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Standpunkt

Unsere nächsten Aufgaben

Marcel Niederer macht sich viele Gedanken über die Themen, die wegen Corona in den Hintergrund geraten sind. In seinem «Standpunkt» wirft er dabei für einmal viele Fragen auf.

Redaktion
Züriost
Samstag, 30. Januar 2021, 13:30 Uhr Standpunkt
PD/Pixabay

Die Bekämpfung der Pandemie zieht die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Alle anderen drängenden Fragestellungen rücken in den Hintergrund und werden nicht weiter beachtet. Zwar hat das Klima eine kleine Verschnaufpause erhalten – aber wirklich weitergekommen sind wir nicht. Und die Krankenversorgung und Krankenversicherung scheint auf einer langen Wartebank zu Ruhen, bis die Corona-Pandemie vorbei ist. Ebenso ist es still geworden um die Renten. Aber diese drei Themen bedürfen eigentlich unserer ungeteilten Aufmerksamkeit, des politischen Gestaltungswillens und tragbarer Lösungsansätze.

Dem Universum ist es egal, ob wir Menschen den Klimawandel bremsen. Irgendwann wird unserer Sonne die Energie ausgehen und die Welt, wie wir sie kennen, wird nicht mehr sein. Aber mit dieser Einstellung brauchten wir am Morgen nicht mehr aufzustehen. Wir sind nicht nur für uns selber verantwortlich, sondern auch für unsere Kinder und Enkel. Aus diesem Grund müssen wir handeln.

Bisherige Bemühungen um echte Reformen verliefen im Sand, beziehungsweise scheiterten an unheiligen Allianzen.

Natürlich können wir hoffen, der neue amerikanische Präsident werde die USA wieder ins Pariser Klimaabkommen zurückführen und dass es dann auf der grossen politischen Bühne in stärkerem Ausmass wie bisher vorwärts geht. Und natürlich braucht es diese Initiativen, welche weltumspannend Massnahmen lancieren, um den menschengemachten Klimawandel einzuschränken.

Aber es braucht auch die vielen kleinen einzelnen Schritte von uns allen. Wir wissen mittlerweile so viel darüber, was den menschengemachten Klimawandel bewirkt. Die Folgen sind bekannt, ersichtlich und wissenschaftlich belegt. Wir wissen auch, welches menschliche Verhalten dazu beiträgt.

Anderer Natur sind die beiden schweizerischen Grossbaustellen Gesundheitskosten und Altersvorsorge. Beiden gemein sind die düsteren Prognosen zur Finanzierung. Und beiden gemein sind Komplexität und Kompliziertheit. Dies erschwert die Steuerung der Sozialwerke, der Einfluss von Massnahmen ist schlichtweg nicht mehr vorhersagbar.

Bisherige Bemühungen um echte Reformen verliefen im Sand, beziehungsweise scheiterten an unheiligen Allianzen, welche aus unterschiedlichen Gründen Widerstand leisteten. Aber jetzt gilt es, die Themen ohne Scheuklappen zu bearbeiten. Alles Komplizierte soll entfernt, das Grundsätzliche gestärkt werden.

Dazu müssen Glaubenssätze in Frage gestellt werden. So lernte ich zum Beispiel in meiner Bankstifti – zugegeben einige Jahre ist’s her –, dass der «historische Zinssatz» für Hypotheken bei 5 % liegt. Lange Zeit glaubte ich das auch und die Regel funktionierte nicht schlecht. Die letzten Jahre strafen dies indessen Lüge. Auf einer solchen Annahme lassen sich keine Modelrechnungen für die Altersvorsorge mehr erstellen. Und dass mit zunehmendem Alter auch das Einkommen zunimmt, stimmt so nicht mehr.

Oder dass, wer 65 ist, seine Arbeitsfähigkeit plötzlich verliert und nur noch herumsitzen oder sich bestenfalls noch ehrenamtlich betätigen darf. Selbst für meine Grosseltern galt dies nicht, erst recht gilt es heute nicht mehr. Die «Golden Agers» oder die «silberne Generation» ist zu mehr fähig, als die Kasse des Kegelklubs zu führen.

Ich weiss, ich stelle heute mit meinem Standpunkt mehr Fragen, als ich etwas feststellen kann.

Im Umweltbereich darf nicht dogmatisch die Elektromobilität als allein selig machend durchgeboxt werden. Auch wenn die Effizienz von Wasserstoff (Hydrogen) tiefer als bei Solarstrom ist, spielt dies keine Rolle, denn Wasserstoff kann einfacher gespeichert und transportiert werden als Strom und damit kann die unendliche Menge von Sonnenenergie rationell zwischengespeichert werden.

Das Undenkbare denkbar machen und die Systeme flexibel gestalten, das ist die Herausforderung. Bestehende Regeln hinterfragen und neu gestalten. Warum bei der zweiten Säule mit den Beitragszahlungen nicht gleich mit den AHV-Beiträgen beginnen? Warum sind die Pensionskassenbeiträge progressiv mit dem Alter zu gestalten? Warum das Rentenalter nicht erhöhen? Kann das Rentenalter einfacher in beiden Richtungen (früher/später) einfacher und flexibler gestaltet werden? Müssen oder können Renten vor Inflation geschützt werden? Wie vermeiden wir bei den Krankenkassen das starke Ansteigen der Prämien, ohne die medizinischen Fortschritte zu behindern?

Ich weiss, ich stelle heute mit meinem Standpunkt mehr Fragen, als ich etwas feststellen kann. Denn ehrlich gesagt, ich kenne die Antworten nicht. Aber ich weiss, dass wir jetzt die Fragen stellen müssen und uns daranmachen müssen, Antworten zu finden. Sonst werden die Antworten durch die Umstände gegeben, welche wir nicht selbst geschaffen haben. (Marcel Niederer)
 

Zur Person

Marcel Niederer ist seit Langem ehrenamtlich in Behörden, Politik und Vereinen tätig. Seit der Pensionierung ist er nun noch stärker engagiert. Auch als begeisterter Hobbykoch, Reisender und Photograph.

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