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Maurmer Dirigent ein Leben lang unter Strom

Aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs in den Opern-Olymp

Normalerweise ist das Leben von Ralf Weikert durchgetaktet mit Auftritten auf der ganzen Welt. Seit der Corona-Krise verweilt der mittlerweile 80-jährige Dirigent allerdings in seiner Wahlheimat Forch. In der Zeit hat er ein Buch über sein ereignisreiches Leben geschrieben.

Laura
Hertel
Dienstag, 30. März 2021, 17:10 Uhr Maurmer Dirigent ein Leben lang unter Strom

Man kennt ihn in New York, Mailand, Tokyo, Wien – die renommiertesten Orchester hat er angeführt und in den berühmtesten Opernhäusern der Welt den Dirigentenstab geschwungen. Auch das Opernhaus Zürich hat er als musikalischer Oberleiter nachhaltig geprägt. Mit seiner mehr als 50-jährigen Erfahrung als Dirigent zählt Ralf Weikert heute zu den bedeutendsten Vertretern seines Faches – und zu den letzten seiner Generation.

Seit rund einem Jahr verbringt der mittlerweile 80-Jährige seine meiste Zeit in Forch, wo er bereits sein halbes Leben wohnt. Statt dirigieren heisst es aktuell vor allem spazieren. Auch zum Telefonieren hat er viel Zeit. Ralf Weikerts Stimme tönt nicht wie die eines 80-Jährigen, und an seiner präzisen, standarddeutschen Aussprache lässt sich nicht erkennen, dass er gebürtiger Österreicher ist.

Schreibtisch statt Dirigentenpult

Spricht er über sein Zuhause, seine «Oase» in Forch, gerät Weikert schnell ins Schwärmen. Trotzdem kommt dieser Rückzug unfreiwillig. Wäre da nicht die Corona-Krise, die die gesamte Konzert- und Opernszene beinahe verstummen liess, würde Weikert jetzt für Gastauftritte von einem Land ins nächste reisen.

Denn ans Aufhören will Weikert eigentlich noch lange nicht denken: «Solange mein Körper und Geist dazu in der Lage sind, mache ich weiter», sagt er. In Weikerts Stimme schwingt etwas Wehmut mit, als er erzählt, welche geplanten Programme die Pandemie in den Sand gesetzt hat.

Weil Weikert seit Beginn der Pandemie kaum noch Auftritte hat, schrieb er stattdessen ein autobiografisches Buch.

Da Ausruhen nicht in der Natur des Dirigenten liegt, griff er im letzten Jahr statt zum Dirigentenstock zum Schreibstift und statt alte Partituren zu neuem Leben zu erwecken, schrieb er seine eigene Geschichte nieder. Entstanden ist eine Autobiografie mit dem Titel «Der Strom der Töne trug mich fort». Im Buch, das Weikert ursprünglich für seine Enkelin geschrieben hat, gibt er private Einblicke in ein bewegtes Leben in der Öffentlichkeit.

Der Junge mit der Stricknadel

Schon als Kind schwebte ihm vor, einst ein grosser Dirigent zu werden. «Mein Bruder und ich haben oft mit Stricknadeln zur Radiomusik Dirigieren gespielt», sagt Weikert und lacht. Was die Musik anbelange, sei er «erblich vorbelastet» mit musikbegeisterten Eltern.

Sein persönliches Schlüsselerlebnis hatte Weikert an einem Konzert, zu dem er seine Mutter begleitete. Es wurde ein Stück des österreichischen Komponisten Anton Bruckner aufgeführt. «Ich brach in Tränen aus und wusste: Das wird mein Leben», erzählt Weikert.

Kindheit zwischen Bomben

Weikert ist allerdings alles andere als in einer heilen Welt aufgewachsen, sondern mitten im zweiten Weltkrieg, dessen Zerstörungskraft auch seine Familie traf. Aus der Sicht eines verträumten Jungen schildert Weikert im Buch, wie die Familie von der kleinen Gemeinde St. Florian in die nächstgrössere Stadt Linz umziehen musste.

«Erst Jahre später erfuhren wir, dass unser Vater im Kugelhagel russischer Partisanen sein Leben für das mörderische Regime der Nazis gelassen hatte.»

Ralf Weikert, Musikdirektor aus Forch

Ein Ort, den Adolf Hitler zur Vorzeigestadt des Dritten Reiches machen wollte. Die Familie wohnte in einer sogenannten «Führersiedlung», musste allerdings bald evakuiert werden, da Linz immer häufiger zum Ziel von sowjetischen und amerikanischen Bombenangriffen wurde.

