×
«50Plus»-Beilage

Hanna Scheuring hat als Theaterleiterin keinen gewöhnlichen Arbeitsalltag

Ein Theater leiten, selbst auf der Bühne stehen und dazu auch noch Regie führen: Hanna Scheuring, die mit ihrer Rolle als Vreni in der Sitcom «Fascht e Familie» schweizweit Bekanntheit erlangte, lebt für die Theaterwelt. Einen Ausgleich zu ihrem intensiven Schaffen findet sie an ihrem idyllischen Zweitwohnsitz im Zürcher Oberland.

Sebastian
Schuler
Donnerstag, 07. Oktober 2021, 11:00 Uhr «50Plus»-Beilage
Im Garten zu arbeiten und in der Natur zu sein, hilft Hanna Scheuring beim Abschalten.
Foto: Paulo Pereira

Dieser Beitrag wurde in der Verlagsbeilage «50Plus» veröffentlicht, die am 6. Oktober mit dem «Zürcher Oberländer» und dem «Anzeiger von Uster» erschienen ist.

Hanna Scheuring, mit «Tribute to The Beatles: Let It Be» haben Sie erst gerade wieder bei einem Theaterstück mit Musik Regie geführt. Wann sind Sie nervöser: Wenn Sie selbst auf der Bühne stehen oder wenn Sie Regie führen?
Hanna Scheuring: Ich bin in beiden Fällen nervös. Es sind einfach unterschiedliche Arten von Nervosität. Wenn man Regie führt, ist das Schlimmste, dass man nicht mehr eingreifen kann. Denn die eigentliche Arbeit ist nach der Generalprobe abgeschlossen. Und auch wenn ich selber spiele, bin ich immer noch sehr nervös.

Das hat sich auch nach all den Jahren auf der Bühne und vor der Kamera nicht gelegt?
Nein. Bei niemandem, den ich kenne, ist das der Fall. Auch bei berühmten Schauspielerinnen und Schauspielern nicht. Es ist eher so, dass es mit dem Alter sogar noch schlimmer wird. Vielleicht, weil die Ansprüche an einen selbst steigen oder weil man weiss, was alles in die Hose gehen kann. Die Nervosität braucht es auch, um die Energie aufzubringen, die die Strahlkraft des Schauspiels ausmacht.

«Die Nervosität braucht es auch, um die Energie aufzubringen, die die Strahlkraft des Schauspiels ausmacht.»

Hanna Scheuring

Nach Corona-bedingter Pause sind Theatervorstellungen nun wieder mit mehr Publikum möglich. Spüren Sie bei den Leuten ein gesteigertes Verlangen nach Kunst und Kultur?
Momentan machen wir eher die gegenteilige Erfahrung. Ich spüre eine grosse Vorsicht bei den Leuten, und unsere Vorverkaufszahlen sind schlechter wie in anderen Jahren. Das bereitet uns grossen Kummer. Es ist, als ob sich die Leute daran gewöhnt hätten, zu Hause zu bleiben. Viele wollen erst wieder kommen, wenn alles vorbei ist. Nur, wenn es noch lange anhält, dann gibt es uns vielleicht gar nicht mehr. Wir geben uns sehr viel Mühe, dass man sicher ins Theater kommen kann, und es wäre so wichtig, dass die Leute wieder den Mut haben und vorbeikommen.

Wie haben Sie selbst die Corona-Zeit erlebt?
Für mich war es eine eher anstrengende Zeit. Als Leiterin des Bernhard-Theaters hatte ich unendlich viel zu tun. Vorstellungen mussten verschoben und Lösungen für Tickets gesucht werden. Es stellte sich auch die Frage, was man dem Publikum in dieser Zeit bieten kann. Wir verschickten kurze Videos, um mit den Zuschauern in Kontakt zu bleiben, und entschieden uns, trotz der grossen Unsicherheit mit «ÖV» von Franz Hohler eine Eigenproduktion zu wagen. Ein risikobehaftetes Unterfangen, da man davon ausgehen musste, nicht vor vollem Haus spielen zu können. Und so kam es auch. Statt vor jeweils 400 Personen, konnten wir das Stück dann vor jeweils 50 Zuschauerinnen und Zuschauern zeigen. Aus finanzieller Sicht war es eine Katastrophe. Aber es hat sehr viel Freude gemacht.

Warum haben Sie es trotzdem gemacht?
Uns war es wichtig, alles zu versuchen, und man konnte nicht wissen, wie es schliesslich rauskommt. So war es uns möglich, Schauspielerinnen, Musiker, Bühnenbildner und Kostümbildnerinnen sowie Regie und Technik Arbeit zu geben. Wir wollten nicht einfach nur abwarten. Als dann die Theater erneut schliessen mussten, haben wir intensiv geprobt. Wir übten das Stück «I Hired A Contract Killer» bis zur Generalprobe und legten es dann auf Eis. Ende Oktober feiert es Premiere im Theater Rigiblick.

