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Walder Asylunterkunft wird umgebaut

In der «Herzetappe 10» wird bald gemeinschaftlich gewohnt

In der ehemaligen Asylunterkunft von Ried oberhalb von Wald planen Genossenschafter ein ökologisches Wohnprojekt. Für die Sanierung verwenden sie Schafwolle, Lehm, Magermilch und Holz, das zum richtigen Mondstand geschlagen wurde.

Patrizia
Legnini
Montag, 07. Juni 2021, 10:20 Uhr Walder Asylunterkunft wird umgebaut

Die Eingangstüren sind verbarrikadiert, an der Fassade bröckeln die Schindeln. Rund ums Haus, das in der Kurve in Ried oberhalb von Wald steht, wachsen Löwenzahn und Butterblumen. Auf den Türrahmen hat irgendjemand irgendwann einmal zarte Blätterranken gemalt.

Im grossen Doppelbauernhaus, das schon seit 250 Jahren direkt an der Riedstrasse steht, sind schon viele Menschen ein und ausgegangen. Bis vor drei Jahren wohnten Asylbewerber aus den Gemeinden Wald, Fischenthal und Sternenberg darin, danach war es unbewohnt. Schon bald aber soll neues Leben ins Gebäude einziehen. Von einem «Leuchtturmprojekt» schwärmen Marc Wischnitzky und Thomas Furter, wenn sie von den Plänen reden, die sie für das Haus haben: Es soll saniert und schon bald wieder bewohnt werden.

Und zwar von bis zu 15 Leuten, die sich für ein alternatives Genossenschaftsprojekt begeistern und sich vorstellen können, in einem gemeinschaftlichen Haus zu leben. Wie in einer WG soll dort künftig vieles geteilt werden, wobei sich jeder Bewohner auch ins eigene Wohnatelier respektive in die sogenannte «Clusterwohnung» zurückziehen kann.

22 bis 46 Quadratmeter sollen die neun Wohneinheiten aufweisen, die von ein bis zwei Personen bewohnt werden können und über ein Zimmer mit Bad sowie zum Teil noch über ein kleines Wohnzimmer verfügen. Geteilt werden eine Grossraumküche, ein Aufenthaltsraum im Dachstock, ein grösseres «Bad der Sinne» sowie der Permakulturgarten. Ausserdem gibt es in der «Herzetappe 10» auch ein Gästezimmer zur gemeinsamen Nutzung.

Genossenschafter Matthias Hofer kennt das Clusterwohnen vom Kraftwerk 1 in Zürich, wo er selber wohnt. «Ich bin mir sicher, dass diese neue Wohnform Zukunft hat, und finde, dass es auch hier oben solche Ideen braucht», sagt er.

Von Herzroute inspiriert

Seinen Namen hat das Projekt von der Veloroute 99 bekommen, die sich von Lausanne bis nach Rorschach erstreckt und auch Herzroute genannt wird. Die zehnte Etappe zwischen Rapperswil und Wattwil führt direkt am alten Haus in Ried vorbei. Als der frühere Eigentümer es vor acht Jahren loswerden wollte, weckte es das Interesse von ein paar Stadtzürchern.

Sie entschieden sich 2013, die Genossenschaft Wohnraum Ried zu gründen und die Liegenschaft zu kaufen, um sie wieder in Schuss zu bringen. Allerdings fanden sie erst über ein paar Umwege zum jetzigen Projekt. «Am Anfang hatten wir die Idee, hier weiterhin etwas für Asylsuchende anzubieten, zusammen mit der Asylorganisation Zürich (AOZ), die das Haus früher gemietet hatte», sagt Wischnitzky. Weil die Gemeinde aber ein eigenes Asylzentrum einrichtete, sei man wieder davon abgekommen.

Auch der Plan, die Liegenschaft als Mehrfamilienhaus nutzbar zu machen, scheiterte: «Aufgrund der feuerpolizeilichen Vorschriften für Mehrfamilienhäuser hätten wir die Konstruktion massiv anpassen müssen. Und das wäre teuer gekommen, auch weil das Haus unter Schutz steht», so Wischnitzky.

Der Webdesigner amtet als Präsident der Genossenschaft und engagiert sich darüber hinaus bei der Gemcop, einer Gemeinschaftskooperative. Diese setzt sich für die Schaffung und Erhaltung von ökologisch ausgerichteten Gemeinschaften und Genossenschaften ein und entwickelt und verwaltet sie. Auch bei der «Herzetappe 10» ist das so.

Und so kam es schliesslich, dass die Genossenschafter auf das Konzept des Clusterwohnens kamen und vor zwei Jahren mit dem früheren Architekten auf Thomas Furter zugingen. Der Walder Architekt war bald mit an Bord.

