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Infektiologe im Interview

«Inzwischen haben wir viel Routine bei der Behandlung»

Diverse Biomarker im Blut sollen das Sterblichkeitsrisiko bei Covid-19-Infizierten vorhersagen. Doch Huldrych Günthard vom Universitätsspital Zürich sagt, dass solche Prognosen noch zu unspezifisch seien.

Redaktion
Züriost
Freitag, 14. Mai 2021, 08:05 Uhr Infektiologe im Interview
Schwer an Covid-19 Erkrankte haben heute bessere Überlebenschancen als am Anfang der Pandemie.
Foto: Urs Jaudas

Herr Günthard, sind die für Ende Mai verkündeten Lockerungsschritte gerechtfertigt?

Die Zahlen gehen weiter runter. Das ist super. Ich bin erfreut, wie gut sich die Leute an die Regeln gehalten haben. Aber auch die vielen Impfungen und Massentests in Firmen und Schulen haben vermutlich dazu beigetragen. Dies hätte ich vor ein paar Wochen noch nicht so erwartet.

Wie sieht die Situation derzeit am Unispital Zürich aus?

Wir hatten bei uns in den vergangenen Tagen statt 40 bis 50 Covid-19-Patientinnen und -Patienten nur noch rund 30. Von denen liegen aber immer noch um die 15 auf der Intensivstation, da es sich dabei um schwere und lebensgefährliche Verläufe handelt.

Während die ältere Generation zunehmend geimpft ist, sind es nun vor allem Jüngere, die aufgrund einer Coronavirus-Infektion erkranken. Werden diese jetzt anders behandelt?

Nein, wir verwenden nach wie vor bei hospitalisierten Erwachsenen, die Covid-19 mit einer Lungenentzündung haben, unabhängig vom Alter den antiviralen Arzneistoff Remdesivir und das Kortisonpräparat Dexamethason. Neu ist, dass wir bei schweren Fällen auch den monoklonalen Antikörper Tocilizumab als Kombi-Wirkstoff einsetzen können. Wie sich erst vor kurzem gezeigt hat, kann dieses Rheumamedikament zusammen mit Dexamethason die Sterblichkeit weiter senken, die Notwendigkeit einer künstlichen Beatmung verringern und die Zeit bis zur Entlassung aus dem Spital verkürzen. Generell werden hospitalisierte Patientinnen und Patienten auch noch mit Blutverdünnern behandelt, um die Bildung von Thrombosen und Lungenembolien zu verhindern, die bei Covid-19 gehäuft auftreten.

Lässt sich anhand von Biomarkern im Blut feststellen, ob jemand sehr schwer an Sars-CoV-2 erkrankt?

Eine aktuelle Pilotstudie vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat bestimmte Abbauprodukte der Aminosäure L-Arginin untersucht. Diese sollen einen Hinweis darauf geben, ob die Infektion für die Betroffenen womöglich tödlich enden könnte oder zu erheblichen gesundheitlichen Langzeitfolgen führt. Doch solche Biomarker sind nicht spezifisch, sodass man damit das individuelle Sterberisiko aufgrund der Infektion nicht voraussagen kann. Die Erkrankung ist dafür auch viel zu komplex. Dennoch sind solche Studien wissenschaftlich interessant.

«Grundsätzlich gilt, dass Biomarker auch einen Mehrwert zu den üblichen Analysen und klinischen Untersuchungen bringen müssen.»

Huldrych Günthard

Auch von der Universität Zürich gibt es eine Untersuchung, die anhand einer durch die Infektion ausgelösten Entzündungsreaktion im Körper in Zukunft eine Prognose wagen will. Bringt das in der Praxis etwas?

Die Studie nutzt die Anzahl der natürlichen T-Killerzellen als Messwert für eine Vorhersage des Krankheitsverlaufs. Doch ob dies tatsächlich einmal auch im Spitalalltag nützlich ist, um zu entscheiden, ob jemand auf die Intensiv- oder Normalstation kommt, ist noch völlig offen. Hinzu kommt, dass die in dieser Studie durchgeführte Blutanalyse der Patientenproben zur Bestimmung der Abwehrzellen und Zytokine bisher zu aufwendig ist, um routinemässig durchgeführt zu werden. Grundsätzlich gilt, dass solche neuen Biomarker auch einen Mehrwert zu den üblichen Analysen und klinischen Untersuchungen bringen müssen.

Erkennen Sie sofort, wer aufgrund von Covid-19 auf der Intensivstation künstlich beatmet werden muss?

Die Entscheidung, ob jemand beatmet werden muss, wird primär aufgrund der Sauerstoffsättigung im Blut gefällt. Diese zeigt, wie gut die Lunge noch fähig ist, Sauerstoff aufzunehmen. Zusätzlich machen wir natürlich eine körperliche Untersuchung, schauen uns die üblichen Blutwerte an, die Auskunft über den Entzündungszustand im Körper geben und röntgen die Lunge. Da die Erkrankung dynamisch verlaufen kann, muss sie ständig überwacht werden. Des Weiteren ist es wichtig, die Risikofaktoren der Covid-Infizierten zu berücksichtigen und allenfalls die Therapien diesbezüglich zu optimieren. Anders als etwa derzeit in Indien haben wir das Glück, dass wir bei uns im Spital genug Kapazitäten und Möglichkeiten haben, alle Patientinnen und Patienten medizinisch optimal zu betreuen und niemanden wegweisen müssen.

(Autor: Barbara Reye)

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