Weikert erzählt, wie sein Vater als Soldat an die Front musste, und wie die Familie lange sehnsüchtig auf seine Rückkehr gewartet habe. «Erst Jahre später erfuhren wir, dass er bei Minsk im Kugelhagel russischer Partisanen sein Leben für das mörderische Regime der Nazis gelassen hatte», so Weikert. Nach Kriegsende sei die Familie nach Linz zurückgekehrt, das zehn Jahre lang im Norden von den Sowjetrussen und im Süden von den Amerikanern besetzt war. «Unsere alte Wohnung fanden wir komplett verwüstet vor», sagt Weikert und erinnert sich an die in der Mitte zerbrochene Gitarre und das von Nägeln durchbohrte Klavier. Noch heute beschreibt der Dirigent Linz mit vielen negativen Adjektiven.

Ins «Paradies» verschickt

Trotz prekärer wirtschaftlicher Lage habe seine Mutter sich alle Mühe gemacht, ihren drei Kindern sozial und kulturell das Bestmögliche mitzugeben, so Weikert. Ein Kontrastprogramm war zum Beispiel die damals übliche Kinderlandverschickung. Weikert wurde in seiner Kindheit mehrmals für einige Wochen ins schweizerische Emmental verschickt – für ihn eine mehr als positive Erfahrung. «Als ausgehungertes Kind aus dem Kriegsgebiet konnte ich mein Glück nicht fassen, als es dort Ovomaltine zum Frühstück gab. Ich fühlte mich wie im Paradies», erzählt Weikert enthusiastisch.

Vielleicht waren es gerade die schlimmen Ereignisse und der Wunsch nach einem sicheren Leben, die in Weikert den Ehrgeiz und die Disziplin geweckt haben, mit denen er seine musikalischen Ziele verfolgte, auch wenn diesen so einiges im Weg stand. Weil er sich kein Dirigierstudium leisten konnte, studierte er zuerst Elektrotechnik, um auf Umwegen als Tontechniker zur Musik zu gelangen. Sobald er genug Geld zusammengespart hatte, begann er sein Studium an der Musikakademie Wien, wo ihn sein Dozent Hans Swarowsky «entdeckt» und gefördert habe.

Steiler Karrierestart

Auch wenn die Anfangsphase nach dem Studium deprimierend gewesen sei, hangelte sich Weikert von Aufgaben hinter der Bühne – hauptsächlich das Einstudieren von Gesangspartien mit Sängern – ungewöhnlich schnell zu höheren Positionen: Mit 25 gewann er seinen ersten Preis, mit 27 bekam er unverhofft bereits seine erste Stelle als Chefdirigent in Bonn.

Weikert ist bekannt für seinen Ehrgeiz, mit dem er seine Ziele verfolgt. (Foto: Oli Rust)

«Als junger Dirigent hatte ich manchmal Angst, nicht akzeptiert zu werden», erzählt Weikert. «Einmal wollte mich ein Cellist aufgrund meines jungen Alters ärgern und hat bei jedem Satzende absichtlich und laut hörbar sein Gebiss zusammengeklappt.» Weikert habe ihm dann vor dem ganzen Orchester einen Zahnarztbesuch empfohlen.

Kein Kumpeltyp

«Es ist wichtig, seine Musiker zu spüren. Sie sind schliesslich keine Roboter», sagt Weikert zum Umgang mit seinen Orchestern. Ein «Kumpeltyp» sei er für sie dennoch nie gewesen und blieb mit ihnen stets per Sie. Diese gewisse Distanz habe es ihm auch leichter gemacht, ein «geliebtes» Orchester nach einer Zeit wieder zu verlassen. Nicht zu lange am selben Ort zu bleiben, ist eine wichtige Zutat in Weikerts Erfolgsrezept. «Oft spürte ich, dass ich eine Stelle verlassen muss, um nicht sitzenzubleiben», sagt er.

«Wenn man sein Ziel erreicht hat, bedeutet das, dass man es nicht genug hoch gesteckt hat.»

Ralf Weikert

 So etwas wie eine Routine kann und darf sich gemäss Weikert im Beruf als Dirigent nicht einschleichen, auch nicht nach Jahrzehnten. «Man eignet sich über die Jahre Können an, aber doch bleibt jede einzelne Aufführung eine neue Herausforderung», sagt der Mann, der gewisse Partituren in- und auswendig kennt und allein in der Wiener Staatsoper 115 Gastaufführungen dirigierte.

