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«#4_Wände»-Beilage

Mit recycelten Baumaterialien die Umwelt schonen

Bauen produziert Abfall. Viele Bauteile, die in Deponien oder Entsorgungsstellen enden, sind oftmals noch in gutem Zustand. Margret Wyss, Leiterin der Bauteilvermittlung Zürichsee-Oberland, setzt sich für die Wiederverwendung dieser Bauteile ein.

Tanja
Frei
Mittwoch, 04. Mai 2022, 07:00 Uhr «#4_Wände»-Beilage
Zu sehen ist eine antike, in einem leichten Grün gehaltene Badewanne mit silbernen Armaturen.
Antike Badewannen oder Einzelanfertigungen sind bei Architekten und Privatpersonen sehr beliebt.
Foto: Unsplash

Dieser Beitrag wurde in der Verlagsbeilage «#4_Wände» veröffentlicht, die am 4. Mai mit dem «Zürcher Oberländer» und dem «Anzeiger von Uster» erschienen ist.

«60 Prozent unseres Abfalls bestehen aus Bauabfällen. Und diese könnten zu einem viel grösseren Teil wiederverwendet werden», erklärt Margret Wyss, Projektleiterin der Bauteilvermittlung Zürichsee-Oberland, einem Projekt der Lokalen Agenda 21 Stäfa. Die Bauabfälle setzen sich aus viel Aushubmaterial und zu einem guten Teil auch aus dem Innenleben eines Gebäudes zusammen. Dabei handelt es sich um Türen, Fenster oder komplette Küchen- und Badezimmereinrichtungen samt Lavabos, Wannen und WC-Schüsseln.

Um die Ressourcen zu schonen, Abfall zu vermeiden und Energie zu sparen, hat es sich die Umweltwissenschaftlerin mit der Bauteilvermittlung Zürichsee-Oberland zur Aufgabe gemacht, Bauteile, die noch intakt sind, weiterzugeben.

Margret Wyss erkannte schon früh in ihrem Studium, wie gross der Materialverschleiss beim Bauen ist. Heute ist es als Projektleiterin der Bauteilvermittlung ihr Job, Baumaterialien von Liegenschaften, die umgebaut oder abgebrochen werden, online zu vermitteln. «Grundsätzlich macht die Bauteilvermittlung das Gleiche wie eine Bauteilbörse. Einfach ohne Lager und Logistik», erklärt Wyss.

Von Abbrüchen und Fehlbestellungen

Während eine Bauteilbörse sich zusätzlich um die Anlieferung und Aufbereitung der Teile kümmert und je nachdem auch ein Lager bewirtschaftet, arbeitet eine Bauteilvermittlung komplett virtuell. Das spart vor allem Platz, wie Margret Wyss weiss. «Wir benötigen als virtuelle Vermittlung keine grossen Räumlichkeiten für die Zwischenlagerung.»

Margret Wyss (rechts), Gründerin und Projektleiterin der BTVZ, und Sandra von Meyenburg, Zuständige operatives Geschäft, stehen vor einem Werbestand für die Bauteilvermittlung Zürich-Oberland.
Margret Wyss (rechts), Gründerin und Projektleiterin der BTVZ, und Sandra von Meyenburg, Zuständige operatives Geschäft. (BTVZ)

Wie eine solche Bauteilvermittlung in der Praxis funktioniert, erklärt Wyss folgendermassen: «Wenn jemand bei uns online ein Bauteil findet, das er braucht, geht er direkt auf den Anbieter zu und holt das Produkt selbst ab.» Die Aufbereitung liege dann ebenfalls in der Hand der Interessenten, was jedoch kein Problem sei.

«Unsere Kundschaft besteht grösstenteils aus Heimwerkern, die Bodenplatten, Lavabos, Badezimmermöbel oder Balkongeländer von ganzen Abbruchliegenschaften sammeln.» Zu den meistvermittelten Bauteilen gehören aber auch Restposten wie übrig gebliebene Platten, die Sanitärfirmen nicht mehr in ihrem Sortiment haben möchten, die überzählig sind oder von Firmen fehlbestellt wurden.

Geduldig sein lohnt sich

Teilweise melden sich auch Architekturbüros oder Privatpersonen bei der Bauteilvermittlung, wenn sie beispielsweise spezielle Einzelstücke, wie antike Badewannen oder Einzelanfertigungen, suchen. Auch ganze Treppen konnte die Bauteilvermittlung Zürichsee-Oberland bereits vermitteln. Dies meist an Bauherren, die gerade ein Einfamilienhaus neu oder umbauen. Margret Wyss gibt jedoch zu bedenken, dass die Suche nach dem passenden Bauteil Zeit, Flexibilität und teilweise einen Platz zur Lagerung braucht.

Wer ausschliesslich mit recycelten Teilen bauen möchte, sollte geduldig sein. «Es kann eine gute Weile dauern, bis man alles, was man sich wünscht, gefunden hat», sagt Wyss, «doch das ist bei der Auswahl von neuen Materialien auch so.» Das Warten lohne sich aber auf alle Fälle. «Manchmal trifft man plötzlich auf das perfekte Einzelstück, und der Umwelt tut man damit auch etwas Gutes», unterstreicht Wyss die Vorzüge der Vermittlung.

Zu sehen ist ein Badezimmer mit zwei Lavabos, die in eine dunkle Ablage integriert sind.
Inneneinrichtungsteile wie Badezimmereinrichtungen samt Lavabos und WC-Schüsseln können oft wiederverwertet werden. (BTVZ)

Was die Projektleiterin zwar erst selten erlebt hat, worin sie jedoch grosses Potenzial zur Bauteilvermittlung sieht, ist die Zusammenarbeit mit Immobilienfirmen in der Umgebung. «In den letzten Jahren wurden viele grosse Liegenschaften aus den 1960er bis 1980er Jahren saniert.» Die Bauteile und Geräte von diesen Gebäuden sind oft unterschiedlichen Alters, und die neueren sind sehr gut wiederverwertbar.

Ziel ist die Selbstverständlichkeit

Das Interesse an der Wiederverwertung der Bauteile ist bei vielen Firmen jedoch klein. Das findet Wyss schade. «Leider ist die Baubranche viel zu dynamisch und schnelllebig, um für solche Grossvermittlungen Zeit aufzubringen», sagt sie. Doch was müsste passieren, damit solche Grossvermittlungen zur Selbstverständlichkeit werden? «Die Vorschriften im Bereich des ökologischen Bauens müssen ganz klar strenger werden», sagt die Projektleiterin direkt.

Margret Wyss betrachtet Quoten als entscheidenden Faktor. «Es ist wichtig, dass es in Zukunft eine Vorschrift gibt, dass man mit einem vorgeschriebenen Prozentsatz an wiederverwendeten Bauteilen bauen muss.» Diesbezüglich kam in der Schweiz bereits einiges ins Rollen. So hat die ETH Zürich das Thema Bauteilweiterverwendung bereits ins Architekturstudium aufgenommen.

Auch einige grosse Architekturfirmen sowie der Kanton Zürich haben erkannt: Der Abfall in diesem riesigen Rohstoffsektor muss vermindert werden. Und die Bauteilvermittlung Zürichsee-Oberland verfolgt weiter ihr Hauptziel: mit ihrem Angebot in diesem Bereich endlich einen Schritt weiterzukommen. Einen Schritt, der die Wiederverwertung von Bauteilen in Zukunft ganz selbstverständlich machen soll.