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Weniger Interesse an Schüleraustausch

«Manche Familien entscheiden sich erst kurzfristig»

Die Zeit drängt: Noch immer sucht die Organisation AFS Gastfamilien aus der Region, die ab August eine Austauschschülerin oder einen Austauschschüler aufnehmen wollen. Koordinatorin Fabienne Holzinger sagt, was passiert, wenn sich niemand meldet.

Patrizia
Legnini
Montag, 19. Juli 2021, 14:10 Uhr Weniger Interesse an Schüleraustausch
Die Suche nach Gastfamilien verläuft zäh. «Wir haben aber immer für alle eine Lösung gefunden», sagt Fabienne Holzinger von AFS.
PD

Frau Holzinger, Sie suchen dringend vier Gastfamilien im Zürcher Oberland, die nach den Sommerferien Schülerinnen und Schüler zum Beispiel aus Italien, Russland, der Türkei und China beherbergen wollen. Ist das nicht etwas gar kurzfristig?

Fabienne Holzinger: Wir fangen immer ein halbes Jahr vorher mit Suchen an, also im Februar und März. Dass sich die Suche dann bis zu den Sommerferien hinzieht, ist gar nicht so ungewöhnlich: Manche Familien entscheiden sich erst kurzfristig.

Warum suchen Sie speziell in der Region?

Wir haben in Uster noch einige freie Schulplätze im Gymnasium. In Wetzikon sind beide Plätze schon belegt, aber mit dem Zug ist der Schulweg nach Uster, Stadelhofen oder Oerlikon ja nicht so weit. 

Bedeutet das, dass diese vier Jugendlichen noch nicht mit Sicherheit wissen, ob sie im August für ein ganzes Jahr in die Schweiz reisen können oder nicht?

Doch, sie werden definitiv ihren Austausch in der Schweiz machen können. Wir haben immer für alle eine Lösung gefunden. Wenn alle Stricke reissen, gibt es Notfall- und Willkommensfamilien, die wir für temporäre Aufenthalte anfragen. Bei diesen Gastfamilien bleiben die Jugendlichen, bis wir eine definitive Familie für sie gefunden haben. 

Wie oft kommt es vor, dass man die Familie wechseln muss?

Wir geben unser Bestes, alle Schülerinnen und Schüler vor ihrer Ankunft bei einer fixen Familie zu platzieren. Trotzdem kann es vorkommen, dass sie zuerst bei einer Willkommensfamilie untergebracht werden müssen. Bei etwa einem von acht Jugendlichen ist das der Fall. 

Ist es in diesem Jahr schwieriger als sonst, Gastfamilien zu finden?

Ja. Aktuell sind weniger Leute bereit, Austauschschülerinnen und Austauschschüler bei sich aufzunehmen. Wir haben aber auch viele neue Familien fürs Gastfamiliensein begeistern können, was uns freut. Denn gerade in diesen schwierigen Zeiten sollten wir offen in die Welt blicken und Brücken zu den verschiedenen Ländern und Kulturen schlagen. 

Wie viele Schüleraustausche konnten während der Corona-Pandemie überhaupt stattfinden?

Vor der Pandemie hatten wir jeweils zwischen 140 und 200 Schüler bei uns in der Schweiz. Letztes Jahr waren 111 Schüler hier, und dieses Jahr werden es 95 sein. Von der Schweiz ins Ausland gingen jeweils zwischen 200 und 260. Letztes Jahr waren es 100 Schüler, dieses Jahr werden es 145 sein. Letzten März, als die Pandemie ausbrach, mussten wir 141 Schüler nach Hause schicken und 260 nach Hause holen.

Mit welchen Ländern sind Schüleraustausche im Moment kompliziert?

Am ehesten mit Südamerika. Allerdings stehen alle AFS-Länder vor Herausforderungen, sei es bei den Schulplätzen oder der Gastfamiliensuche, ganz abgesehen von Reisebeschränkungen im Umfeld der Pandemie.

Geht es mit den Austauschen bald wieder aufwärts?

Es ist schwierig, eine Prognose zu machen. Die Corona-Pandemie bestimmt noch unseren Alltag, doch erweist sich das AFS-Netzwerk als stabil und das Interesse an unseren Programmen besteht weiterhin. Das positive Feedback von Austauschschülerinnen, Austauschschülern und Gastfamilien lässt uns positiv in die Zukunft blicken.

Muss ich mich, wenn ich mich als Gastfamilie melde, speziell dafür qualifizieren?

Bei AFS kann jeder Gastfamilie werden. Egal ob alleinerziehend, mit oder ohne Kinder, verheiratet oder alleinstehend - die Familienstruktur ist nicht entscheidend. Viel wichtiger sind das Interesse an einer anderen Kultur und die Bereitschaft, einen jungen Menschen in der Schweiz willkommen zu heissen und in die Familie aufzunehmen.

Interessierte melden sich per Telefon bei Fabienne Holzinger unter der Nummer 044 218 19 19. Auf der AFS-Website gibt es kurze Porträts der Jugendlichen, die noch eine Gastfamilie in der Schweiz suchen.

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