Im Winterthurer Stil erbaut

«Es ist ein Haus mit grossem Potential, ein Zeitzeuge. Das Ziel ist, ihm seinen Glanz und seine Funktion zurück zu geben», sagt er über das Gebäude, das in seiner Art ein Unikum darstellt: Während das typische Oberländer Bauernhaus ein Flarzbau ist, wurde dasjenige in Ried im 18. Jahrhundert im Stil der Winterthurer Stadthäuser erbaut, und zwar vom Spitalamt Winterthur. Dieses hatte auch Ländereien im Zürcher Oberland, die von Bauern bestellt werden mussten.

Das Bauernhaus wurde vor 250 Jahren im Stil der Winterthurer Stadthäuser in Ried erbaut. (Bild: Christian Merz)

«Das im First geteilte Bauernhaus hatte repräsentativen Charakter. Es ist ein Typus, der im Zürcher Oberland eigentlich nicht vorkommt», sagt Furter. Aus diesem Grund sei das Haus und vor allem seine Fassade vom Heimatschutz denn auch unter Schutz gestellt worden. «Weil es im Inneren immer mal wieder umgebaut wurde, ist dort heute nur noch wenig Ursprüngliches vorhanden.»

Auf das gemauerte Sockelgeschoss bauten die Bauherren damals einen Riegelbau aus Holz, der in gutem Zustand ist, an gewissen Stellen aber repariert werden muss. «Die Bewohner der letzten Jahrzehnte haben deutliche Spuren hinterlassen», heisst es dazu in der Mietdokumentation.

Furter zufolge wurde viel gebastelt, gestrichen und gepinselt. Bei der Renovation werde man darum vor allem die Oberflächen erneuern. «Es sind fast überall mehrere Schichten Dispersion auf den Wänden. Das ruiniert die Substanz und kann nur mechanisch entfernt werden. Mit Dispersion aus dem Baumarkt bringt man jedes Gebäude an seine Grenzen, abgesehen davon, dass die Farbe selber schon giftig ist», sagt er.

Schafwolle für die Wände

Solche Wände wollte man den künftigen Bewohnern nicht zumuten. Furter plant und baut selber mit Naturbaustoffen, und auch die Gemcop hat sich dazu verpflichtet, «sämtliche Handlungen, Dienstleistungen und Entscheide in Achtung vor der Natur» zu tätigen. Darum legen die Genossenschafter bei der Renovation viel Wert auf natürliche Materialien. «Fast alles, was wir hier verbauen werden, ist recyclebar», sagt Furter. «Es geht uns auch um alte Rezepturen, die fast in Vergessenheit geraten sind. Um Rezepturen aus Rohstoffen, die vor unserer Haustüre erhältlich sind. Und es geht um altes Wissen im Umgang mit diesen Baustoffen.»

Zum Dämmen werden die Handwerker einen mineralischen Putz verwenden, aber auch Zellulose und Schafwolle. Die Wände werden mit Lehm verputzt oder mit Fichte getäfert. Furter geht sogar so weit, dass er das Holz «zum idealen Mondstand Ende Dezember» schlagen will, damit es ruhiger und beständiger ist.

Um das Holz zu veredeln, werden die Handwerker zudem einen Anstrich aus Kalk und Magermilch aus der Molkerei Wernetshausen aufbringen. «Bei einer solchen Bauweise fällt viel weniger Abfall an. Wir können den Bedarf an Baumaterial und an Energie so drastisch reduzieren», sagt Wischnitzky. Der Wärmebedarf soll mit einer Pelletheizung gedeckt werden, die durch Solarpanels ergänzt wird.

Offen sein für Experiment

Und obwohl das Projekt aufgrund der Corona-Pandemie «ein paar Monate im Rückstand» ist, glaubt er, dass das Haus schon nächstes Jahr wieder bewohnbar sein wird. «Zwei Drittel der Finanzierung sind bereits gesichert», sagt Wischnitzky. «Die Pläne sind parat, der Architekt ist parat. Jetzt geht es nur noch darum, weitere Genossenschafterinnen und Genossenschafter respektive Interessenten zu finden, die gerne gemeinschaftlich wohnen oder Lust haben, am Projekt aktiv mitzuwirken.»

Besonders tief ins Portemonnaie greifen müssen die künftigen Bewohner nicht: Zwischen 880 und 1350 Franken werden die Wohneinheiten pro Monat kosten. Aber sie sollten genug flexibel sein, um sich auf ein solches Wohnexperiment einzulassen. «Ich selber habe die Erfahrung gemacht, dass es befreiend sein kann, zu merken, dass gewisse Dinge auch anders funktionieren als gewohnt.»

Wischnitzky fände es schön, wenn die Bewohnerschaft in vielerlei Hinsicht durchmischt wäre. «Das Haus ist nichts für Einzeltiere, die nichts mit anderen zu tun haben wollen», sagt er. «Aber es ist auf jeden Fall etwas für Menschen, die nicht so viel Raum brauchen, die ihren ökologischen Fussabdruck verringern wollen und es schätzen, andere Leute um sich zu haben.»

Weitere Infos zum Projekt gibts im Internet unter www.herzetappe10.ch

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