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Vor 50 Jahren stürzte Adolf Hanslin bei Rüti ab

Korpskommandant starb im Schneegestöber

Am 22. Februar 1971 ist auf der Kantonsgrenze zwischen Zürich und St. Gallen ein Armeehelikopter abgestürzt. Dabei verlor einer der höchsten Militärs sein Leben. Ein Tod, der die ganze Schweiz bewegte.

Christian
Brändli
Dienstag, 23. Februar 2021, 09:36 Uhr Vor 50 Jahren stürzte Adolf Hanslin bei Rüti ab

«Kurz nach halb zehn stand ich am Fenster unseres Schlafzimmers an der Rietstrasse, und blickte den beiden Helikoptern nach, die unsern Wohnblock in südlicher Richtung überflogen. Auf der Höhe der Hochspannungs-Freileitung verlor der vordere Apparat plötzlich rasch an Höhe und verschwand in den Baumgipfeln des Usser Waldes. Meine Frau meinte: Du, der ist abgestürzt.» Adalbert Hofmann ist einer der wenigen Augenzeugen, die vor genau 50 Jahren am 22. Februar den Absturz der Alouette II mitverfolgten. Und wegen seiner Frau rückte der ehemalige Redaktor des «Zürcher Oberländers» aus und war der erste, der am Unfallort eintraf. 

«Per Auto fuhr ich via Neuhaus Richtung Langacher und nahm unterwegs drei Wehrmänner mit, die Richtung Wald liefen. Vom Waldrand her suchten wir zu Fuss die Absturzstelle. Dank meiner Ortskenntnisse und geleitet vom in der Luft liegenden Treibstoffgeruch fand ich diese nach zwei, drei Minuten. Auf mein Rufen hin eilten die suchenden Soldaten herbei und begannen sofort mit der Bergung der drei Insassen», erinnert sich der heute 78-jährige Rütner. 

Unfall am ersten Manövertag

Bald darauf war klar, dass im abgestürzten Heli einer der damals höchsten Militärs ums Leben gekommen war: Oberstkorpskommandant Adolf Hanslin. Der Kommandant des Feldarmeekorps 4 leitete die an jenem Montag begonnen grossen Korpsmanöver, an denen rund 33'000 Mann teilnahmen. Hanslin liess erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg eine ganze Division kriegsmässig mobilisieren, mit der Territorialorganisation kombinieren und zivile Führungsstäbe einbeziehen. Hofmann hatte den Drei-Sterne-General am Unfallort sofort erkannt. So hatte er ihn nur wenige Tage vorher an der Pressekonferenz vor dem Manöver gesehen.  

Der Absturz war das prägenste Ereignis seines ganzen Berufslebens: der ehemalige ZO-Redaktor Adalbert Hofmann. (Foto: cb)

Der Armee-Helikopter des Typs Alouette II mit drei Offizieren an Bord war zusammen mit einer zweiten Maschine mit zwei Angehörigen des Armeefilmdienstes um 9.28 Uhr in Dübendorf gestartet, um Truppen des Feldarmeekorps 4 an ihrem ersten grossen Tag im Manöver zu besuchen. Das Manöver war mit einer kriegsmässigen Mobilmachung der 6. Division verbunden.

In Dübendorf gestartet

Der Flug führte bei schlechter Sicht und starkem Schneefall über Greifensee und Mönchaltorf nach Bubikon. Ziel war eigentlich ein im Rapperswiler Hanfländer-Schulhaus eingerichteten Kommandoposten, den der Übungsleiter mit seinem Begleiter besuchen wollte. Südwestlich von Rüti leitete der Pilot eine Rechtskurve ein. Der nachfolgende Pilot in der zweiten Maschine beobachtete in diesem Moment eine Rauchfahne aus dem Triebwerk von Hanslins Heli. Die Alouette II kippte plötzlich nach vorne ab und stürzte in den Wald. Wie der Untersuchungsbericht später ergab, hatte der Pilot, ein Oberleutnant, noch versucht, aus einer Flughöhe von 200 Metern eine Autorotationslandung hinzulegen. Mit einer solchen hätte der Rotor den Sturz abbremsen sollen. 

Doch er hatte keine Chance. Die Maschine krachte im Schneegestöber in den Usser Wald auf Gemeindegebiet von Jona, bloss wenige Meter von der Grenze zu Rüti entfernt. Im Untersuchungsbericht wurde davon ausgegangen, dass der Absturz darauf zurückgeführt wurde, dass Schnee durch die Lufteintrittsschächte ins Triebwerk eingedrungen war. Die Turbine fiel dadurch aus. In Frankreich, dem Ursprungsland des Helikopters, waren analoge Fälle vorgekommen.

Ernst Mühlemann schwer verletzt

Wie Hofmann in seinem damaligen Bericht festhielt, war Hanslin sofort tot. Ein Rütner Arzt, der später zur Unfallstelle gekommen war, konnte nur noch den Tod bestätigen. Der Pilot und der Begleiter von Hanslin, Generalstabsmajor Ernst Mühlemann, der spätere Brigadier und bekannte Thurgauer FDP-Nationalrat, wurden schwer verletzt. Militär- und zwei Spitalambulanzen brachten alle drei ins nahe Rütner Krankenhaus.

