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6. Dezember

«Samichlaus, kannst Du fliegen?»

Es ist der 6. Dezember. In der Luft liegt der Geruch von Zimtsternen und Mailänderli, der Christbaum ist geschmückt, und zwei der vier Adventskerzen auf dem Wohnzimmertisch brennen bereits. Da klopft es plötzlich an der Tür. Der Samichlaus tritt herein. Doch wie bereitet sich der Samichlaus auf den 6. Dezember vor? Wir trafen ihn zum Gespräch.

Nino
Vinzens
Mittwoch, 24. November 2021, 08:00 Uhr 6. Dezember
Die Vorbereitungen für die Chlausete beginnen schon sehr früh für den Samichlaus.
Foto: Paulo Pereira

Dieser Beitrag wurde in der Verlagsbeilage «Weihnachtszeit 2021» veröffentlicht, die am 24.November  mit dem «Zürcher Oberländer» und dem «Anzeiger von Uster» erschienen ist.

Samichlaus, es ist so weit. Die Weihnachtszeit steht vor der Tür und damit auch die Chlausete. Was machst Du, um Dich darauf vorzubereiten?
Samichlaus: Die Vorbereitungen beginnen schon im Sommer. Wir sind jetzt hier in der Samichlaushütte Batzberg oberhalb von Fägswil. Die Leute, die schon mehrere Male hier gewesen sind, wissen, dass der Andrang immer sehr gross ist. Die Ersten rufen mich in der Regel schon im Juli an und möchten einen Platz buchen. Die bekommen dann auch einen. Den Leuten, die erst im November anrufen, muss ich in der Regel absagen, oder ich verweise sie an unsere zweite Hütte in der Dachsegg. Dort können die Familien jedoch nicht einzeln, sprich im Halbstundentakt, zu mir kommen. Sie besuchen mich dort einfach alle zusammen und bekommen, wie auch hier, Tee und Mandarinen.

Worauf freust Du Dich am meisten?
Auf die Kinder. Es ist einfach schön zu sehen, wie sie sich freuen. Natürlich gibt es auch Kinder, die Angst haben, aber dann kann man sich entsprechend verhalten. In der Regel haben die Kinder wirklich grosse Freude. Wenn man dann die leuchtenden Augen sieht, ist das wirklich irrsinnig schön. Viele Eltern schätzen das und kommen mit dieser Freude zu mir. Das überträgt sich dann auch auf die Kinder. Nur schon der Weg nach hier oben ist fast schon romantisch.

Eine richtig zauberhafte Atmosphäre.
Genau, die Hütte ist dann auch entsprechend dekoriert mit Laternen und Kerzen. An der Wand hängen dann immer einige Schnuller.

Wieso Schnuller?
Viele Kinder geben uns ihre Nuggi ab, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Die sammeln wir und hängen sie an der Wand auf. Auch einige Zeichnungen der Kinder verzieren zusammen mit den Schnullern die Wände. Es ist wirklich sehr schön.

Ich nehme an, der Schmutzli ist auch dabei an diesen Abenden hier in der Hütte, oder?
Ja natürlich, der sammelt gerade Holz im Wald. Er kümmert sich ums Feuer und um die Samichlaussäcke. Wenn ich dann nach ein paar Stunden heiser werde, erzählt auch der Schmutzli gerne eine Geschichte.

Dann stimmt es gar nicht, dass der Schmutzli nicht spricht?
Nein, das stimmt nicht. Und überhaupt, dass der Schmutzli ein böser Mann ist, das ist passé. Diese Geschichte ist vorbei. Vieles ist heute anders als früher. Auch dass Kinder in den Sack gesteckt werden, gibt es heute nicht mehr. Wir machen den Kindern keine Angst. Ab und zu kommt der Wunsch, wir sollten ein bisschen strenger sein, weil es nicht so ein liebes Kind gewesen sei. Das machen wir nicht. Wir loben auf jeden Fall die Kinder mehr, als dass wir sie tadeln.

Wenn die Eltern Dir sagen, dass das Kind manchmal wirklich nicht sehr brav gewesen sei, wie sagst Du es dem Kind?
Man kann es natürlich unterschiedlich sagen. Entweder sagt man es laut, man beginnt zu lärmen, oder man verwendet einen aufbauenden Ton. Ich entscheide mich dann lieber für die zweite Variante. Man will ja nicht, dass das Kind zu weinen beginnt.

Kommt das oft vor?
Ja, vor allem bei den kleineren Kindern. Bei jenen, die den Samichlaus noch nie gesehen haben. Am besten ist es, wenn man sich dann gleich den Geschwistern zuwendet. Wenn das Kind allein oder als letztes an der Reihe ist, dann tröstet man es natürlich. Die Eltern helfen da immer sehr gut mit.

In der Batzberg-Hütte oberhalb von Fägswil empfängt der Samichlaus jedes Jahr zahlreiche Familien. (Foto: Paulo Pereira)

Um einen Chlaussack zu bekommen, muss man ja einen Vers aufsagen. Welcher war der lustigste, der Dir geblieben ist?
Was mir vor allem auffällt, ist, dass es jedes Jahr andere Verse und Sprüche gibt. Ich höre wirklich immer wieder neue Sprüche. Ich nehme an, dass die Lehrerinnen und Lehrer immer wieder selber neue Gedichte erfinden und den Kindern beibringen. Dann gibt es Kinder, die ellenlange Gedichte aufsagen oder berühmte Verse wie etwa «Was isch das für es Liechtli», die des Öfteren vorgetragen werden. Bis jetzt habe ich nur ein einziges Mal einen frechen Vers von einem Kind gehört. Das war bei einem Schulbesuch. Er endete mit «Ich gsehn es Rehli, es vertrinkt jetz grad im Seeli». So was kommt nur höchst selten vor.

