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Bau auf 80'000 Quadratmetern

Bubiker wollen SBB-Grossprojekt verhindern

In den Bubiker Weilern Brach, Fuchsbühl und Wändhüslen will die SBB auf 80'000 Quadratmetern eine Abstell- und Serviceanlage erstellen. Dies ruft eine Interessensgemeinschaft auf den Plan, die dagegen kämpfen will.

Fabia
Bernet
Samstag, 26. Dezember 2020, 15:32 Uhr Bau auf 80'000 Quadratmetern
Zwischen der Bahnlinie und der Grüningerstrasse sollen eine Instandhaltungshalle und zehn Abstellgleise entstehen.
Foto: Seraina Boner

Auf seinem Hof in der Brach in Bubikon arbeitet Jürg Raths leidenschaftlich. Strauchbeeren, Kern- und Steinobst wachsen da. Daneben stehen rund 120 Hochstammbäume. Zwei lange Hecken vom Wald bis zur Bahnlinie schützen mit diversen Wildobstarten und Wildsträuchern seine Oase.

Doch auch die Hecken werden ihm nichts nützen, wenn die Bagger auffahren und mit dem Bau einer Abstell- und Serviceanlage der SBB beginnen. Mit dem Kreditbeschluss zum Ausbauschritt der Bahninfrastruktur 2035 hat der Bund den nächsten grossen Fahrplanausbau bewilligt.

Das Bauprojekt in Bubikon, das dieser Ausbau benötigt, ist nun in der aktuellen Teilrevision des Richtplans des Kantons gelistet und könnte das Leben in den Weilern Fuchsbühl, Brach und Wändhüslen markant verändern.

Bau auf 80'000 Quadratmetern

Zehn Abstellgleise mit einer Länge von insgesamt 4,4 Kilometern soll es geben. Zudem ist eine Instandhaltungshalle mit fünf Standplätzen à 150 Metern inklusive der notwendigen Vorlaufgleise vor der Halle sowie je ein Gleis mit Durchlaufreinigungs- und Entsorgungsanlage geplant. Das Ganze soll auf rund 80'000 Quadratmetern gebaut werden.

«16 Jahre ideologischer Existenzaufbau – stets im Dienste der Natur in ihrer Gesamtheit – würden zunichte gemacht werden.»

Jürg Raths, Demeter-Bauer aus Bubikon

«Die zukünftigen Ausbauschritte des Bundes bringen markant mehr ÖV-Angebot im Zürcher S-Bahn-Netz – sowohl einen dichteren Takt als auch längere Züge», erklärt SBB-Mediensprecher Raffael Hirt die Notwendigkeit einer solchen Anlage.

Anhörung und Auflage bis März

So könnten die künftigen Mobilitätsbedürfnisse der Bevölkerung weiterhin umwelt- und klimafreundlich abgedeckt werden. Hierfür brauche es aber auch zusätzliche Züge, die abgestellt und unterhalten werden müssten. Die bestehenden Anlagen seien ausgelastet und liessen sich nicht für die geforderte Kapazität ausbauen, so Hirt.

Ein riesiges Projekt. Bis Ende März laufen nun die Anhörung und die öffentliche Auflage des Richtplans. Bereits formiert sich aber Widerstand bei den Grundeigentümern. Mitte Dezember haben die betroffenen Landbesitzer und die unmittelbaren Nachbarn eine Interessensgemeinschaft gegründet.

Vorbereitet sein

Auch Demeter-Bauer Jürg Raths ist bei der IG Pro Brach Fuchsbühl mit von der Partie. «16 Jahre ideologischer Existenzaufbau – stets im Dienste der Natur in ihrer Gesamtheit – würden zunichte gemacht werden», schreibt er auf der Webseite der IG.

Jürg Raths lebt und arbeitet als Demeter-Bauer in der Brach. (Foto: Seraina Boner)

Gemeinsam mit den anderen Grundeigentümern hat er das Ziel gefasst: Die geplante Abstell- und Serviceanlage der SBB am Standort Bubikon, so wie sie jetzt geplant ist, muss abgewendet werden. Um das zu erreichen, setzt die IG nun auf Öffentlichkeitsarbeit und die Mobilisierung von Politikern. «Zur Not würden wir auch den juristischen Weg beschreiten. Wir wollen auf alles vorbereitet sein», sagt Raths.

Politische Vertreter eingeladen

Es seien bereits Begehungen mit politischen Exponenten geplant, so Raths. Mit dem Grünen Alt-Kantonsrat Max Homberger zum Beispiel und auch mit dem Ustermer Verkehrsplaner und früherem Kantonsrat Paul Stopper.

«Es ist wichtig, dass wir eine Mehrheit im Kantonsrat bekommen. Wir müssen parteiübergreifend gut aufgestellt sein», sagt Raths. Nach der öffentlichen Auflage kommt der Richtplan in den Kantonsrat, der die Änderungen absegnen muss.

Züge verlängern oder verkürzen

«Ein solches Bauvorhaben dürfte überirdisch allerhöchstens in der Industriezone realisiert werden», sagt Raths. Lieber sähe er das Projekt aber unter Boden. Zum Beispiel im Aatal. Das könne man dann eventuell mit dem fehlenden Teilstück der Oberland Autobahn kombinieren.

«Mit dem Ausbauschritt 2035 enden je zwei Linien im Halbstundentakt in Uster und Wetzikon und je eine in Hinwil und Rüti.»

