Thierry Burkart, Parteipräsident der FDP Schweiz, hielt die Festrede. Ohne Krawatte, wie Nationalrat Beat Walti monierte.

Redaktion
Züriost
Samstag, 11. Juni 2022, 13:58 Uhr 75 Jahre FDP Gossau
Von links nach rechts: Der Gossauer Nationalrat Andri Silberschmidt, Nationalrat Beat Walti und Thierry Burkart, FDP-Präsident.
Foto: Max Kern

Die Ortspartei FDP Gossau ZH feierte ihr Jubiläum auswärts, im IWAZ in Wetzikon. Aushängeschild Andri Silberschmidt (28), seit 2019 jüngster Nationalrat, war mit Freundin Andrea als einer der ersten draussen beim Apéro.

Und er wird am Samstagmorgen mit Bestimmtheit als letzter der Festgemeinde ins Bett gesunken sein. Silberschmidt: «Ich mache ein Praktikum in einer Bäckerei in Küsnacht. Um zwölf Uhr am Abend muss ich einrücken. Das zeichnet uns als Partei aus, wir schauen über den Tellerrand hinaus.»

Ein Kampf-Komitee für die Bahnen

Kurz vor 19 Uhr tauchte der Partei-Präsident auf. Ohne Krawatte. Der Aargauer Ständerat Thierry Burkart: «Ich sagte, ich fühle mich hier so wohl, weil mich die Gegend an den Aargau erinnert. Das kam nicht so gut an… Es herrschte darauf betretenes Schweigen.»

Zur fehlenden Krawatte sagte Nationalrat Beat Walti schmunzelnd: «Ich habe meinem Erstaunen Ausdruck gegeben…»

Nach Häppchen, Weisswein und Mineral ging’s im Festsaal weiter. Jürg Graf, seit 2009 Präsident der Ortspartei, hielt die Festrede. Auf ein Mikrofon verzichtete er.

«Zwei Sek-Lehrer aus der FDP, heute ein No-go!»
Jürg Graf, Präsident der FDP Gossau

Graf erzählte vom Ursprung der Gossauer Sektion. Die Wetzikon-Meilen-Bahn, die Uster-Oetwil-Bahn und die Uerikon-Bauma-Bahn sollten 1946 durch Auto-Busse ersetzt werden. Die Empörung in der Region sei gross gewesen. Graf: «Kurzerhand wurde ein Kampf-Komitee gegründet.»

Zu den Wortführern gehörte neben Sekundar-Lehrer Vögeli aus Hombrechtikon auch der damals 32-jährigere Gossauer Sek-Lehrer Ernst Brugger. Graf: «Sie kämpften mit harten Bandagen für die Bahnen.» 

Das Zürcher Stimmvolk sagte aber Ja zur Stilllegung der drei Oberländer Bahnen. Das war der Startschuss für die Gründung der Gossauer Ortspartei, die Geburt war am 17. Mai 1947 im Restaurant «Leue» in Gossau, die Initianten die beiden Sekundarlehrer Fritz Vollenweider und Ernst Brugger, der spätere Bundesrat. Graf: «Zwei Sek-Lehrer aus der FDP, heute ein No-go!»

Der Tiefstand zum Jubiläum

Der Mitgliederbeitrag betrug drei Franken. 1950 wurde Brugger mit überwältigendem Mehr zum Gemeindepräsidenten von Gossau gewählt. Die Einwohnerzahl knackte bald die 3000er-Marke (heute sind es 10313).

Am 19. April 1959 folgte Bruggers Wahl in den Regierungsrat. Graf: «Der ganz grosse Höhepunkt der FDP Gossau war am 10. Dezember 1969. An diesem Tag wurde Ernst Brugger in den Bundesrat gewählt. Brugger sagte, er sei genötigt worden. Die welschen Medien betitelten ihn als ‘l’Inconnu du Zurich’. Das war ein grosser Tag für die FDP und für die Gemeinde Gossau.»

1995 zählte die FDP Gossau bereits 250 Mitglieder, heute sind es nur noch 70. Der Tiefststand zum Jubiläum.

Speerspitze gegen SVP

Graf rief die gut 70 Party-Gäste zum Schluss zum Spenden auf. Eine Wahlurne stand im Saal bereit. Graf warnte: «Die Urne hat einen Metallboden. Wenn jemand glauben sollte, einen Fünfliber reinwerfen zu können, das hört man.»

Dann war die Reihe am Stargast. FDP-Präsident Thierry Burkart: «Eure Ortspartei ist 1947, zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, gegründet worden. Im Bewusstsein, dass man in Europa für die Freiheit kämpfen muss. Dass man sich verteidigt gegen Totalitarismus.»

«Die SVP wird nervös. Und ihr Präsident hat in der Partei nichts zu sagen.»
Thierry Burkart, Präsident der FDP Schweiz

Dieses Bewusstsein sei sehr gross gewesen, und es sei allen vor drei Monaten leider wieder vor Augen geführt worden. Der Krieg von Russland gegen die Ukraine sei auch ein Angriff auf die freiheitlichen Werte, für die man in Europa stehe – Freiheit, Demokratie, Menschenrechte. 

«Wir müssen jetzt gemeinsam mit unseren Partnern kämpfen. Es geht nicht um die übertriebene Neutralität, wie sie die SVP predigt.»

Es blieb nicht die einzige Speerspitze von Burkart gegen die im Oberland beliebte SVP. Burkart: «Die SVP wird nervös. Und ihr Präsident hat in der Partei nichts zu sagen.»

Wein für den Mann mit dem Malheur

Zum Schluss wurde der Aargauer Ständerat wieder humorvoll: «Ich will euch Bundesrat Ernst Brugger nicht streitig machen. Aber sein Vorgänger Hans Schaffner war Aargauer. Und Brugger hatte als Bürgerort neben Gossau auch Möriken, das liegt im Aargau. Ernst Brugger war also halber Aargauer.»

Als Burkart unter anderem mit einem Buch über die Ortsgeschichte von Gossau beschenkt wurde, erzählte er noch: «Das letzte Mal bekam ich hier zwei Flaschen Wein. Eine ist mir dann am Bahnhof auf den Boden gefallen.»

Ein Steilpass für Jörg Kündig, seit 2002 Gossaus Gemeindepräsident: «Meine Botschaft an Thierry: Wir haben noch Wein, falls ihm wieder einmal ein Malheur passieren sollte. Die meisten sagen zwar, dass man mehr als eine Flasche trinken müsse, bis man den Wein gut findet…»

Der Gemeindepräsident verabschiedete sich mit einem Geschenk: 750 Franken (10 Franken pro Jahr) und seinem obligaten Spruch: «Es darf auch sein, dass wir uns an einer Gemeindeversammlung treffen. Die nächste ist am Montag.» (Max Kern)

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