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Präsident von Zürcher Heimverband im Interview

«Alle müssen sich so verhalten, als wären sie positiv getestet»​​​​​​​

Im Bezirk Hinwil ist es in zwei Heimen zu grossen Corona-Ausbrüchen gekommen. Wie sich dies verhindern lässt und welche Massnahmen nicht greifen, sagt André Müller, Präsident des kantonalen Heimverbands Curaviva.

Tanja
Bircher
Dienstag, 24. November 2020, 06:50 Uhr Präsident von Zürcher Heimverband im Interview
André Müller, Präsident des Zürcher Heimverbandes Curaviva, sagt, auf Demenzabteilungen sei die Ansteckungsgefahr sehr gross.
Foto: PD

Herr Müller, in Wetzikon gibt es momentan fast gleich viele Corona-Infizierte in Heimen wie in der ganzen Stadt Zürich. Im Bezirk Hinwil sind es sogar mehr. Haben Sie eine Erklärung für diese Häufung?
André Müller*: Ich bin überzeugt, dass die Häufung nichts mit dem Bezirk zu tun hat. Die Hauptproblematik liegt daran, dass es ausserordentlich schwierig ist, einen Ausbruch in einer Institution zu stoppen.

In Wetzikon haben sich in einem Demenzheim 70 Personen angesteckt, in Obwalden waren es in einer ähnlichen Institution 60 Personen. Ist dies Zufall? 
Nein. Auf spezialisierten Demenzabteilungen ist es besonders schwierig, weil angesteckte Bewohnerinnen kaum oder nicht isoliert werden können. Die Chance einer Ausbreitung des Virus ist sehr gross.

Eine Pflegende aus der Region nennt die Besucher als Problem, weil sich diese offenbar nicht an die verordneten Schutzmassnahmen halten. Beobachten Sie das auch?
Tatsächlich stellen wir in vielen Institutionen fest, dass sich nicht alle Besucherinnen an die Hygienevorschriften, die Maskenpflicht oder den Abstand halten können oder teilweise wollen. Die Heim-Angestellten werden oftmals zu «Polizisten», was sehr unangenehm sein kann. 

Ebenfalls mitschuldig am Problem sind die Pflegenden selbst, die sich in ihren Familien anstecken und das Virus dann ins Heim einschleppen. Lässt sich das überhaupt verhindern?
Es ist so, dass die Mitarbeitenden der Pflegeinstitutionen auch ein Privatleben haben. Solange die Fallzahlen so hoch sind wie jetzt, kann es dort zu Ansteckungen kommen. Wichtig ist natürlich, dass alle Mitarbeitenden, die Symptome aufweisen, schnellstmöglich getestet werden. Dies führt zu einer höheren Sicherheit für die Bewohnerinnen und Bewohner. 

Offenbar lassen aber gewisse Heime ihre Mitarbeitenden bewusst nicht testen, weil es sonst zu einem Personalengpass kommen könnte. 
Das ist fahrlässig, wenn Mitarbeitende Symptome haben. Es braucht klare Abläufe und Strukturen, die für die Mitarbeitenden gültig sind. Diese Abläufe müssen beschreiben, wie und wann und gegebenenfalls mit welchen zusätzlichen Massnahmen jemand arbeiten darf oder eben nicht.

Wie meinen Sie das?
Als Beispiel: Wenn jemand leichte Erkältungssymptome hat (ohne Fieber), geht er zum Test, kann aber arbeiten mit höchsten Hygienemassnahmen und muss seine Pausen alleine verbringen, bis das Testresultat vorliegt.  

Was halten Sie davon, dass Mitarbeiter im Falle eines Engpasses aus der Quarantäne geholt werden dürfen?
Dies ist meiner Meinung nach opportun und richtig. Es ist einfach zwingend, dass diese Personen keine Symptome haben und selbstverständlich nicht positiv getestet wurden. Es gibt allerdings nur eine​​ einzige Massnahme, die verhindert, dass das Virus überhaupt ins Heim kommt. 

Und die wäre?
Alle Externen – Besucher, Mitarbeitende, Therapeuten, Ärzte, Handwerker – müssen sich immer so verhalten, als wären sie positiv getestet und ansteckend.

Was kann man noch tun, wenn das Virus bereits im Haus ist, damit es sich nicht von Abteilung zu Abteilung ausbreitet?
Die betroffenen Abteilungen müssen isoliert werden und das Personal darf natürlich nicht auf mehreren Abteilungen eingesetzt werden.

Kommen wir noch einmal zurück zur Häufung im Oberland. Während der ersten Welle sind dort weniger Personen in Heimen erkrankt oder gestorben. Ist es möglich, dass die Oberländer Besucher und Bewohner im Vergleich zu jenen in Zürich den Ernst der Lage deshalb nun verkennen?
Ich glaube nicht, dass es gravierende Unterschiede im Verhalten der Bevölkerung gibt, die regional festgemacht werden können. Wir alle haben ab und zu genug vom Virus, von den Massnahmen und den Belastungen. In der ersten Welle waren grundsätzlich weniger Menschen erkrankt und die Massnahmen waren mit dem Lockdown viel gravierender. Es ist tatsächlich schwierig die Massnahmen über eine so lange Zeit so hoch zu halten. Aber wir alle müssen durchhalten, damit die Fallzahlen sinken.

*André Müller ist Präsident des Zürcher Heimverbandes Curaviva und leitet das Kompetenzzentrum Pflege und Gesundheit im Zürcher Unterland.

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