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«#4_Wände»-Beilage

Grosse Pläne für das historische Joweid-Areal

Einst das Herz der Rütner Textilindustrie, wuchs das Joweid-Areal zu einem einzigartigen Industrieensemble unterschiedlicher Bauten heran. Nun soll der Geschichte des Areals ein weiteres Kapitel hinzugefügt werden.

Sebastian
Schuler
Mittwoch, 04. Mai 2022, 17:55 Uhr «#4_Wände»-Beilage

Dieser Beitrag wurde in der Verlagsbeilage «#4_Wände» veröffentlicht, die am 4. Mai mit dem «Zürcher Oberländer» und dem «Anzeiger von Uster» erschienen ist.

n einer sanften Biegung fliesst die Jona durch das Tobel zwischen Dürnten und Rüti. Das war aber nicht immer so: Noch bis zur Begradigung in der Mitte des 19. Jahrhunderts schlängelte sich der Bach mit zahlreichen Windungen durch die Joweid und sorgte dafür, dass der Rütner Salomon Honegger an dessen Ufer eine kleine, durch Wasserkraft betriebene Textilfabrik gründete. Damit legte er den Grundstein für das Joweid-Areal, das heute mit einer Fläche von 9,3 Hektaren Land zu einem der grössten Industrieareale des Zürcher Oberlands gehört.

War zu Salomon Honeggers Zeiten noch das Wasser der entscheidende Faktor für einen optimalen Industriestandort, sind es mittlerweile die Zentrumsnähe und eine gute Anbindung an das Strassennetz und den öffentlichen Verkehr. Faktoren, die das Joweid-Areal mit seiner Lage zwischen den Gemeinden Dürnten und Rüti und direkt angrenzend an den Bahnhof Rüti allesamt erfüllt. «Das ist ein entscheidender Vorteil dieses Standorts», sagt Andreas Müller, Geschäftsführer der Joweid Rüti Immo AG.

Areal mit grosser Bedeutung – heute wie damals

Die Immobilienfirma ist seit 2009 im Besitz des Joweid-Areals. Im selben Jahr wurde auch die letzte Webmaschine vom Gelände abtransportiert und damit endgültig das Ende der Textilmaschinenära in Rüti besiegelt. «Heute sind rund 120 Betriebe aus den unterschiedlichsten Branchen eingemietet, die zusammen über 1000 Leute beschäftigen», sagt Müller. Aber auch wenn auf dem Joweid-Areal keine Textilfabrik mehr zu Hause ist, so erinnern die verschiedenen Gebäude und Bauten auf dem Gelände noch immer an das blühende Zeitalter der Textilindustrie.

Schon damals war das Areal zwischen Rüti und Dürnten enorm wichtig für die hier lebenden Menschen. «Die Maschinenfabrik war der erste grosse Arbeitgeber in der Region», sagt Nathalie Bohez. Die Architektin der Metron Raumentwicklung AG hat sich im Rahmen der Weiterentwicklung des Joweid-Areals intensiv mit dem Industriegebiet auseinandergesetzt. «Heute sind die verschiedenen Bauten aus verschiedenen Jahrzehnten einzigartige Zeitzeugen der industriellen Entwicklung.»

Aussenansicht der Fassade des zehnstöckigen Büroturms.
Der charakteristische zehnstöckige Büroturm wurde in den 1960er Jahren erbaut. (Foto: ses)

Durch die stetige Erweiterung des Industriegeländes mit An- und Neubauten ist in den letzten rund 150 Jahren ein Ensemble aus 23 Häusern und Verbindungsstücken wie Passerellen oder kleinen Brücken entstanden, die die historische Entwicklung des Areals in besonderer Weise dokumentieren. Zwischen dem ältesten Haus auf dem Areal, einem Schleifereigebäude, das aus dem Jahr 1875 stammt, und dem jüngsten Bau, dem Technologiezentrum, das 1990 errichtet wurde, liegen über 100 Jahre. «So entstand auch eine einzigartige architektonische Zusammensetzung der Gebäude, deren lineare Struktur sich im Spannungsfeld mit der wilden Natur der Jona und der Wälder rundherum befindet», sagt Bohez.

Wertvolle Überbleibsel der Industriekultur

Fällt einem beim Betreten des Geländes der charakteristische zehnstöckige Büroturm, der in den 1960er Jahren erbaut wurde, sofort ins Auge, entdeckt man auf den zweiten Blick etliche weitere architektonische Perlen der Industriekultur. Ein besonders auffälliges Gebäude ist das ehemalige Portalhaus, das eingeklemmt zwischen der Montage- und Speditionshalle und dem Technologiezentrum steht. Das 1897 fertiggestellte, im Vergleich zu den Bauten rundherum edel wirkende Verwaltungsgebäude war früher das Herz des Fabrikgeländes. «Hier stempelten die Arbeiter sich zu Beginn des Tages ein und nach Feierabend aus», erklärt Bohez.

