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Sicherheitsingenieur zum Unfall in Sternenberg

«Tragen von Sicherheitsgurten könnte Leben retten»

In Sternenberg ist ein Landwirt tödlich verunglückt. Er stürzte mit seinem Traktor an einem Steilhang. Sicherheitsingenieur Thomas Bachmann betont im Interview, dass es mehr Sensibilisierung braucht, um solche Tragödien zu verhindern.

Annabarbara
Gysel
Mittwoch, 13. Oktober 2021, 16:52 Uhr Sicherheitsingenieur zum Unfall in Sternenberg
Gemäss Sicherheitsingenieur Thomas Bachmann gibt es im Tösstal viele gefährliche Hanglagen, die zu bewirtschaften sind.

Am Sonntag hat sich in Sternenberg ein tödlicher Arbeitsunfall ereignet. Bei einem Fahrmanöver ist ein Traktor ins Rutschen geraten und stürzte rund 300 Meter den Hang hinunter. Er überschlug sich dabei mehrmals. Der 57-jährige Landwirt wurde aus dem Fahrzeug geschleudert und darunter eingeklemmt. Er verstarb noch an der Unfallstelle. Bereits im Februar hatte sich in der Region ein ähnlicher Unfall ereignet.

Gemäss den Aufzeichnungen der Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL) (siehe Box) kommt es in der Schweizer Landwirtschaft immer wieder zu schweren Unfällen. Sich überschlagende Fahrzeuge an steilen Hängen sind oft die Ursache und gehen selten glimpflich aus. Letztes Jahr verloren auf diese Weise 8 Menschen ihr Leben, 2019 waren es 5 und 2018 sogar 16.

Thomas Bachmann ist Geschäftsleitungsmitglied und Sicherheitsingenieur bei der BUL. In seine Zuständigkeit fallen die Maschinensicherheit und Unfallanalysen. Er hofft, dass sich mit stetiger Präventionsarbeit die Zahl tödlicher Unfälle weiter senken lässt.

Herr Bachmann, immer wieder liest man von tödlichen Unfällen, die sich bei landwirtschaftlichen Arbeiten in unwegsamem Gelände ereignen. Ist Landwirt ein gefährlicher Beruf?
Thomas Bachmann: Ja, trotz fehlender statistischer Angaben zum landwirtschaftlichen Unfallgeschehen gehört die Landwirtschaft neben den Branchen Forst und Bau zu den gefährlichsten Berufen.

In welchen landwirtschaftlichen Arbeitsbereichen sehen Sie denn ein erhöhtes Risiko?
Das höchste Risiko besteht effektiv im Bereich der landwirtschaftlichen Motorfahrzeuge und deren Einsatz. Im Vordergrund stehen die Fahrzeugstürze.

Bei beiden Unfällen im Tösstal waren Traktoren involviert. Sind diese Maschinen nicht geeignet für das Arbeiten an steilen Hängen?
Aus verschiedenen Gründen müssen landwirtschaftliche Grünflächen bewirtschaftet werden – unabhängig von deren Topografie. Um effizient zu arbeiten, werden – wo möglich – Maschinen eingesetzt. Wichtig ist, je nach Situation die geeignete Maschine – insbesondere bezüglich deren Hangtauglichkeit – einzusetzen. Dazu gehören spezielle Hangfahrzeuge und Traktoren mit Doppelrädern.

«Leider gelten ausserhalb von Strassenfahrten für die Mitglieder der Bauernfamilien keine konkreten Vorschriften.»

Thomas Bachmann, Sicherheitsingenieur bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL)

Wenn das nicht mehr geht, gibt es noch Motormäher und andere handgeführte oder handgehaltene Gerätschaften. Es sind nicht alle Maschinen für Hangarbeiten tauglich. Die Kunst ist es, die richtigen sicher einzusetzen und deren Einsatzgrenzen und -bedingungen zu beachten. Es gibt viele schöne Gegenden im Tösstal. Es gibt aber auch viele gefährliche Hanglagen, die zu bewirtschaften sind. Deshalb müssen alle aufpassen und vorsichtig arbeiten, wenn sie in diesen Hanglagen tätig sind.