Das Stück «I Hired A Contract Killer» feiert Ende Oktober im Theater Rigiblick Premiere. (Foto: T+T Fotografie)

Seit 2014 haben Sie die Leitung des Bernhard-Theaters in Zürich inne. Wie sieht ein gewöhnlicher Arbeitstallag einer Theaterleiterin aus?
In diesem Beruf gibt es keinen gewöhnlichen Arbeitsalltag. Die einzige Konstante ist, dass vor 10 Uhr morgens nichts läuft. Erst danach treffen dann die Künstlerinnen und Künstler ein. Als Theaterleiterin beantworte ich Anfragen von Leuten, die bei uns spielen wollen und stehe in engem Kontakt mit jenen, die bei uns aufführen. Ich handle Verträge mit verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern aus und verhindere Terminkollisionen. Ein Spielplan für ein ganzes Jahr zu gestalten, ist eine ausgeklügelte Sache.

Was gilt es da zu beachten?
Mir ist es wichtig, dass es ausgewogen ist und nicht nur Musicals oder Komödien aufgeführt werden. Dass auch Programmpunkte angeboten werden, die die Leute anregen und intellektuell anspruchsvoll sind. Einen Spielplan zu gestalten, ist eine aufwendige Sache. Ich bin viel im Gespräch mit Künstlerinnen und Künstlern, Agenturen, Veranstaltern oder Produzenten. Ich trage die Verantwortung für den finanziellen Bereich sowie für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es sind sehr vielfältige und abwechslungsreiche Aufgaben, die ich als Theaterleiterin habe. Und dann stehe ich ab und zu auch noch selber auf oder hinter der Bühne.

«Ich schätze mich unglaublich glücklich, dass ich genau das machen darf, was mir so viel Freude macht.»

Hanna Scheuring

Das klingt sehr intensiv. Wird es Ihnen nie zu viel?
Doch natürlich, aber das gehört auch ein bisschen dazu. In strengen Phasen habe ich eine Sieben-Tage-Woche, dafür haben wir in der Sommerpause auch wirklich vier oder fünf Wochen Ferien. Ich schätze mich unglaublich glücklich, dass ich genau das machen darf, was mir so viel Freude macht. Es ist ein Geschenk. Natürlich gehört es dazu, dass man zwischendurch meint, von einem Tsunami überrollt zu werden. Man lernt aber, dass es Wellen sind, die wieder abebben. Und es hilft, das Ganze mit Humor zu nehmen.

Wie gelingt es Ihnen, herunterzufahren?
Dabei hilft mir der Sport. Ich jogge viel und absolviere jeden zweiten Tag meine Runde. Ich mache regelmässig Yoga und meditiere täglich. Dabei lernt man, loszulassen. Dabei wird mir immer wieder bewusst, dass das Theater nicht die ganze Welt und man selbst nur ein kleiner Teil des Ganzen ist. Auch im Garten zu arbeiten und in der Natur zu sein, hilft mir beim Abschalten.

Seit einigen Jahren besitzen Sie und Ihr Lebensgefährte Daniel Rohr in Bubikon einen Zweitwohnsitz. Was hat Sie ins Zürcher Oberland verschlagen?
Dani und ich sind früher oft durchs Zürcher Oberland gejoggt und haben uns dabei in die Landschaft verliebt. So entstand der Traum, hier einmal ein abgeschiedenes, altes Bauernhaus zu besitzen. Es hat sich dann vor sechs Jahren die Gelegenheit ergeben, dass Dani von seinem alten Lehrer einen Hausteil abkaufen konnte. Ein Glücksfall. Das Haus ist ziemlich abgelegen, und man hat das Gefühl, weit weg vom Jubel und Trubel zu sein. Wenn ich am Morgen aufstehe und draussen die Rehe und Störche beobachten kann, macht mich das sehr glücklich.

Die Landschaft des Zürcher Oberlands hat es Hanna Scheuring und ihrem Partner Daniel Rohr angetan. (Foto: Paulo Pereira)

Ihre Schauspielerkarriere begann mit der Ausbildung am Konservatorium für Musik und Theater in Bern. Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden?
Als Teenie habe ich viel Theater gespielt und war in einigen Theatergruppen. Über eine solche ist ein Regisseur auf mich aufmerksam geworden und fragte mich für eine Rolle im Kinofilm «Die schwarze Spinne» mit Sigfrit Steiner, Beatrice Kessler und Walo Lüönd an. Beim Dreh wurde mir dann geraten, die Schauspielschule zu besuchen. Ich war damals 17 Jahre alt und wusste vorher noch nicht, dass es so etwas wie Schauspielschulen überhaupt gibt. So entstand die Idee, Schauspielerin zu werden. Mein Vater sagte mir dann aber, dass ich zuerst etwas Richtiges lernen müsse. So habe ich erst die Handelsschule abgeschlossen, bevor ich mich an der Schauspielschule beworben habe und zu meinem grossen Glück angenommen wurde.