Aber auch die Montage- und Speditionshalle mit den grossen Fensterrauten auf dem Flachdach, die für genügend Licht bei der Produktion sorgten, oder die an die Biegung der Jona angepasste Fassade der Zentralwerkstätten machen das Joweid-Areal zu einer einzigartigen Zusammensetzung verschiedenster Baustile.

Sind die Gebäude auf dem Joweid-Areal für an Geschichte und Architektur interessierte Personen wertvolle Überbleibsel der Industriekultur und der Ortsgeschichte Rütis, stellen sie die Joweid Rüti Immo AG als Vermieterin und Bewirtschafterin oft vor Herausforderungen. Denn die spezifische Bauweise vieler Gebäude schränkt die Art der Bewirtschaftung nicht selten ein. So ist es zum Beispiel nicht möglich, grosse Gewerbeflächen als Umschlagplatz für ein grosses Logistikunternehmen zu gebrauchen. «Die meisten Gebäude verfügen bloss über eine grössere Öffnung und eine Rampe, da sie für die Textilmaschinen konzipiert wurden», sagt Müller.

Auch der Innenausbau ist in vielen Räumen noch veraltet und muss saniert werden. «Da aber 80 Prozent der verfügbaren Fläche vermietet sind, müssen wir jeweils Mieterwechsel abwarten und können die Arbeiten nur nach und nach ausführen lassen.» Ein ständiger Prozess der Weiterentwicklung, der für das Joweid-Areal bezeichnend ist. Hier werde seit je versucht, bestehende Ressourcen bestmöglich zu nutzen und sie, wenn nötig, zu optimieren, erklärt Müller

Das Areal soll sich öffnen

Dazu passt auch der Masterplan, den die Metron Raumentwicklung AG im Auftrag der Eigentümerin und der Gemeinden Dürnten und Rüti ausgearbeitet und 2021 präsentiert hat. Darin ist festgehalten, wie sich das Areal in Zukunft öffnen und so ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Joweid aufgeschlagen werden soll. Der Plan sieht vor, dass im südlichen Sektor des Areals eine Mischnutzung mit zusätzlichem Wohnraum, Dienstleistungen oder kulturellen Angeboten entsteht. Die industrielle Nutzung in den Sektoren Mitte und Nord bleibt weiterhin bestehen.

Zwei Passerellen, eine im Vorder- und eine im Hintergrund, die verschiedene Industriegebäude miteinander verbinden.
Passerellen und kleine Brücken prägen das Bild des Areals. (Foto: ses)

An dem zeitgeschichtlichen Charakter des Geländes solle sich dadurch jedoch wenig ändern, beteuert Müller. «Besonders der historisch bedeutende mittlere Sektor soll genau so erhalten bleiben, wie er ist.» Bei den restlichen Industriebauten wird geprüft, ob sie bei Bedarf aufgestockt oder erweitert werden. Einzig im Gebiet des jetzigen Parkplatzes bei der Haltbergstrasse, wo die neuen Wohnungen, Gewerbe- und Verkaufsräume geplant sind, muss ein Gebäude weichen.

Das Stimmvolk muss entscheiden

Die Öffnung des Industriegeländes für Wohnungen, Dienstleistungen und kulturelle Angebote entspricht sowohl dem Wunsch der Eigentümerin, die das brachliegende Bauland gerne bebauen würde, als auch dem Bestreben des Kantons nach verdichtetem Bauen. «Es liegt eigentlich nichts näher, als dass man an einem voll ausgebauten Bahnhof, wo im Viertelstundentakt Züge nach Zürich und Rapperswil verkehren, zusätzlichen Wohnraum schafft», sagt Müller. Dieses gemeinsame Ziel habe die Ausarbeitung des Masterplans mit den involvierten Gemeinden und dem Kanton und seinen Fachstellen auch sehr erleichtert. «Wir haben alle an einem Strick gezogen und konnten alles auf einen gemeinsamen Nenner bringen», sagt Müller

Gemäss dem Masterplan soll spätestens 2036 mit der Umgestaltung des Teilstücks begonnen werden. Denn bis dahin läuft der Mietvertrag des Mieters im einstigen Technologiezentrum, welches dem Neubau weichen muss. Ob auf dem Joweid-Areal aber dereinst tatsächlich die Bagger auffahren, das entscheiden unter anderen auch die Rütner Stimmbürgerinnen und Stimmbürger. Sie müssen der Überarbeitung des Bau- und Zonenplans zustimmen, dass im Sektor Zentrum Wohnungen gebaut werden können.

Und was, wenn die Umzonung abgelehnt wird? «Es gibt keinen Plan B. Ich denke, wir sind mit dem Masterplan so nahe an den Gemeinden und dem Volk, dass es keine grosse Geschichte werden sollte», ist Müller überzeugt. Damit auf dem Joweid-Areal schon bald ein weiterer grosser Entwicklungsschritt in Angriff genommen werden kann.