Ehrgeiz und seine Schattenseiten

So etwas wie eine Endstation gibt es für Weikert nicht: «Wenn man sein Ziel erreicht hat, bedeutet das, dass man es nicht genug hoch gesteckt hat», sagt er. Er räumt allerdings ein, dass ein Leben nach diesem ehrgeizigen Motto auch die Gefahr mit sich bringe, «leider oft unzufrieden zu sein.» Trotz allem Applaus und Auszeichnungen sei er selbst immer ein grosser Kritiker seines eigenen Schaffens gewesen.

Egal, wie viele Aufführungen Weikert bereits dirigiert hatte: eine Routine gab es bei ihm nie. (Foto: PD)

Kritik ist sich Weikert aber auch aus den Medien gewohnt. Diese bezog sich ihm zufolge vor allem auf seine Zielstrebigkeit. Er erinnert sich insbesondere an die Zeit, als er von Salzburg ins Opernhaus Zürich wechselte. «Überall hiess es, ich habe die Stelle in Salzburg nur als Steigbügel für meine Karriere genutzt. Dabei hätte jeder ehrgeizige Künstler dasselbe gemacht», sagt Weikert.

Verlockung Zürich

Die offerierte Stelle als musikalischer Oberleiter und Chefdirigent des Zürcher Opernhauses habe er unmöglich ausschlagen können. «Ich wäre zu Fuss nach Zürich gelaufen, wenn es hätte sein müssen», scherzt er. 1983 zog Weikert mit seiner Frau und seinen Zwillingssöhnen nach Forch. Das Opernhaus Zürich befand sich zu dieser Zeit gerade im Aufschwung und im Ausbau, und Weikert war dafür zuständig, das Orchester von 78 auf 104 Personen zu vergrössern. In Zürich hielt er es verhältnismässig lange aus: Neun Jahre blieb er, bevor er sich 1992 entschied, fortan als freier Gastdirigent zu arbeiten.

Als freier Dirigent reist Weikert um die ganze Welt. Seit seiner Zeit im Opernhaus Zürich wohnt er nebenbei in Maur. (Foto: PD)

In Forch blieb er allerdings sesshaft – zumindest zwischen seinen Auftritten. Er sagt: «Für mich war schnell klar, dass ich hier nicht mehr weggehen werde.» Ein «Paradies», so wie Weikert die Schweiz in seinen Kindheitserinnerungen beschreibt, sei sie für ihn gewissermassen bis heute geblieben. «Wenn auch ein gebührenpflichtiges und streng reglementiertes Paradies.»

Privates muss warten

Für sein Leben im Paradies hat der Dirigent durch seinen Beruf auch grosse Opfer gebracht: «Der Beruf ist wahnsinnig hart, man hat keine direkte Freizeit und alles andere muss hinten anstehen», sagt Weikert. Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen, sei nicht leicht gewesen. Die Begeisterung seitens Kinder habe sich jeweils auch in Grenzen gehalten, wenn sie für den Beruf ihres Vaters wieder einmal die Schule wechseln mussten, oder ihn für fünf Wochen am Stück nicht zu Gesicht bekamen. Heute pflege er jedoch ein sehr enges Verhältnis zu seinen Söhnen, wie Weikert betont. Und er habe das Glück, dass seine Frau ihn an jeden einzelnen seiner Gastauftritte begleitet, seit die Söhne erwachsen sind.

«Ich kann es kaum erwarten, wieder einen Frack anzuziehen, wenn dieser Corona-Wahnsinn vorbei ist.»

Ralf Weikert

Auch wenn die Musikbranche gerade in einer Krise steckt, glaubt Weikert an einen Boom von Live-Konzerten und Aufführungen, wenn dann die Pandemie vorbei ist. «Streaming schmeckt einfach nicht», meint er. Auch für die Oper, deren Niedergang auch ohne Corona viel proklamiert wird, sieht Weikert eine lebendige Zukunft. Zum Vergleich führt er vor Augen, dass gesamthaft mehr Menschen in Opernhäuser pilgern als in Fussballstadien.

Weikert hat das Glück einer verständnisvollen Familie: Seine Frau begleitet ihn zu jedem Auftritt. (Foto:PD)

Er sagt: «Die Oper ist kein elitäres Kulturgeplänkel für ein paar Privilegierte, die sich da berieseln lassen, sondern eine Verbindung von allen Künsten, deren Wirkung nicht verblassen wird.» Weikert kann es zumindest nach eigener Aussage kaum erwarten, «wieder einen Frack anzuziehen, wenn dieser Corona-Wahnsinn vorbei ist.»

Ralf Weikerts 188-seitiges Buch «Der Strom der Töne trug mich fort» wurde Ende 2020 von der Schweizer Literaturgesellschaft herausgegeben und ist in zahlreichen Schweizer (Online-)Buchhandlungen erhältlich.

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