Also waren Ihre Eltern nicht von Anfang an einverstanden mit Ihrer Berufswahl?
Ja, aber ich verstehe das. Es ist ein unsicherer Beruf, und in meinem Umfeld oder meiner Familie gab es niemanden mit einem künstlerischen Beruf. Sie dachten, das sei einfach eine Spinnerei von mir und haben es gar nicht richtig ernst genommen. Was ich wirklich mache, hat mein Vater erst realisiert, als ich in Deutschland bei einer Bühne im Engagement war und er zum ersten Mal dort eine Vorstellung mit mir sah. Vermutlich hatten ihre Vorbehalte auch damit zu tun, dass sie Angst hatten, ich hätte nichts Richtiges vorzuweisen. Heute muss ich sagen: Es kommt mir als Theaterleiterin zugute, dass ich die Handelsschule abgeschlossen habe und mich mit Buchhaltung und Budgets auskenne.

Grosse Bekanntheit in der Schweiz erlangten Sie mit Ihren Rollen bei «Fascht e Familie» und «Lüthi und Blanc». Wie erlebten Sie diese Zeit in Film und Fernsehen?
Für mich hat sich dadurch persönlich sehr viel verändert. Wenn man im Theater spielt, dann wird man auf der Strasse von sehr wenigen Leuten erkannt. Verkörpert man aber im Fernsehen über Monate oder Jahre erfolgreich eine Figur, ist man plötzlich eine enorm öffentliche Person. Das hatte schöne Seiten, etwa wenn mir Leute sagten, wie viel Freude ihnen die Serie und die Figur machte, aber auch weniger schöne. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass ich überall beobachtet werde und mich nicht mehr frei bewegen kann. Ich bin ein Mensch, der sehr gerne den Leuten zuschaut. Als Schauspielerin kann ich so kleine Rollenstudien machen. Ich hatte zu dieser Zeit immer das Gefühl, dass ich keine Leute mehr beobachten kann, weil alle mich beobachteten. Heute ist es eine schöne Mischung. Es gibt immer noch Leute, die mich erkennen und sagen, dass sie die Sendung gern gesehen haben. Das ist ein enormer Lohn.

Seit 2014 leitet Hanna Scheuring das Zürcher Bernhard-Theater. (Foto: T+T Fotografe/Toni Suter und Tanja Dorendorf)

Seit Juni haben Sie in Ihrem Theater das Format «Der heilige Bernhard», wo sie mit verschiedenen Gästen das Glück suchen. Was ist für Sie Glück, und wann haben Sie es zuletzt erlebt?
Ich erlebe jeden Tag jede Menge Glück. An manchen Tagen fällt es mir schwerer, das Glück zu erkennen, als an anderen. Heute, bevor ich das Haus verlassen habe, lag mein Kater auf meiner Schulter, und er wollte nicht mehr zu schnurren aufhören. Er ist beinahe in mich hineingekrochen. Das ist ein Moment des Glücks. Oder morgens, wenn ich erwache und mein Mann neben mir liegt, bin ich einfach glücklich. Ich habe entdeckt, dass es die kleinen Dinge des Tages sind, die das Glück ausmachen. Ob man das grosse Glück im Alltag finden kann, weiss ich gar nicht. Es macht einen aber sehr glücklich, wenn man es schafft, die kleinen Momente des Glücks zu finden. Das kann eine kurze Begegnung sein, ein Kind, das einen anlacht, oder ein Sprung ins kalte Wasser.

Wie schafft man es, mit dem Alter glücklicher und nicht verbitterter zu werden?
Vielleicht, indem man versucht, offen zu bleiben und im Älterwerden die Offenheit eines Kindes wieder entdeckt? Das Altern ist eine unheimliche und vielleicht die grösste Herausforderung, die wir erleben können. Langsam zu spüren, wie die Kräfte weniger werden. Es zwickt überall, und die Maschinerie funktioniert nicht mehr so, wie man es gerne hätte. Weil einem immer mehr entschwindet, will man sich an Gewohnheiten festhalten, und dann wird man oft steif und starr. Ich finde es deshalb wichtig, dass man nicht dogmatisch wird, sondern weich bleibt und eine gewisse Altersmilde zulassen kann. Wie das gehen kann, hat mir meine Mutter gezeigt, die vor zwei Jahren mit 90 Jahren verstorben ist. Sie ist für mich ein grosses Vorbild, weil sie mir immer wieder vorgemacht hat, dass man Sachen loslassen kann und dafür neue Räume aufgehen. Wenn ich irgendwann nicht mehr Joggen gehen kann, dann kann ich hoffentlich noch spazieren und in der Langsamkeit neue Welten entdecken.