Passiert es oft, dass ein Kind aus Ehrfurcht und lauter Nervosität keinen Ton herausbringt?
In der Regel schreiben es die Eltern auf die Lob-und-Tadel-Liste, wenn das Kind sehr scheu ist. Wenn es partout nicht will, dann will es nicht. Ich sage dann jeweils: «Du kommst ja nächstes Jahr wieder, Du kannst es mir dann sagen.»

Was aus dem Chlaussack magst Du eigentlich am liebsten? Mandarinli, Lebkuchen oder vielleicht doch die Schöggeli?Da gibt es viele gute Sachen, aber die Lebkuchen haben es mir angetan.

Was unterscheidet Dich vom Weihnachtsmann, den man in anderen Kulturen kennt? Zum Beispiel in Nordamerika?
Der Samichlaus kommt schon früh im Dezember, während sich der Weihnachtsmann mehr an Weihnachten und den Geschenken orientiert, die er bringt. Das gibt es hier in dieser Form praktisch nicht. Ich habe es nur zweimal erlebt, dass die Eltern dem Kind Geschenke in den Samichlaussack gepackt haben.

Der Weihnachtsmann in den USA hat Rentiere, und Du hast einen Esel.
Es sind sogar zwei Esel. Wenn die Kinder die Esel sehen, ist der Samichlaus plötzlich nicht mehr wichtig. (Lacht.) Als wir letztes Jahr aufgrund der Pandemie draussen und nicht in der Hütte waren, gingen die Kinder immer zu den Eseln. Hier in der Hütte ist das anders. Da kann man sich mehr Zeit für die Kinder nehmen. Mit Kindern muss man einfach flexibel sein.

Die ganze «Chlauserei» ist bestimmt eine stressige Zeit. Wie gehen die Esel damit um?
Die Esel nehmen wir nicht mit zu den Familien. Wir haben die Esel nur hier in der Hütte. Wir bauen einen Zaun auf und haben Heu und Wasser. So können sie sich frei bewegen. Die Kinder können die Esel am Zaun füttern und streicheln. Mit den Tieren ist es wie mit den Menschen. Wenn sie nicht wollen, muss man sie in Ruhe lassen.

Der Samichlaus ermahnt die Kinder ja auch, den Eltern zu gehorchen und brav zu sein. Welche «Sünden» hörst Du am meisten?
Dass sie nicht folgen und nicht aufräumen. Das sind die Klassiker. Was auch noch öfters kommt, ist das Plagen der Geschwister. Auch auf die Schule bezogene Sachen, wie das Nicht-Erledigen der Hausaufgaben, höre ich ab und zu.

Werden die Kinder nie misstrauisch?
Man muss aufpassen, Kinder sind nicht dumm. Einmal wurde ich gefragt, woher ich das alles wisse. Da habe ich gesagt, ich hätte zum Fenster reingeschaut. Der Junge entgegnete dann: «Aber Du, wir wohnen im fünften Stock. Kannst Du fliegen?» Ich bin dann nicht mehr zu sehr ins Detail gegangen.

Wird der Samichlaus auch moderner mit der Zeit?
Ja, er wird moderner. Wie ich vorhin gesagt habe, gibt es gewisse Dinge nicht mehr, zum Beispiel die Geschichte mit dem Sack. Es gibt aber auch Veränderungen, die ich grottenschlecht finde. Ich nehme die Kinder zum Beispiel nicht mehr aufs Knie. Das Ganze begann in den USA, mit dem seltsamen Gedanken, was wohl der Samichlaus mache, wenn er das Kind auf dem Knie habe. Die Kinder haben durch die Nähe jeweils die Angst vor dem Samichlaus verloren. Leider dürfen wir das heute nicht mehr machen.

Wie sieht die Chlaustradition in 20 Jahren aus?
Es wird sie sicher noch geben. Ob es den Samichlaus in der jetzigen Form noch geben wird, weiss ich nicht. Wir schauen ja jetzt schon, dass wir die modernen Sachen aussen vor lassen. Wenn die Kinder von Handys und irgendwelchen iPhones reden, dann reagiere ich so, als wisse ich nicht, was das sei. Unser Verein gibt sich grosse Mühe, dass Samichlausbesuche so authentisch wie möglich sind. Wir tragen zum Beispiel immer hohe, schwarze Schuhe, man sieht keine Armbanduhren, und wir klingeln nicht, wenn wir bei Familien sind. Der Samichlaus klopft an die Tür. Das sind einfache Dinge, die man auch noch in 20 Jahren machen kann. Ich weiss jedoch nicht, ob der Samichlaus dann noch so wichtig sein wird. Wenn diese Tradition richtig an die nächste Generation weitergegeben wird, wird es den Samichlaus, so, wie wir ihn jetzt kennen, sicher noch geben.

 

Die Samichlaus-Gesellschaft Rüti-Tann/Dürnten arbeitet unentgeltlich. Die Entschädigungen für einen Chlausbesuch zu Hause oder in der Batzberg-Hütte werden jedes Jahr allesamt an Wohltätigkeitsvereine oder Kinderheime gespendet. 2019 wurde das Heilpädagogische Institut St. Michael in Adetswil mit 3000 Franken unterstützt.

www.samichlaus-rueti.ch