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Arno Camenisch in Uster

Eine kulturelle Erhellung mit schwerem Schatten

Der Schriftsteller Arno Camenisch las in der Villa Grunholzer in Uster aus seinem neuesten Buch. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Tragödie, die sich in seinem Heimatdorf abgespielt hat.

David
Marti
Mittwoch, 12. Mai 2021, 15:04 Uhr Arno Camenisch in Uster

«Die Welt stand still…», so beginnt Arno Camenisch‘s neuester Roman «Der Schatten über dem Dorf». Wohingegen sich in der Villa Grunholzer in Uster mit der Lesung des Bündner Schriftstellers am Dienstagabend die kulturelle Welt wieder schneller zu drehen beginnt.

Als «lange Zeit der Dürre, der kulturellen Wüste» bezeichnete Christoph Meister, Spartenleiter Literatur der Villa Grunholzer, die Corona bedingte Auszeit in seiner kurzen Ansprache.

Für den mehrfach ausgezeichneten Autor Camenisch war es dagegen die Zeit, um an seinem neuesten Werk zu arbeiten, dass im Februar erschienen ist. «Es ist ein sehr persönliches Buch», sagt Camenisch vor 20 Zuhörern im Saal. «Ich erzähle darin auch meine Geschichte und nehme Sie mit nach Graubünden ins Dorf, wo ich aufgewachsen bin.»

Omnipräsente Tragödie

Camenisch‘ Heimatdorf heisst Tavanasa. Der Ort ist schon Schauplatz anderer Bücher des Autors. Die Geschichte dreht sich um einen Unfall, der in dem Dorf geschah, kurz bevor Camenisch auf die Welt gekommen ist. Dieses Ereignis, das er mal als Unglück, mal als Tragödie oder Katastrophe bezeichnet, hämmert sich alle paar Seiten wieder ins Bewusstsein der Leserschaft. Und schon nach den ersten Seiten erfährt man: Es sterben drei Kinder.

(Foto: Christian Merz)

Dazwischen erzählt er von der Mutter, dem Vater, Bruder oder den Grosseltern. Nur langsam wird der schwarze Tag enthüllt, den das Dorf 1976 heimsuchte. Flankiert wird dieses Unglück mit persönlichen Missgeschicken des Schriftstellers. So wie dem Skiunfall, als er sich bei einem Sturz zwei Rückenwirbel brach, kurz darauf in der Beiz Schnitzel mit Pommes Frites ass und bis in den späten Nachmittag unter Schmerzen auf den Skiern weiterfuhr. Erst zwei Tage Später ging er ins Spital, wo man die gebrochenen Rückenwirbel entdeckte. «Er hätte tot sein können oder querschnittsgelähmt», so schreibt es Camenisch, der von sich in der dritten Person erzählt.

Selbstmord und Grossväterliche Komik

Nebst dem Tod der drei Kinder wurde das Dorf durch ein weiteres unerklärliches Drama erschüttert, den Selbstmord des Onkels, als Camenisch zwölf Jahre alt war.

Die Traurigkeit wird aber immer auch durch Amüsantes aufgebrochen. Der Grossvater, der mit dem Auto einfach weiterfährt, wenn er sich im Weg irrt. Ganz nach seinem Motto: Es gibt immer einen Weg zurück, auch wenn man vorwärtsfährt.

Im ausverkauften Saal sorgte der trockene Humor solcher Passagen, gepaart mit Camenisch‘ melodischer Aussprache, seinem das Standarddeutsch durchdringenden Bündner Dialekt und seiner Rhetorik immer wieder für Lacher.

Nach knapp einer Stunde beendete Camenisch die Lesung und verschwand hinter dem Vorhang im Nebenraum der Villa Grunholzer. Der Bündner Schriftsteller gab eine halbe Stunde darauf noch seine zweite Lesung – ebenfalls ausverkauft – am selben Ort. Das Publikum verliess wegen Corona das Kulturhaus ausnahmsweise durch die Hintertür, wo auf dem Parkplatz das Auto des Schriftstellers stand. Mit den Rücklichtern dieses Autos endet auch sein Buch. Sie werden immer kleiner und verschwinden schliesslich aus dem Dorf.

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