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Neue Wagerenhof-Wohnblöcke

Ein Bällebad für die Wettbewerbsfähigkeit

Der Ustermer Wagerenhof hat gebaut. Die beiden neuen Häuser sind das grösste Projekt in der Geschichte des Heims für Menschen mit Beeinträchtigung. Und sie waren nicht die einzige Neuerung.

Deborah
von Wartburg
Montag, 30. August 2021, 18:00 Uhr Neue Wagerenhof-Wohnblöcke

«Willkommen in der Wohngruppe Kristall, schön bist du da», tönt es aus der Plastikblume, auf die Elisabeth Rickenbach gerade gedrückt hat. Sie ist eine von 120 Bewohnern des Wagerenhofs, die im Frühsommer 2021 in die beiden Neubauten gezogen sind. Mit gesamthaft 56 Millionen Franken ist dieses Bauprojekt die teuerste Investition seit der Gründung der Stiftung im Jahr 1904.

Rickenbach wohnt im «Haus 30». Dieses ist im Mai fertig gebaut worden. Das «Haus 40» bereits im Februar. Namensgebend sind die jeweiligen Hausnummern. Die Etagen der Wohngemeinschaften sind weitläufig mit vielen Ecken für Rückzugsmöglichkeiten, aber auch mit Raum für gemeinschaftliche Aktivitäten. Jeder Bewohner hat neu ein eigenes Zimmer.

«Zwei Fernseher sind wichtig wenn am Sonntag einer einen Krimi und ein anderer einen Gottesdienst schauen will.»

Betreuer Martin Nakashima

Die geteilten Räume sind heimelig eingerichtet, etwa mit einem Klavier, Pflanzen oder einem Sitzsack. Zudem gibt es zwei Fernseher pro Gruppe. «Das ist wichtig wenn am Sonntag einer einen Krimi und ein anderer einen Gottesdienst schauen will», sagt Betreuer Martin Nakashima. Die Wohngemeinschaften bestehen aus sechs bis acht Bewohnern und haben einen spezifischen Schwerpunkt. Die Kristall-WG fokussiert sich beispielsweise auf «Gemeinschaft und Autonomie».

Pizzaplausch und Bällebad

Laut Veronika Sutter, Mitarbeiterin Kommunikation beim Wagerenhof, wurde beim Zuteilen der Wohngruppen sowohl auf den Bedarf an Pflege- und Betreuung, als auch auf die sozialen Bedürfnisse geachtet. So lebt Rickenbach, die sehr autonom ist, mit anderen teils stark bewegungseingeschränkten Bewohnern zusammen. Der soziale Austausch ist der 65-Jährigen sehr wichtig. «Ich bin hier zufriedener als vorher», sagt Rickenbach. «Weil hier mehr läuft und ich mit den Leuten viel diskutieren kann.» In der alten Wohngruppe habe sie weniger Leute zum Reden gehabt.

Elisabeth Rickenbach hat viel von den Möbeln aus dem alten Zimmer mitgenommen. Etwa den Schreibtisch, an dem sie auch für das hauseigene Magazin, die «Wagi-Post», schreibt – am liebsten Gedichte und Zitate, aber auch über Gesundheitsthemen.

In der Küche wird einmal pro Woche gemeinsam gekocht. (Foto: Christian Merz)

Aus ihrem Zimmer läuft Rickenbach nach vorne in die Gemeinschaftsküche. Einmal pro Woche werde hier zusammen gekocht, das letzte Mal gab es Pizza, erklärt sie. Ansonsten bekommen die Bewohnenden Mittag- und Abendessen aus der Zentralküche geliefert. Im Gemeinschaftraum trifft Elisabeth auf Betreuer Martin Nakashima. Er betreut gerade Lara, die freudig im Bällebad sitzt und immer wieder einen der farbigen Plastikbälle hinauswirft. Das Highlight für Nakashima ist das neue Pflegebad. In der grossen Wanne sind Sprudelbäder mit Unterwassermusik und Unterwasserlichtern möglich.

Weg aus dem Verlust

Für Andreas Dürst, den Gesamtleiter des Wagerenhofs, brauchte es die Investition in Neubauten, um das Überleben des Wagerenhofs zu sichern. «Die Neubauten waren kein Luxusprojekt, sondern der einzige Weg aus den roten Zahlen.»

«Wir machten pro Jahr 2,5 Millionen Franken Verlust.»

Andreas Dürst, Gesamtleiter Wagerenhof

Dürst erzählt: «Wir machten pro Jahr 2,5 Millionen Franken Verlust. Grund dafür war ein langjähriges strukturelles Defizit, unter anderem auf Grund der alten Infrastruktur.» So konnte der Wagerenhof von pflegerischen Leistungen, die auf den 240 vermieteten Wohnplätzen erbracht wurden, nur die auf 161 Zimmern bei der IV abrechnen lassen. Denn die anderen Wohnplätze entsprachen nicht den aktuellen Vorgaben, weil die Zimmer beispielsweise zu klein waren.

Lebensqualität neu definiert

Vor sieben Jahren habe die Wagerenhof-Führung dann erkannt, dass sich das Heim verändern müsse. «Und zwar nicht nur mit Kosten sparen oder gar Entlassungen. Wir wollten eine nachhaltige Sicherung der Existenz durch Qualität.» Neben der Infrastruktur sei auch eine umfassende Professionalisierung der Abläufe erfolgt, inklusive IT-Werkzeuge und Einbezug der Wissenschaft.

