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Pilotprojekt läuft aus

Wie geht es weiter mit der «Inklusionsstadt Uster»?

Bald endet das vierjährige Pilotprojekt «Inklusionsstadt Uster» und damit auch die Ära der städtischen Inklusionskoordinatorin. Doch Barrieren bestehen für Menschen mit Behinderung noch immer. Am «Talk about Uster» und in einem Abschlussbericht wurde das Projekt evaluiert und über künftige Schritte zur «Stadt für Alle» diskutiert.

Laura
Hertel
Donnerstag, 14. Oktober 2021, 10:44 Uhr Pilotprojekt läuft aus

Nur mit grosser Anstrengung und fremder Unterstützung gelang es der Ustermerin Monica Utzinger letzte Woche, sich auf die Bühne des Kulturhauses Central zu befördern. Dort diskutierte sie am «Talk about Uster» zusammen mit der städtischen Inklusionskoordinatorin Elisabeth Hildebrand und SP-Gemeinderätin Monika Fitze darüber, wie barrierefrei die Stadt tatsächlich ist, und was sich getan hat, seit sich Uster vor rund vier Jahren zur «Inklusionsstadt» bekannt hatte.

Dass es dennoch einige Barrieren gibt, wurde am «Talk about Uster» deutlich, bevor überhaupt geredet wurde: Für Monica Utzinger, die aufgrund von ihrer Erkrankung an Multipler Sklerose auf einen elektrischen Rollstuhl angewiesen ist und nur noch wenige Schritte aus eigener Kraft gehen kann, war der Weg auf die Bühne des Centrals beschwerlich. Denn einen Treppenlift oder einen Handlauf suchen mobilitätseingeschränkte Personen neben den Stufen, die zur Bühne hoch führen, vergeblich.

«Weichenstellung» steht bevor

Auf solche Hindernisse verschiedener Art stösst Utzinger im Alltag immer wieder, wie sie sagte. Dies, obwohl sich die Stadt seit einiger Zeit intensiv mit dem Thema Gleichstellung und Partizipation von Menschen mit Behinderung beschäftigt. 

Das umfassende Projekt «Inklusionsstadt Uster» entstand im Zuge der Leistungsmotion «Gleichstellung für Menschen mit Behinderung», die 2016 von Monika Fitze und zwei weiteren Gemeinderäten eingereicht wurde. Für die Umsetzung hatte das Parlament die Schaffung einer 80-Prozentstelle für eine Inklusionskoordinatorin sowie einen jährlichen Kredit von 220’000 Franken bewilligt – als auf vier Jahre beschränktes Pilotprogramm. Ende Jahr läuft diese Frist ab. «Wir befinden uns heute vor einer Weichenstellung», sagte Moderator Frank von Niederhäusern deshalb zu Beginn des «Talk about Uster».

Kleine Schritte, langer Weg

In der Diskussionsrunde sollte nicht nur die bisherige Projektlaufzeit rekapituliert, sondern auch einen Ausblick in die Zukunft gegeben werden. Von Niederhäusern fragte Utzinger, ob ihr Leben seit Beginn des Inklusionsprojekts einfacher geworden sei, was die Befragte unverblümt ehrlich mit «nein, nicht viel» beantwortete. Damit führte sie vor Augen, dass Inklusion nicht von heute auf morgen geschieht, und dass der Weg zur «Stadt für Alle» auch nach Ablauf des Pilotprojekts nicht vollendet sein wird.

Was im Dezember aber endet, ist die befristete Stelle der Inklusionskoordinatorin Elisabeth Hildebrand. Sie sagte: «Ich wünschte, ich könnte alles so schnell und einfach ändern, doch Inklusion ist ein langwieriger Prozess.» Als sie damals vor über drei Jahren diese neu geschaffene Stelle in Usters Stadtverwaltung antrat, war der Soziologin und Erziehungswissenschaftlerin gemäss eigener Aussage selber nicht bewusst, was sie dieser neu geschaffenen Funktion genau erwartet. «Viele Städte haben Gleichstellungsbeauftragte für Menschen mit Behinderung, aber eine Inklusionskoordination ist schon eher eine Stelle, die Uster neu geprägt hat.»

Uster als Pionierstadt

Hildebrand erzählte: «Zu Beginn wusste man gar nicht richtig, wo man überhaupt anfangen soll.» Als Grundlage diente eine Sozialraumanalyse, die von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) realisiert wurde. Darin waren verschiedene Handlungsfelder und Massnahmen definiert. Darunter etwa eine barrierefreie Aussenraumgestaltung oder ein vereinfachter Zugang für Menschen mit Behinderung in die Arbeitswelt, ins Vereinsleben oder in Usters Kulturgeschehen – zahlreiche Bereiche mit noch vielfältigeren Bedürfnissen also. Es sei ein «extremer Anspruch», möglichst viele davon zu kennen und möglichst vielen gerecht zu werden, so Hildebrand. Ihre Arbeit sei stets projektbasiert gewesen.

Bei der Umsetzung einiger Ideen sei sie immer wieder Herausforderungen oder Widerständen begegnet: «Grundsätzlich sind alle für Gleichstellung, aber sobald eine Idee dann konkret wird, wird oft nach diversen Ausreden gesucht, wieso etwas angeblich nicht funktionieren sollte.» Weiter erzählte Hildebrand, dass teils vermeintlich kleine Anpassungen zugunsten der Barrierefreiheit einen ganzen «Rattenschwanz an Kommunikationsschritten» erfordert habe. Zusätzlich erschwert wurde die Inklusionsarbeit durch die Corona-Pandemie. 

