×
Gedanken zum Eidgenössischen Bettag

«Wie schnell vergessen wir, zu danken»

Am Sonntag ist der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag. Für Pfarrerin Anna Seifullina-Roos ist dieser Feiertag neu. Umso mehr freut es sie, sich damit beschäftigen zu dürfen.

Redaktion
Züriost
Sonntag, 19. September 2021, 08:36 Uhr Gedanken zum Eidgenössischen Bettag
Fotos: PD

Mein Name ist Anna Seifullina-Roos und ich komme aus Estland. Die Schweiz und speziell Turbenthal sind nun meine neue Heimat. Vieles ist für mich neu und sicher auch etwas fremd. Als frischgebackene Pfarrerin der EMK Turbenthal erhielt ich die Anfrage, einen Artikel zum Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag zu schreiben. Dieser Feiertag ist für mich neu. Ich freue mich aber, mich damit beschäftigen zu dürfen. So lerne ich Land und Leute besser kennen.

Das Spezielle am Bettag ist, dass er staatlich «verordnet» wurde. In einem säkularen Staat gibt es somit einen Tag, an welchem alle Menschen beten sollten. Geschichte ist  neben Theologie  eines meiner Themen. Ich denke, vielleicht weiss ich bald mehr zu diesem Tag als viele Schweizer. Der erste Buss- und Bettag wurde während des 30-jährigen Krieges im Jahr 1639 in St. Gallen wegen mehreren Epidemien verordnet.

Die Not war damals enorm. Diese Begebenheit erinnert mich an eine Episode aus der Bibel. Der Prophet Joel (2,12-14) rief sein Volk wegen einer Heuschreckenplage zur Busse und zum Fasten auf. Joel war sicher, dass Gott die Macht über dieses Ereignis hat. Er betont, dass Gott voller Güte ist. Sollte sich das Volk zur Umkehr entscheiden, könnte Gott seine Absichten ändern.

«Aber wäre nicht gerade der Bettag dazu geschaffen, für die Lösung dieses Problems gemeinsam zu beten?»

Durch unser Verhalten und unsere Gebete können wir Gott nicht zwingen, aber ihn bewegen. Heute denken die meisten Menschen nicht mehr, dass Gott gut ist und alle Ereignisse in seiner Hand hält. Darum fällt es ihnen schwer, entsprechende Worte im Gebet zu finden. Wer träumt aber nicht von einer besseren Welt?

Ich weiss auch nicht, wieso wir alle mit der Pandemie konfrontiert sind. Aber wäre nicht gerade der Bettag dazu geschaffen, für die Lösung dieses Problems gemeinsam zu beten? Motiviert durch die Not, welche damals vor Zeiten die Menschen betraf, wurde der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag im Jahr 1845 zum Tag der Einheit zwischen unterschiedlichen Kirchen und politischen Meinungen ins Leben gerufen.

Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass wir weltweit plötzlich vor den gleichen Herausforderungen stehen. Neue Wellen werden auf uns zukommen. Angst und Sorgen machen sich breit. Beten befreit. Es löst die Angst und bringt uns neue Hoffnung. Es bringt Ruhe in unsere aufgewühlten Herzen. Medizinisch sind wir in der Schweiz sehr gut versorgt. Dafür dürfen wir auch danken.

So bringt nicht nur die Not, sondern auch der Dank die Menschen zusammen. Nach 1639 wurde der Bettag in St. Gallen jedes Jahr wiederholt. Dies aus Dankbarkeit für die Verschonung der Stadt.

Wie schnell vergessen wir, zu danken. Gutes nehmen wir an, freuen uns kurz und gehen schnell unseren alltäglichen Geschäften nach. Dazu ein Beispiel aus dem neuen Testament: die Heilung der zehn Aussätzigen (Lukas 17,11-19). Diese Krankheit war damals unheilbar. Die Aussätzigen waren isoliert. Gemeinsame Not brachte die zehn zusammen. Es waren neun Juden und ein Samariter – ein andersgläubiger Ausländer.

Jesus gab ihnen die Gesundheit zurück. Doch nur einer – der Samariter – kam zurück, um sich zu bedanken. Die anderen neun haben sich an die Vorschriften gehalten und gingen zum Priester, um das vorgeschriebe Opfer zu bringen. Das Danken haben sie vergessen.

«Busse oder Reue ist ein Gefäss, welches hilft, die Schuldgefühle zu formulieren und loszuwerden.»

Wie oft hätten wir Grund zu danken? Der Bettag ist dafür geschaffen worden. Nehmen wir uns ein paar Minuten Zeit dafür. Oder: Wollte ich nicht schon längst einen Brief schreiben? Dem Nachbarn ein paar Blumen bringen? Der Pflegerin im Seniorenzentrum ein Kompliment machen?

Busse ist mir als junge Pfarrerin ein fremder Begriff. Doch das Schuldgefühl, das kenne ich gut. Ich muss damit umgehen, wenn etwas schief geht. Liegt es an meiner Erziehung und/oder an meiner estnischen Natur?

Busse oder Reue ist ein Gefäss, welches hilft, die Schuldgefühle zu formulieren und loszuwerden. Beichte wird in der methodistischen Kirche nicht mehr praktiziert. Eigentlich schade. Psychologen nennen sie eine offene und ehrliche Kommunikation. Nehmen wir uns am Bettag die Zeit dazu. Die Vergebung, die dann folgt, ist ein Balsam für die Seele.

Der Bettag ist somit für mich ein wichtiger Tag. Er bringt zusammen, öffnet die Augen für die Anliegen meiner Mitmenschen und führt Schweizer und Ausländer zusammen. Dieser Tag gibt uns die Möglichkeit, gemeinsam zu danken, uns zu freuen aber auch zu vergeben

Es würde mich freuen, wenn Ihnen wie mir der etwas antiquierte Begriff vom Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag etwas nähergekommen ist. (Anna Seifullina-Roos, Evangelisch-methodistische Kirche Turbenthal-Russikon)

Kommentar schreiben