Wie würden sich denn Todesfälle durch solche Traktorenstürze vermeiden lassen?
Wir haben festgestellt, dass sich die Unfallfolgen bei vielen Fahrzeugstürzen durch das Tragen von Sicherheitsgurten mit hoher Wahrscheinlichkeit verringern lassen würden. Leben könnten gerettet werden! Es braucht Zeit, bis das Tragen der Gurte auf den Traktoren zur Routine wird. Zudem müssen die Fahrer das auch wollen – ein Sinneswandel ist erforderlich.

Sie sagen, dass das Tragen von Gurten beim Traktorfahren keine Pflicht ist. Welche rechtlichen Bestimmungen müssen Landwirte denn für die Unfallverhütung einhalten?
Leider gelten ausserhalb von Strassenfahrten für die Mitglieder der Bauernfamilien keine konkreten Vorschriften. Es wird einzig in den Betriebsanleitungen der Fahrzeuge darauf hingewiesen, dass die Gurten getragen werden sollen. Hingegen gilt für familienfremde Arbeitnehmende eine Anschnallpflicht seit 2018. Dies gilt zum Beispiel für Lernende. Neue Fahrzeuge, die noch nicht mit Sitzgurten ausgerüstet sind, müssen nachgerüstet werden. Auf der Strasse müssen sich alle angurten, wenn ein Gurt vorhanden ist.

Erinnerungskleber und Hofausfahrtstafeln sind Teil der BUL-Sensibilisierungskampagne. (Foto: PD)

Sind diese Regelungen zu lasch?
Wenn man bedenkt, dass tödliche Unfälle durch Fahrzeugstürze die häufigste Ursache der schwersten Unfälle in der Landwirtschaft sind, müsste der Aufruf, sich anzugurten, auch von familieneigenen Fahrern und Fahrerinnen besser beherzigt werden.

Wie gross schätzen Sie bei diesen Unfällen das menschliche Fehlverhalten ein?
Erfahrungsgemäss ereignen sich weit mehr Unfälle durch menschliches als durch technisches Versagen.

Braucht es also eine bessere Sensibilisierung der Landwirtinnen und Landwirte bezüglich Gefahren und Risiken?
Seit 2019 macht die BUL zusammen mit dem Schweizer Bauernverband mit der Sensibilisierungskampagne «Schon geschnallt» darauf aufmerksam, dass man sich auf dem Traktor zuerst anschnallen soll, bevor man wegfährt. 
Dieser Klick muss zur Routine werden, wie beim Autofahren! Leider vergessen viele Bauern in der Hitze des Gefechts, auf die Gefahren und die Schutzmassnahmen zu achten. Wir sind deshalb für jede Unterstützung in der landwirtschaftlichen Präventionsarbeit – auch durch die Medien – dankbar.

Welche konkreten Anstrengungen betreibt die BUL in diesem Bereich?
Die BUL hat viele Gelegenheiten, bei denen sie auf die Gefahren bei landwirtschaftlichen Arbeiten aufmerksam machen kann. Im Vordergrund stehen die Medienberichte in den Fachzeitschriften sowie die Informationen an den zahlreichen Schulungen und Kursen, die die BUL anbietet. Zur Unterstützung der Kampagne «Schon geschnallt» können Bäuerinnen und Bauern bei der BUL Erinnerungskleber und Hofausfahrtstafeln gratis bestellen. Damit werden sie vor dem Abfahren an das Anschnallen erinnert.

Zeigt die Kampagne bereits Wirkung?
Die Wirkung der Kampagne kann noch nicht gemessen werden. Gemäss den Erfahrungen der BFU zur Anschnallpflicht beim Auto braucht es einen langen Atem. Positive Erfahrungsberichte über die erfolgreich angeeignete Anschnallroutine stimmen uns positiv. Die Selbstkleber und die Hofausfahrtstafel sind beliebte Erinnerungshelfer.
 

Kompetenzzentrum für Arbeitssicherheit

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL) ist ein Schweizer Kompetenzzentrum und führender Dienstleister für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz in der Landwirtschaft und verwandten Gebieten.

1954 errichtete das Schweizerische Institut für Landmaschinenwesen und Landarbeitstechnik (IMA) in Brugg eine eigenständige Abteilung Unfallverhütung in der Landwirtschaft. Diese wurde 1969 selbstständig, was zur Gründung der BUL führte.  Seither setzt sich die BUL im landwirtschaftlichen Bereich dafür ein, die Anzahl der Unfälle und die daraus resultierenden Verletzungen zu reduzieren und die Gesundheit und Sicherheit zu fördern. (agy)

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