Mühlemann hatte sich alle Rippen und das Schlüsselbein gebrochen sowie Verletzungen an Herzvorderwand und einer Lunge zugezogen. In späteren Erzählungen zum Flugunfall schloss er immer wieder mit den Worten: «Gott schenkte mir damals ein zweites Leben». 

Im Schneegestöber kam er vor 50 Jahren um, heute erinnert ein Gedenkstein an den Absturz von Adolf Hanslin. (Foto: cb)

Wie Hofmann sich weiter erinnert, trat bald nach dem Absturz auch das Pikett der Feuerwehr Rüti ein. Eingreifen musste es allerdings nicht, da sich beim Aufschlag des Helikopters kein Brand entwickelt hatte. Militär, das in der Gegend mobilisierte, übernahm die Bergung sowie die Absperrung der Unfallstelle. Und über Hofmann erfuhr die Schweiz vom Tod Hanslin. Zurück daheim telefonierte er der Schweizerischen Depechenagentur SDA und schickte seine Fotos einer Bildagentur. Gaffer, die bald nach den 11-Uhr-Radionachrichten eingetroffen seien, seien nicht auf ihre Rechnung gekommen: «Ein starkes Kontingent Strassenpolizei riegelte das Unfallgebiet weiträumig hermetisch ab.» 

Manöver fortgesetzt

Zunächst war unklar, wie es nach dem Tod des Übungsleiters mit dem Manöver weitergehen sollte. Am Abend entschied Militärdepartements-Vorsteher Rudolf Gnägi, dass die Übung unter dem Kommando von Divisionär Rudolf Blocher, Kommandant der Grenzdivision 7, fortgesetzt werde: «Das Andenken des Verstorbenen wird in schönster Weise geehrt, indem in den kommenden Tagen jeder an seinem Platz seine Pflicht erfüllt.»

Im Schweizer Radio würdigte Bundespräsident Gnägi den Verunglückten mit bewegten Worten als einen in jeder Hinsicht vorbildlichen Offizier und Kommandanten: «Ich verneige mich an der Bahre dieses ausgezeichneten Mannes, der in Erfüllung seiner militärischen Pflicht sein Leben hat lassen müssen.»

Für Hofmann war dieser geschichtsträchtige 22. Februar 1971 ein ganz langer Tag: «Es wurde ein rund 21-stündiger Arbeitstag – es war das prägendste Ereignis in meiner 40-jährigen Tätigkeit als Journalist», resümiert Hofmann, der damals nicht nur die Schweiz informierte, sondern für den «Zürcher Oberländer» auch die ganze Berichterstattung über das Unglück übernommen hatte.

Ein grosser Trauerzug, zwei Gedenksteine und ein Erinnerungsschiessen

Bereits am Freitag nach dem Absturz fand in Zürich eine riesige Trauerfeier statt. Der offizielle Trauerzug führte vom Mythenquai bis zum Fraumünster, wo die Trauerfeier stattfand. Tausende säumten den Weg und das Schweizer Fernsehen zeichnete die Feierlichkeiten auf.  Die Lafette mit dem Sarg des verunglückten Korpskommandanten, die 16 Soldaten zogen, wurde begleitet vom Füsilierbataillon 71, dem Spiel der 6. Division, 150 Fahnen und Standarten, mehreren hundert Offiziere und Delegationen politischer Behörden. Adolf Hanslin fand seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof seiner Wohngemeinde Kilchberg. Auf dem Zürichberg wurde ihm zu Ehren 1972 ein Waldweg «Hanslinweg» benannt und mit einem Gedenkstein versehen.

Doch auch an der Unglücksstelle wurde ein solcher Stein gesetzt. Noch im März 1971 hatte die Ortsverwaltungsrat Rapperswil beschlossen, zur Erinnerung einen Findling des Linthgletschers mit entsprechender Inschrift zu setzen. Am ersten Jahrestag des Unfalls wurde die schlichte Gedenkstätte eingeweiht. Anwesend waren neben der Familie Hanslin sowie zahlreichen zivilen und militärischen Vertretern auch Korpskommandant Hans Senn sowie die Divisionäre Rudolf Blocher, Richard Ochsner und Laurenz Zollikofer, die ihren einstigen Chef mit der Niederlegung eines Kranzes ehrten.

Wegen des Baus der Oberlandautobahn wurde die Waldstrasse, wo sich der Findling befand, abgeschnitten. Deshalb wurde er verlegt und befindet sich rund 500 Meter östlich des ursprünglichen Standorts bei der Fussgängerbrücke, die über die Autobahn führt. 

Seit 1983 findet zu Ehren des ehemaligen Korpskommandanten auch das Hanslin-Gedenkschiessen statt. Es wird alljährlich von den Rapperswiler Schützen organisiert und bildet das grösste Schützenfest im Kanton St. Gallen. Die einstige Absturzstelle befindet sich in nächster Nähe der Schiessanlage Grunau, wo dieses Gedenkschiessen durchgeführt wird.

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