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Vorwurf der Vetterliwirtschaft

Zahnärzte-Streit in Hittnau nimmt an Schärfe zu

Die Zahnärzte Barbara und Peter Organ fühlen sich von der Gemeinde Hittnau hintergangen. Weil sie nicht ins neue Ärztehaus ziehen dürfen, sehen sie sich in ihrer Existenz bedroht.

Annette
Saloma
Donnerstag, 09. September 2021, 14:18 Uhr Vorwurf der Vetterliwirtschaft
Barbara und Peter Organ fürchten die neue Konkurrenz im «Hittnau Care».
Foto: Christian Merz

Barbara Organ hat momentan mit Depressionen zu kämpfen. «Die Zukunft macht mir schwer zu schaffen», sagt sie.

Was ihr Patienten bereits vorher gerüchtehalber zugetragen haben, bestätigte ihr die Gemeinde Hittnau im Februar schriftlich: Sie und ihr Sohn können mit der gemeinsamen Zahnarztpraxis nicht in das neue Ärztehaus einziehen.

Dieses Haus mit dem Namen «Hittnau Care» wird momentan von der Gemeinde gleich neben der Praxis von Barbara und ihrem Sohn Peter Organ gebaut und soll im Sommer 2022 fertiggestellt sein. Die beiden hatten fest damit gerechnet, dass sie – die heute die einzigen Zahnärzte in Hittnau sind – dort Räumlichkeiten beziehen können.

Gespräch im November 2019

Zu diesem Zweck fand bereits im November 2019 ein Gespräch mit dem damaligen Bauvorstand und heutigem Gemeindepräsidenten Carlo Hächler und dem zuständigen Architekturbüro statt.

Nur deshalb habe sie vor zwei Jahren für rund 200'000 Franken neue Geräte erworben, sagt Barbara Organ. «Für uns erschien diese neue Praxis wie ein Glücksfall. Momentan arbeiten wir auf 80 Quadratmetern, dort wären es 150 Quadratmeter gewesen.»

Sie müsse sie ihre Patienten heute für aufwändigere Röntgenbilder zu einem Berufskollegen nach Wetzikon schicken. «Dort hätte ich ein eigenes Röntgenzimmer gehabt.»

Doch plötzlich habe sie gehört, dass nun ein Zahnarzt, der momentan in Pfäffikon praktiziert, ins Ärztehaus Hittnau komme.

Konkrete Besprechung

Wie Unterlagen, die «Züriost» vorliegen, zeigen, wurde beim Gespräch damals tatsächlich bereits über konkrete Dinge wie Raumhöhe, Parkplätze und Wasseranschlüsse gesprochen. «Ich wurde im Vorfeld gebeten, zu skizzieren, welche Raumaufteilung wir benötigen. Aufgrund davon hat der Architekt danach seine Pläne gezeichnet», sagt Barbara Organ.

Für sie, die seit über 30 Jahren in Hittnau praktiziert, sei klar gewesen, dass sie für das neue Ärztehaus berücksichtigt würden. «Ich dachte, wenn ich das mit dem Vize-Gemeindepräsidenten und dem Architekten bespreche, dann ist das sicher.»

Gleich neben der Zahnarztpraxis Organ wird momentan das Ärztehaus gebaut. (Foto: Christian Merz)

In der Aktennotiz vom damaligen Gespräch steht aber auch: «Carlo Hächler stellt klar, dass man der Zahnarztpraxis keinen Exklusivanspruch einräumen kann, wobei sich die Gemeinde natürlich für die ortsansässigen Betriebe einsetzt. Es wird eine öffentliche Ausschreibung der Gewerberäume stattfinden, um allen Interessenten die Möglichkeit zu geben, sich zu bewerben.»

Von dieser Möglichkeit hätten Organs nicht Gebrauch gemacht, sagt Gemeindepräsident Carlo Hächler auf Anfrage. Ihre Bewerbung traf im Januar 2021 ein, nachdem sie von den Gerüchten erfahren hatten – zu spät.

Nicht mit Ausschreibung vertraut

Barbara Organ erklärt dies damit, dass sie mit dem Ablauf einer Ausschreibung nicht vertraut sei. «Niemand sagte mir, dass ich mich offiziell bewerben muss. Die Gemeinde wusste ganz genau, dass wir dort rein wollen und hat uns nicht informiert.»

Peter Organ ist der Meinung, dass man sie extra im Dunkeln gelassen habe. Er ist sicher, dass dies mit ihren polnischen Wurzeln zu tun habe. «Im Dorf wird herumerzählt, dass die Arztpraxis Hittnau, die die Räume mieten wird, einen Schweizer Zahnarzt wollte. Und die Gemeinde macht mit. Was da läuft ist Vetterliwirtschaft.»

Verständnis für Enttäuschung

Thomas Fuhrer von der Arztpraxis Hittnau, die ins neue Zentrum einziehen wird, weist diese Vorwürfe von sich. «Ich wüsste nicht, was das für einen Einfluss haben sollte», sagt Fuhrer. «Der andere Zahnarzt hat sich einfach bei uns gemeldet, wir haben ein Konzept augearbeitet und so den Zuschlag erhalten.»

Organs seien an keiner Infoveranstaltung gewesen und hätten auch nie mit seiner Praxis Kontakt aufgenommen. «Dass sie, mit denen wir bis anhin ein gutes Einvernehmen hatten, jetzt enttäuscht sind, tut uns leid.»

Auch Gemeindepräsident Hächler sagt, dass alles mit rechten Dingen zu und her gegangen sei. «Dass es hart in der Sache ist und Organs enttäuscht sind, verstehe ich aber.»

Die Allgemeinpraxis fungiere als Hauptmieter, die Räume an Zahnarzt und Physio untervermieten würde. «Für uns ist es praktisch, nur einen Vertragspartner zu haben», sagt Hächler. «Schlussendlich kamen sie mit einem Gesamtkonzept, das uns überzeugt hat.»

Bedenken wegen Konkurrenz

Der neue Zahnarzt werde seine Kunden aus Pfäffikon mitnehmen, sagt Hächler. «Ausserdem ist die Praxis Organ möglicherweise anders spezialisiert und die beiden Praxen ergänzen sich vielleicht, statt dass sie sich konkurrieren.»

Wie Marco Tackenberg von der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft auf Anfrage mitteilt, steht die Zahnarztbranche tatsächlich unter Druck. «Zahnarztpraxen spüren die Konkurrenz durch die Zuwanderung ausländischer Kollegen, vor allem in den Städten und Agglomerationen.»

Im Gegensatz dazu seien die Praxen in kleineren Ortschaften meist gut ausgelastet. Den konkreten Fall in Hittnau kann Tackenberg jedoch nicht beurteilen.

Barbara und Peter Organ sind sicher, dass sie mit ihrer Praxis in Hittnau nicht weiter existieren können. «Ich weiss nicht, was ich tun soll», sagt Barbara Organ. «Für uns bedeutet das das Ende.»

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