«Wir haben mit der Forscherin Monika Seifert ihr Konzept der acht Kerndimensionen weiterentwickelt und Verfahren zur Evaluation und Förderung der Lebensqualität geprüft.» Das sei elementar gewesen, um die Lebensumgebung für die Bewohner zu «optimieren». Dürst spricht eher wie ein Unternehmer, als wie ein Sozialarbeiter. So spricht er von «wettbewerbsfähigen Zimmern». Und nennt die Bewohner «Kunden». «Denn sie sind es, für die wir arbeiten und, die wir zufrieden stellen wollen.»

Das Bälle- und Sprudelbad sei für die Lebensqualität der Bewohnenden essentiell, sagt Heimleiter Andreas Dürst. (Foto: crm)

Circa drei Viertel dieser Kunden verfügen laut Dürst über keine eigenen verbalen Ausdrucksmöglichkeiten und sind meist auch körperlich stark beeinträchtigt. Darum sei ein Bälle- oder ein Sprudelbad eben kein Luxus, sondern nötig für die Lebensqualität, die der Wagerenhof anstrebe.

Dürst sagt: «Für Menschen mit Spasmen und dauerhaft schmerzenden Muskeln sind diese Bäder eine wertvolle Möglichkeit, um ihren Körper zu spüren, die verschiedenen Sinne zu trainieren und den Moment zu geniessen.» Man erreiche dann einen Zustand, den die Betreuer die «beruhigte Wachheit» nennen. «Sobald dieser Zustand erreicht ist, geht der Blick der Bewohner hoch und beginnt zu entdecken.»

Empfindliche Personenzusammensetzung

Parallel zum Gebäudebau verfolgte Dürst einen Bewohneraufbau. Denn durch die Investition sind nicht nur wettbewerbsfähige Zimmer entstanden. «Wir können jetzt auch mehr Personen aufnehmen», so Dürst.

«Das ist hier kein Krankenhausaufenthalt, sondern das Zuhause der Leute.»

Andreas Dürst

Das sei aber ein heikler Prozess, der sorgfältig geplant werden müsse, denn jede Wohngemeinschaft sei aufeinander abgestimmt und ein Charakter, der da nicht reinpasse, könne die Gruppe aus dem Gleichgewicht bringen. «Man muss sich bewusst sein, dass viele Leute hier den Grossteil ihres Lebens verbringen. Das ist kein Krankenhausaufenthalt, sondern ihr Zuhause.»

Herausforderung Corona und Bau

Die Jahre des Baus und der Professionalisierung seien für die Mitarbeitenden anstrengend gewesen. Und das finanzielle Risiko war nicht gering. So sagt Direktor Dürst: «Obwohl wir alles gut durchgerechnet hatten, hatte ich so manche schlaflose Nacht, in der ich mich fragte, ob wir nicht doch etwas vergessen hatten.»

Natürlich habe auch die Corona-Pandemie das Heim vor Herausforderungen gestellt. «Wir waren mit einer eigenen Covid-Station inklusive Palliative auf das Schlimmste vorbereitet», sagt Dürst. «Zum Glück haben wir sie nicht gebraucht.»

«Ich sagte mir: Draussen können sie alle depressiv sein, hier drinnen wird gelebt!»

Andreas Dürst

Die Lebensqualität sei im Wagerenhof aber auch während der Corona-Zeit nicht zu kurz gekommen. «Das sah ich als unsere heilige Pflicht an», so Dürst. «Ich sagte mir: Draussen können sie alle depressiv sein, hier drinnen wird gelebt!» Beruhigend für ihn sei mittlerweile die Durchimpfungsrate von 96 Prozent bei den Wagerenhof-Bewohnern.

Namen und Schwerpunkte mitentwickelt

Uster habe mit dem Werkheim und dem Wagerenhof auf jeden Fall eine «Inklusions-DNA», wie es Dürst nennt. Die Bewohner würden mittlerweile zum Stadtbild gehören. Mit den Bemühungen der Stadt ist Dürst generell auch zufrieden. «Interessanterweise habe ich von der Inklusionsstadt unter dem alten Stadtrat aber mehr gespürt.» Bedauern würde er, wenn die Stelle der Inklusionsbeauftragten nicht weitergeführt würde.

«Norm-Gruppe: Das klingt ja so als wären wir alle gleich.»

Elisabeth Rickenbach, Bewohnerin des Wagerenhof

Der Einbezug der Menschen mit Beeinträchtigung sei denn auch bei der Entwicklung der Namen für die neuen Wohngemeinschaften wichtig gewesen, sagt Veronika Sutter. «Die Namen wie Fliegenpilz oder Kristall haben die Bewohnenden selbst ausgesucht», sagt sie. Auch bei den Schwerpunkten habe man neue Bezeichnungen gewählt.

So trug Elisabeth Rickenbachs Gruppe früher den technischen Namen «Norm-Gruppe». «Das klingt ja so als wären wir alle gleich», sagt Rickenbach. «Gemeinschaft und Autonomie» passe besser, findet sie. Und während im Hintergrund Mitbewohner Hans auf dem Klavier spielt, bekundet Elisabeth Interesse am Wagerenhof-Chor, der sich nun endlich wieder treffen darf. 

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