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Standpunkt

Versicherungen – die stillen Mächte

Sandra Renggli rechnet in ihrem Standpunkt mit dem Vorgehen von Versicherungen bei Schadensfällen ab.

Redaktion
Züriost
Donnerstag, 23. September 2021, 10:08 Uhr Standpunkt
Foto: PD/Pixabay

Laut Definition ist eine Versicherung das Grundprinzip der kollektiven Risikoübernahme, bei dem viele einen Geldbetrag (Prämie) an die Versicherungseinrichtung einzahlen, um beim Eintreten eines entsprechenden Schadens beziehungsweise Versicherungsfalls aus dieser Kapitalsammelstelle einen Schadenausgleich zu erhalten.

Mit jährlichen Bruttoprämieneinnahmen der schweizerischen Versicherungen von 119 Milliarden Franken im Jahr 2020 nach einem Rückgang vom Vorjahr um acht Prozent bleiben den Versicherungen Gewinne in Milliardenhöhe. Dies zeigt sich zum Beispiel auch im Jahresabschluss 2019 bei der AXA. Darin heisst es unter anderem: «Der Schaden-Kosten-Satz konnte aufgrund von tieferen Schadenaufwendungen von 88,3 auf 87,1 Prozent gesenkt werden.»

Und weiter: «Das im Juli 2017 lancierte Angebot in der Gesundheitsvorsorge wurde vom Markt positiv aufgenommen. Das Prämienvolumen verdreifachte sich im Vorjahresvergleich und erreichte 18 Millionen Franken.» Das neue Gesundheitsvorsorgeangebot der AXA lockt den auch mit Krankenkassenzusatzversicherungen in den schönsten Tönen.

«Die Politik unternimmt dagegen nichts und verschweigt diese Tatsachen geflissentlich.»

Wie dem zitierten Jahresabschluss der AXA zu entnehmen ist, erzielte die AXA Versicherung tiefere Schadensaufwendungen und andererseits ein höheres Prämienvolumen, was zu mehr Gewinn führt. Wenn ich nicht bestens aus eigener Erfahrung wüsste, wie diese tieferen Schadensaufwendungen erreicht werden, sähe ich hinter diesen Zahlen keinen Anstoss.

Da ich aber weiss, was von Seiten Versicherungen alles aufgewendet wird, um bestehende Schäden abzuwenden und systematisch auf die Krankenkassen und staatlichen Sozialeinrichtungen abzuwälzen, finde ich das himmelschreiend. Denn auch deshalb steigen die Krankenkassenprämien stetig, die wiederum das Volk bezahlt.

Die Politik unternimmt dagegen nichts und verschweigt diese Tatsachen geflissentlich. Denn viele Politikerinnen und Politiker sitzen in Verwaltungsräten der Versicherungen. So wird sichergestellt, dass die Ursachen der explodierenden Gesundheitskosten anderswo gesucht und gefunden werden.

Mit solchen Erfahrungen bin ich nicht allein. Doch dagegen anzugehen ist in der Schweiz schier aussichtslos. Nur schon die Suche nach einem versicherungsunabhängigen Anwalt gestaltet sich sehr schwierig. Bei unserer Anfrage an 20 Anwälte im Kanton Zürich erklärten sich 20 als nicht versicherungsunabhängig.

Dann die riesige Hürde der Beweispflicht, um danach auch die Gerichtskosten noch im Voraus erstatten zu müssen. Für normale Bürgerinnen und Bürger ist demnach der Rechtsweg nahezu ausgeschlossen, denn auf der Gegenseite (Versicherung) stehen endlose Mittel zur Verfügung und unzählige Dienerinnen und Diener dieses Systems profitieren vom Diebstahl in staatlichen Einrichtungen.

«Besonders wenn es sich um grössere Schäden handelt, ziehen die Versicherungen alle Register.»

Im besten Fall landen sie vor einem Richter, der sein Mandat bei einer politischen Partei erkaufen und wegen des Wiederwahlverfahrens nach deren Pfeife tanzen muss. Meistens sind die Versicherungsnehmenden in einer äusserst belastenden Situation, gerade im gesundheitlichen Bereich.

Nach langen Spiessrutenläufen und Zermürbungstaktiken landen nahezu alle diese «Schadensregulierungen» letztendlich bei den Krankenkassen, der IV und den Sozialwerken und belasten diese stark – obwohl für diese Schäden bei Versicherungsgesellschaften viele Prämien bezahlt wurden, um im Schadenfall versorgt zu sein.

Besonders wenn es sich um grössere Schäden handelt, die zum Beispiel in die Erwerbslosigkeit, Invalidität oder nachhaltige Beeinträchtigung führen, ziehen die Versicherungen alle Register, um sogenannte Schadensregulierung zu betreiben, was im Jahresabschluss der AXA mit Zahlen bestätigt wird.

Hierzu nenne ich gerne ein Beispiel: Nach einem unverschuldeten frontalen Autounfall meinte ein Schadensinspektor einer Versicherung zu meinen zwei eingegipsten Armen, ich hätte eben das Steuerrad loslassen sollen, als ich gesehen hätte, dass es einen frontalen Aufprall gebe. Dann hätte ich keinen Schaden an Armen und Händen erlitten. Ich hätte ja gewusst, dass ich einen Airbag habe.

Ich könnte noch unzählige selbst erlebte und noch krassere Beispiele dazu berichten, mit welchen Mitteln Versicherungen die Schäden abwehren und auf Krankenkassen abwälzen. Meine Einschätzung dieser Systematik bestätigte mir letzte Woche ein bekannter Professor, der viele Gesundheitsgutachten schreiben muss, damit politisch nicht unabhängige Richter die Kosten auf staatliche Institutionen abschieben können.

Aus meiner Sicht ist das nicht die einzige Art, wie unser vermeintliches Verständnis von Gerechtigkeit und einer demokratischen, sozialen Gesellschaft unterlaufen wird. (Sandra Renggli)
 

Zur Person

Sandra Renggli wohnt in der Seemerrüti in Kollbrunn, ist verheiratet und Mutter von vier erwachsenen Kindern. Sie ist Angestellte für Kommunikation und juristische Korrespondenz. Ausserdem ist sie eidgenössisch zertifizierte Ausbildnerin in Erster Hilfe.

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