Raffael Hirt, SBB-Mediensprecher

Die Möglichkeit, die gesamte Anlage unterirdisch zu bauen, gibt es gemäss SBB-Sprecher Hirt aber nicht. «Das wäre wesentlich teurer.» Die Anlagen lägen sinnvollerweise möglichst an den Endpunkten der S-Bahn-Linien, damit der Weg in die Anlage entsprechend kurz sei. Weiter müsse die Anlage es ermöglichen, Züge bei Bedarf einfach zu verlängern oder zu verkürzen.

Halbstundentakte

Auf den ersten Blick scheint Bubikon aber gar nicht an einem Endpunkt der S-Bahn-Linie zu liegen, folgen doch danach noch weitere Stationen. Mit «Linie» seien die S5, die S15 und so weiter gemeint und nicht die physischen Bahnlinien, sagt Hirt. «Mit dem Ausbauschritt 2035 enden je zwei Linien im Halbstundentakt in Uster und Wetzikon und je eine in Hinwil und Rüti.»

Ausserdem sei es betrieblich auch möglich, bei den Linien, die weiter nach Rapperswil verkehrten, «unterwegs» in Wetzikon Kompositionen an- oder abzuhängen. «Ob das dann gemacht wird, ist abhängig von Fahrplan und Passagieraufkommen.»

Keine Schutz- oder Inventargebiete

Darum müsse die Anlage im Zürcher Oberland liegen. «Der Standort Bubikon ist der einzige in der geforderten Grösse, der aus betrieblicher Sicht und unter Berücksichtigung der Umweltkriterien in Frage kommt.»

Aus Sicht des Landwirtschaftsschutzes seien keine Schutz- oder Inventargebiete von nationaler, kantonaler oder kommunaler Bedeutung betroffen, steht im Erläuterungsbericht des Richtplans geschrieben. Für den Bubiker Gemeinderat ist der geplante Standort allerdings durchaus schützenswert. Gemäss der IG liegen sechs Prozent der Anlage in der Gewässerschutzzone.

Verlust von Kulturland

«Die Überbauung hätte den Verlust von Kulturland und biologisch-dynamisch bewirtschafteter Fruchtfolgefläche zur Konsequenz», schreibt Gemeindepräsidentin Andrea Keller (parteilos) in einer Mitteilung. Für Bürgerinnen und Bürger ginge Naherholungsgebiet verloren und das Landschaftsbild der Ritterhausgemeinde würde erheblich beeinträchtigt.

«Der Gesamt-Gemeinderat wurde am 11. November vom zuständigen Ressortvorstand informiert.»

Andrea Keller, Gemeindepräsidentin von Bubikon

Im Weiteren wäre die Anlage mit einem Nachtbetrieb von 1 Uhr bis 5 Uhr und mit verschieden gelagerten Emissionen eine hohe Belastung für die Natur und die Bewohner des nahen Siedlungsgebietes. «Die Brach und der Fuchsbühl sind Lebensraum für geschützte Tierarten.» Im Weiler Brach lebten im «Züriwerk» zudem Menschen mit Beeinträchtigung, die besonderen Schutzes bedürfen.

Alternativer Standort

Zusammen mit der Interessengemeinschaft Pro Brach Fuchsbühl setze sich der Gemeinderat dafür ein, dass diese Anlage an einem alternativen Standort erstellt werde. «An einem Standort, der für Umwelt und Anwohner besser verträglich ist.»

Zum ersten Mal hätten Vertreter des Gemeinderates Bubikon am 27. Oktober dieses Jahres  von den Plänen der SBB gehört, sagt Andrea Keller. Dazu habe es eine Einladung mit Vertretern vom Kanton, der SBB und dem ZVV gegeben. «Der Gesamt-Gemeinderat wurde am 11. November vom zuständigen Ressortvorstand informiert.»

Planungsprozess starten

Die SBB habe Kenntnis von der IG, sagt Mediensprecher Hirt. Auf die Frage, ob es stimme, dass durch den Bau acht Hektaren Fruchtfolgefläche und rund 630 Laufmeter Hecken zunichte gemacht werden, sagt Hirt: «Wir stehen noch am Anfang des Planungsprozesses.»

«Wir werden sie frühzeitig informieren und in den Prozess involvieren, sobald die Projektgrundlagen in der Machbarkeitsstudie erarbeitet sind.»

Raffael HIrt, SBB-Mediensprecher

Parallel zum mehrjährigen Richtplanverfahren würde die SBB im Auftrag des Bundesamtes für Verkehr (BAV) den Planungsprozess für die erwähnten Abstellanlagen starten.

Frühzeitige Information

In einer Machbarkeitsstudie erarbeite die SBB bis voraussichtlich Ende 2021 die Grundlagen für die weitere Projektierung. Dazu gehörten die Entwicklung der Bestvariante, Kostenschätzungen sowie die Auswirkungen des Projektes auf Anwohnerinnen und Anwohner sowie Umwelt.

In der Projekterarbeitung sei der SBB der Schutz der betroffenen Anrainerinnen und Anrainer vor den Emissionen der Anlage ein grosses Anliegen. «Wir werden sie frühzeitig informieren und in den Prozess involvieren, sobald die Projektgrundlagen in der Machbarkeitsstudie erarbeitet sind.»

Familienzelte abbrechen

Aus heutiger Sicht könne man frühestens 2027 mit dem Bau beginnen, so Hirt. Jürg Raths zeigt sich allerdings zuversichtlich, dass es erst gar nicht so weit kommt.

Ist das Unterfangen allerdings erfolglos, und die Abstell- und Serviceanlage in Bubikon kommt in dieser Form zu stehen, sieht Raths die Hälfte seines Hofes durch Enteignungen verloren. «Dann werden wir unsere Familienzelte wohl abbrechen.»

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