32 Projekte realisiert

Trotzdem konnten im Rahmen der «Inklusionsstadt Uster» bislang 32 verschiedene Teilprojekte umgesetzt werden – darunter etwa die Einführung einer einfachen Sprache für diverse Texte wie etwa Wahlanleitungen, eine Gemeindewebsite, die auch für Menschen mit einer Sehbehinderung erfassbar ist, die Einführung von niederschwelligen Arbeitsplätzen in der Stadtverwaltung für Personen mit Behinderung sowie diverse Sensibilisierungskampagnen im öffentlichen Raum.

Generell meinte Hildebrand, dass in Uster bereits eine grosse Sensibilität der Bevölkerung für das Thema spürbar sei. Dies bestätigte auch die Erfahrung von Utzinger: «In Uster sind die Leute viel hilfsbereiter als zum Beispiel in Zürich.» Hildebrand fügte an, dass die Stadt durch die Projekte zur Bewusstseinsbildung in dieser Hinsicht in den letzten Jahren nochmal einen Sprung gemacht habe.

«Jetzt müssen wir hartnäckig bleiben und weitermachen. Inklusion ist kein Thema, das sich einfach abhaken lässt.»

Monika Fitze, Gemeinderätin (SP)

Monika Fitze, eine der politischen Drahtzieherinnen des Inklusionsprojekts, zeigte sich sehr zufrieden mit der Umsetzung der Leistungsmotion und deren Auswirkungen. Gleichzeitig betonte sie aber auch, dass dies erst der Anfang sei: «Jetzt müssen wir hartnäckig bleiben und weitermachen. Inklusion ist kein Thema, das sich einfach abhaken lässt.» Fitze sagte, sie sehe Inklusion als «Vision», ein «Kompass» für eine Gesellschaft, in der alle Menschen gleichgestellt sind und gleichzeitig deren Vielfalt anerkannt wird.

Während der Inklusionsprozess weitergehen müsse, bewertete Fitze es auch als Chance, dass die Pilotphase ausläuft: «Jetzt müssen alle einzelnen Abteilungen der Stadt selber inklusiv denken und können das Thema nicht mehr einfach bei der Inklusionskoordinatorin parkieren.»

Am Anlass drang durch, dass die Weiterführung einiger Massnahmen bereits aufgegleist wurde. So wird es etwa, wenn Hildebrand Uster per Ende Jahr verlässt, für Menschen mit Behinderung bei der Stadt eine neue Ansprechperson geben, die als Bindeglied fungieren soll. Eine solche Kontaktstelle sei wichtig, sagte Utzinger. Auch die Fachgruppe «Partizipation Uster», die im Rahmen der Inklusionsstadt ins Leben gerufen wurde und in der auch Utzinger mitwirkt, wird fortgeführt.

So bewerten externe Experten das Projekt

Zum Abschluss des vierjährigen Pilotprojekts «Inklusionsstadt Uster» ist letzte Woche auch ein 118-seitiger Bericht mit Ein- und Ausblicken aus verschiedenen Perspektiven erschienen. Darin evaluiert auch die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) das Projekt mit einem Blick von aussen. Für deren Auswertung hat die Fachhochschule mit 18 Personen gesprochen - acht davon sind selbst Menschen mit Behinderung. Neben Erfolgen zeigte sich dabei auch, wo bei der Durchführung des Projektes «Sand im Getriebe» war.

Gemäss Bericht bewerteten Betroffene mitunter die leichte Sprache, die Präsentation eines Hörfilms oder den inklusiven Stadtplan, der konkrete Hindernisse und Potenziale in der Stadt für Menschen mit Behinderung aufzeigt, als positiv.

«Verfälschte Teilhabe»

Kritik äusserten einige der befragten Betroffenen hingegen hinsichtlich ihrem tatsächlichen Einfluss und ihrer Partizipation im Projekt selber. Laut FHNW sprachen manche von einer «unechten Mitwirkung». So sagte eine Person etwa: «Es wurden Projekte für die Betroffenen aber eben nicht mit den Betroffenen gemacht.» Eine andere meinte: «Fachpersonen haben zu viel geredet, die Betroffenen haben eher zugehört. Das ist eine verfälschte Teilhabe.»

Weiter erwähnten Betroffene bauliche Barrieren, insbesondere in älteren Gebäuden und beim Bahnhof. Weiter sei bei Politik und Verwaltung zwar viel guten Willen vorhanden, doch dass dies etwas anders aussehe, sobald es um die Finanzierung gehe: «Theoretisch sind sie dafür, aber realistisch gesehen wird es vielleicht zu teuer sein, sagen sie sich.»

Integration in Regelstruktur

Die Fachhochschule fasst zusammen, dass in den vergangenen drei Jahren wichtige Meilensteine gesetzt worden seien, und dass die Umsetzung des Projektes in die richtige Richtung zeige. Die Projektdauer von drei Jahren habe geholfen, die Haltung und das Verständnis der Bedürfnisse der Betroffenen zu verändern. Die FHNW weist aber auch darauf hin, dass «die identifizierten Faktoren des Gelingens» solche seien, die «systemisch bereits vorhanden waren». Im Rahmen des Projektes sei es gelungen, an bestehende Ressourcen und Haltungen der Bevölkerung anzuknüpfen. Haltungen einzelner Akteure und Institutionen würden dann als problematisch wahrgenommen, wenn sie «stark von behördlichen Zusammenhängen, wie zum Beispiel von verwaltungsinternen Vorgaben», geprägt seien.

Abschliessend heisst es im Bericht, dass die erarbeiteten Massnahmen nach der Projektphase in die regulären Strukturen der Verwaltung integriert werden sollen. «Inklusion ist zu wichtig, als dass man sie nur einer einzigen Stelle delegieren könnte.» Die Verankerung in den einzelnen Abteilungen sei deshalb für eine nachhaltige Sicherung des Projekterfolges von grosser Bedeutung. (lah)

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