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«Corona und wir»

«Bei meiner Arbeit bin ich ständig sehr nah am Leben und am Tod»

In einer neuen Serie erzählen Menschen aus der Region, wie sich ihr Leben durch die Corona-Pandemie verändert hat. Heute mit Sabina Esposito, leitende Ärztin am Spital Uster.

Redaktion
Züriost
Mittwoch, 11. August 2021, 08:00 Uhr «Corona und wir»
Sabina Esposito arbeitet als Ärztin am Spital Uster, unter anderem leitet sie den Notfall.
Bildmontage: Anja Furrer

Sie beschäftigt uns schon seit eineinhalb Jahren und wird dies wohl auch noch eine Weile tun – die Corona-Pandemie. Während in den Sommermonaten Lockerungen für einen lang ersehnten Lichtblick sorgen, steigen die Fallzahlen wieder an. Bevor wir uns mit einer möglichen vierten Welle konfrontiert sehen, möchte die Redaktion von Züriost jedoch einen Moment innehalten und einen Rück- und Ausblick wagen.

Wie erleben Oberländerinnen und Oberländer die andauernde Ausnahmesituation? Wie bewältigen sie die Herausforderungen der Pandemie – beruflich und persönlich? Inspiriert von Max Frischs Fragebogen hat die Redaktion 10 Fragen zusammengestellt und Persönlichkeiten aus der Region damit konfrontiert. Heute mit Sabina Esposito, Leiterin Medizinischer Notfall und leitende Ärztin Innere Medizin und Diabetologie am Spital Uster.

Wo hätten Sie, wenn Sie die Wahl gehabt hätten, die Pandemie am liebsten ausgesessen?
Sabina Esposito: Da die Pandemie noch nicht vorbei ist, ist die Frage schwierig zu beantworten. Bezogen auf den Lockdown von ein paar wenigen Wochen wäre ich gerne in einem gemütlichen Haus mit vielen Büchern, Musik und lieben Menschen in den Bergen oder an einem See gewesen.

Wenn Sie ehrlich mit sich selbst sind, nach Lockdown und/oder Quarantäne: Wie sehr mögen Sie Ihre Wohnung noch?
Sehr! Da ich eher weniger als mehr Zeit Zuhause verbracht habe, schätze ich den Rückzug dahin umso mehr.

Gibt es eine Person in Ihrem Umfeld, bei der Arbeit oder in der Familie, die Sie während der Pandemie mit neuen Augen gesehen haben?
Da kommen mir gleich drei Personengruppen in den Sinn. Erstens meine Kinder, die unverhofft von einem Tag auf den anderen sehr selbstständig den gleichzeitig völlig anderen Alltag mit Homeschooling meistern mussten, da ihre Eltern, vor allem in der ersten Zeit des Lockdowns von morgens früh bis abends spät weg waren, und die Betreuung durch Grosseltern nicht möglich war. Sie haben das bravourös gemeistert. Dann entpuppten sich doch relativ viele Menschen als viel ängstlicher und irrationaler als gedacht. Und schliesslich die dritte Gruppe. Das sind all die Mitarbeitenden im Spital, dank deren unermüdlichem und aussergewöhnlich unkompliziertem Einsatz wir innert kürzester Zeit das Spital Corona-tauglich machen konnten.

Was haben Sie in der Coronazeit über sich gelernt?
Dass man nicht alles vorausplanen kann und muss und damit doch sehr gut lebt.

Welches Laster, das Sie sich in den letzten Monaten angeeignet haben, würden Sie nun am liebsten wieder loswerden?
Neue Laster sind zu den alten nicht dazugekommen und die alten werde ich kaum mehr los.

Hat sich ihr Verhältnis zum Tod geändert? Wenn ja, wie?
Bei meiner Arbeit bin ich ständig sehr nah am Leben und damit auch am Tod, so dass sich durch diese neue Krankheit mein Verhältnis dazu nicht geändert hat. Wir mussten aber aufgrund der vielen schwerkranken Menschen sicherlich häufiger darüber reden.

Wofür sind Sie besonders dankbar?
Dass wir in einem sehr gut funktionierenden Land leben, eine vernünftige und umsichtige Regierung und sehr viele Ressourcen haben.

Welches Buch, das Sie während der Corona-Pandemie gelesen haben, würden Sie besonders weiterempfehlen und warum?
Unter einigen schönen Büchern, die ich im Laufe des letzten Jahres gelesen hatte, sticht 'Überbitten' von Deborah Feldmann heraus. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die aus einer extrem geschlossenen ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft geflohen ist und sich auf die Spuren ihrer Vorfahren gemacht hat. Ein beeindruckender, hochreflektierter und wortstarker Bericht über den schwierigen Weg der Selbstfindung und Versöhnung. Zudem bekommt man aufschlussreiche Einblicke in eine ganz fremde Welt.

Hand aufs Herz: Wie viele Einladungen haben Sie unter dem Vorwand der Selbstisolation sausen lassen?
Eine einzige, nämlich anfangs März 2020. Aber nicht unter einem Vorwand, sondern aus Vorsicht im Wissen oder eben Nichtwissen, was noch kommen wird und wo dann mein Einsatz gebraucht würde. Dazu kam noch, dass es gar nicht so viele Einladungen gab.

Die Welt ist buchstäblich stillgestanden. Geht nun alles weiter wie zuvor? Wird die Entschleunigung, das Rückbesinnen auf Wichtiges, Bestand haben?
Ich glaube, die meisten Menschen lechzen danach, möglichst wieder so leben zu können, wie sie es bis März 2020 gewohnt waren. Sobald die Möglichkeiten dazu wieder gegeben sind, werden sie das auch tun und zwar im gleichen Tempo. Allerdings hat uns die Krise gezeigt, dass tief ins gewohnte Leben einschneidende Veränderungen schnell möglich sind und man sich auch daran gewöhnen kann. Angesichts anderer grosser Probleme, die wir als Menschheit lösen müssen, stimmt mich diese Erkenntnis zuversichtlich.

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