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«Corona und wir»

«In der Corona-Zeit habe ich aufgehört das Bett zu machen»

In einer Serie erzählen Menschen aus der Region, wie sich ihr Leben durch die Corona-Pandemie verändert hat. Heute mit Michèle Burkart, Moderatorin aus Egg.

Redaktion
Züriost
Dienstag, 31. August 2021, 07:36 Uhr «Corona und wir»

Sie beschäftigt uns schon seit eineinhalb Jahren und wird dies wohl auch noch eine Weile tun – die Corona-Pandemie. Während in den Sommermonaten Lockerungen für einen lang ersehnten Lichtblick sorgen, steigen die Fallzahlen wieder an. Bevor wir uns mit einer möglichen vierten Welle konfrontiert sehen, möchte die Redaktion von Züriost jedoch einen Moment innehalten und einen Rück- und Ausblick wagen.

Wie erleben Oberländerinnen und Oberländer die andauernde Ausnahmesituation? Wie bewältigen sie die Herausforderungen der Pandemie – beruflich und persönlich? Inspiriert von Max Frischs Fragebogen hat die Redaktion 10 Fragen zusammengestellt und Persönlichkeiten aus der Region damit konfrontiert. Heute mit Michèle Burkart, Moderatorin aus Egg.

Wo hätten Sie, wenn Sie die Wahl gehabt hätten, die Pandemie am liebsten ausgesessen?Michèle Burkart: Am liebsten auf einer kleinen Insel im indischen Ozean, fernab von den Medien, die meiner Meinung nach oft auch Angst und Schrecken verbreiten. Natürlich hätte ich spätestens nach einer Woche grosses Heimweh nach meinen Liebsten gekriegt und wäre wieder zurück ins Zürcher Oberland gereist.

Wenn Sie ehrlich mit sich selbst sind, nach Lockdown und/oder Quarantäne: Wie sehr mögen Sie Ihre Wohnung noch?
Immer noch extrem gern. Unser Daheim ist unser Rückzugsort, den wir über alles schätzen. Die Frage sollte eher heissen: wie sehr ich meinen Mann und meine Kinder noch mag.

Gibt es eine Person in Ihrem Umfeld, bei der Arbeit oder in der Familie, die Sie während der Pandemie mit neuen Augen gesehen haben?
Ich denke da fest an die Künstlerszene, die extrem betroffen war und ist. Viele Künstler, Tönler, Lichtler et cetera mussten erfinderisch werden und sich in kurzer Zeit umorientieren. Das ist nicht leicht und ich bewundere jene, die diesen Weg gegangen sind. Auch Divertimento war natürlich betroffen. Wie Jonny und mein Mann Manu mit der Situation umgegangen sind und es immer noch tun, ist für mich echt beeindruckend. Aufgrund ihres Erfolges, mussten sie sich keine finanziellen Sorgen machen, trotzdem ist es schwierig mit dieser Unsicherheit umzugehen und immer «bereit» zu sein, falls die Tournee weiter gehen würde. 

Was haben Sie in der Coronazeit über sich gelernt?
Gelernt vielleicht nicht gerade, aber sie hat mir gezeigt, dass ich wirklich sehr flexibel bin und meine Lebenssituation schnell anpassen kann. Mein positives Denken ist mir da echt entgegen gekommen und hat mir gezeigt, dass ich vieles stemmen kann.

Welches Laster, das Sie sich in den letzten Monaten angeeignet haben, würden Sie nun am liebsten wieder loswerden?
In der Corona-Zeit habe ich aufgehört das Bett zu machen. Das nervt mich extrem. Was gibt es schöneres als am Abend tot müde in ein gemachtes Bett zu hüpfen!? Jetzt hat es halt mein Mann übernommen.

Hat sich ihr Verhältnis zum Tod geändert? Wenn ja, wie?
Nein, weshalb auch? Wir sind vergänglich, der Tod gehört zu unserem Leben dazu. Leider wird er meiner Meinung nach in der Schweiz zu sehr tabuisiert, was es nicht leichter macht, Abschied von einem geliebten Menschen zu nehmen.  

Wofür sind Sie besonders dankbar?
Ich bin dankbar für meine Familie, meine drei gesunden Kinder, die mich oft nervlich verzweifeln lassen und mich dafür doppelt so oft zum Lachen bringen. Wie lustig ist es, wenn dir der Kleinste am Morgen sagt.» Mami, hast du ein Baby im Fudi oder warum ist es so dick?» Mit den Kindern herzhaft zu lachen ist einfach das Schönste.

Welches Buch, das Sie während der Corona-Pandemie gelesen haben, würden Sie besonders weiter empfehlen und warum?
Auf jeden Fall «Der tanzende Direktor» von Verena Frederike Hasel! Es geht in dem Buch um das Schulsystem in Neuseeland. Das oberste Credo: Fehler sind erlaubt, Radiergummis sind verboten. Der Schuldirektor tanzt auch mal mit den Schülern im Lehrerzimmer und Abiturienten gehen 48 Stunden in den Wald um zu lernen, wie man Einsamkeit aushält. Das Buch zeigt wie Schule geht: nämlich nahe am Leben. Ich denke wir könnten da in der Schweiz ein grosses Stück dieses Gedankengutes übernehmen.

Hand aufs Herz: Wie viele Einladungen haben Sie unter dem Vorwand der Selbstisolation sausen lassen?
Ach, ich bin echt gesellig und freue mich immer Leute zu sehen. Auch hier müsste bei mir die Frage anders heissen: Welche Einladung hätten Sie sogar angenommen, um aus der Hütte zu kommen und Leute zu treffen?

Die Welt ist buchstäblich still gestanden. Geht nun alles weiter wie zuvor? Wird die Entschleunigung, das Rückbesinnen auf Wichtiges, Bestand haben?
Ich denke leider nicht. Der Mensch ist getrieben, will so schnell wie möglich zurück in seine gewohnte Routine/Leben. Ich möchte mich da nicht rausnehmen, auch ich freue mich wieder an Konzerte zu gehen oder eine Hochzeit zu geniessen mit vielen Gästen. Für die Natur wäre eine langanhaltende Entschleunigung heilsam, die Corona-Zeit hat uns gezeigt, wieviel Platz wir einnehmen und zerstören. Wann hat man vor Corona zuletzt Delfine in Venedig gesichtet?

 

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