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Ausstellung mit 2000-teiliger Skulptur

Uster bekommt sein eigenes «Erdbeben»

Mit der Eröffnung der neuen Kunsträume im Zellwegerpark erhält das Oberland ein kulturelles Begegnungszentrum von internationaler Bedeutung. Damit will die Walter-A.-Bechtler-Stiftung auch Uster beleben.

Redaktion
Züriost
Donnerstag, 05. Mai 2022, 09:25 Uhr Ausstellung mit 2000-teiliger Skulptur

Geometrische Formen, soweit das Auge reicht. Perfekt ausgerichtet, fast schon streng. Und doch poetisch und verspielt, je nach Lichteinfall. Ein feiner Sonnenstrahl oder eine vorüberziehende Wolke vermögen das Gesamtbild bereits zu verändern.

«The 2000 Sculpture» des US-amerikanischen Künstlers Walter de Maria (1935-2013) ist das «Prunkstück» der neuen Ausstellungsräume für zeitgenössische Kunst in Uster. Die Skulptur, die aus 2000 diagonal angeordneten Gipsobjekten besteht, ist eine der grössten Bodenskulpturen weltweit.

Die zweitausendteilige Skulptur von Walter de Maria erhält in Uster ein permanentes Zuhause. (Foto: Flavio Karrer)

De Maria, ursprünglich ein wichtiger Vertreter des Minimalismus, hatte sich mehr und mehr der Land Art verschrieben. Eines seiner bekanntesten Werke ist wohl «The Lightning Field» (1977), eine Land Art Installation nördlich von New Mexico: Auf einer Fläche von über einem Quadratkilometer wurden 400 Stahlstangen aufgestellt, die an einem Gewittertag zur kosmischen Umspannstation werden sollten.

Der Andrang zu diesem Kunstwerk ist noch heute immens, weiss der Thomas Bechtler, Mitglied der Walter A. Bechtler-Stiftung. Als enger Freund des Künstlers beschreibt er diesen als Perfektionisten mit einer sehr radikalen, das ganze Universum umfassenden Art, sich auf seine Werke einzulassen.

Die Walter-A.-Bechtler-Stiftung wurde 1955 vom Schweizer Unternehmer Walter A. Bechtler gegründet und wird heute von seinen beiden Söhnen Ruedi und Thomas Bechtler in zweiter Generation geführt. Die Stiftung platziert Werke zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum oder in Museen.

Der Unternehmer und Kunstsammler Thomas Bechtler war von 1987 bis 2002 Präsident des Kunsthauses Zürich.

«Seiner Meinung nach sollten sich Museumsbesucher fühlen, als ob sie ein Erdbeben erlebten», resümiert Bechtler. Was dem Gefühl nahekommt, wenn man «The 2000 Sculpture» auf sich wirken lässt. Mit diesem epochalen Werk realisierte de Maria sozusagen eine «Lightning»-Skulptur für drinnen.

Eingebung führt nach Uster

Ausgestellt wurde diese mehrmals im Kunsthaus Zürich. Inzwischen war das Objekt in den Besitz der Walter-A.-Bechtler-Stiftung übergegangen. Lange Zeit wurde nach einer permanenten Ausstellungslösung gesucht. Was auch dem Wunsch des amerikanischen Künstlers entsprach, Kunst permanent der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

«Walter de Maria hielt sich besonders gerne im Engadin auf», erzählt Thomas Bechtler, «deshalb prüften wir in dieser Region verschiedene Optionen». Nach mehreren Fehlschlägen folgte die plötzliche Eingebung, die Räume in Uster aufzubauen, nur schon aufgrund des Bezugs der Stiftungsmitglieder mit dem Familienunternehmen Zellweger Luwa.

Im Jahr 2003 kauften die Brüder Ruedi und Thomas Bechtler das Industrieareal in Uster, auf welchem das Familienunternehmen Zellweger Luwa seinen Hauptsitz hatte. Nach der Veräusserung des Unternehmens entstand die Umnutzungsvision eines offenen Stadtquartiers – dieses sollte Wohnen, Arbeiten und Kunst miteinander verbinden.

Nach einem städtebaulichen Ideenwettbewerb und einer mehrjährigen Planungs- und Bauphase darf sich der neue Zellwegerpark in neuem Glanz präsentieren: Urbaner Chic, eingebettet in gepflegte Grünanlagen. Und dazwischen überraschen immer wieder öffentlich zugängliche Kunstwerke der Walter-A.-Bechtler-Stiftung, wie beispielsweise der «Cube» von Sol LeWitt.

So wurde das Zürcher Architekturbüro EM2N mit der Realisierung von Ausstellungsräumen auf der letzten freien Baufläche im Zellwegerpark betraut. Der Hauptraum für de Marias Werk wurde mit kubischen Oberlichtern versehen, welche für die so elementaren natürlichen Lichtbedingungen sorgen, «die Naturkräfte sind Teil des Kunstwerks».

Keine Konkurrenz

Zur festen Ausstellung gehört ein separater, eigens geschaffener Raum, in dem die Video-Installation «I Couldn't Agree With You More» der Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist erlebt werden kann.

In einem weiteren Raum werden zweimal jährlich Wechselausstellungen zeitgenössischer Künstler präsentiert, «möglicherweise berücksichtigen wir auch andere Generationen», verrät Thomas Bechtler. Wichtig sei, dass sich die Werke in den Wechselausstellungen nicht mit denen der Dauerausstellung konkurrenzieren.

«Kunstschaffende zweier verschiedener Generationen zusammenzubringen, war auch ein intuitiver Entscheid.»
Bice Curiger, Kuratorin

Aktuell dürfen sich Besucher und Besucherinnen auf die von Bice Curiger kuratierte Ausstellung «All Chemie» freuen: Einerseits mit Fotografien des deutschen Malers und Fotografen Sigmar Polke (1941-2010) – die Glasfenster des Zürcher Grossmünsters waren sein letztes grosses Werk.

Auf der anderen Seite erwarten einen die Bilder und Objekte der Schweizer Performance- und Objektkünstlerin Pamela Rosenkranz (geb. 1979). «Diese beiden Kunstschaffenden zweier verschiedener Generationen zusammenzubringen, war teilweise auch ein intuitiver Entscheid», erklärt die Kuratorin mit leuchtenden Augen, «beim Aufbau der Ausstellung erkennen wir, wie wunderbar die beiden Künstler miteinander harmonieren».

Beim Betrachten der zwei verschiedenen Welten ergeben sich überraschende Gemeinsamkeiten, die zum Entdecken und Staunen anregen.

Alle werden zu Experten

Mit der Eröffnung erhält die Bevölkerung von Uster ein kleines, aber feines Museum mit internationaler Relevanz. Ab Mitte Mai startet zudem das öffentliche Führungs- und Vermittlungsangebot.

Es ist den Verantwortlichen ein Anliegen, das Interesse an der Kunst zu fördern, so werden explizit Führungen sowohl für Schulklassen als auch für Privatgruppen und die Öffentlichkeit angeboten.

«Durch stete Museumsbesuche und Führungen können alle zu Experten werden», verrät Thomas Bechtler, der auch privat ein leidenschaftlicher Kunstsammler ist. Ein wichtiges Ziel sei auch, Uster mit dieser neuen kulturellen Einrichtung zu beleben. (Karin Sigg)

Die Eröffnung findet am Sonntag, 8. Mai, von 14 bis 17 Uhr statt. Die Öffnungszeiten sind mittwochs, donnerstags und samstags sowie sonntags jeweils von 11 bis 17 Uhr.

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