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Repräsentative Studie

Häusliche Gewalt nimmt seit Lockdown zu

Innerfamiliäre Konflikte und Gewalt nahmen nach dem Ende des Lockdown eher zu als ab. Das zeigt eine repräsentative Bevölkerungsbefragung der Hochschule Luzern. Die Studie hat untersucht, wie sich das Zusammenleben in den Familien während des Lockdown und in den ersten Monaten danach entwickelt hat.

Redaktion
Züriost
Samstag, 14. November 2020, 08:39 Uhr Repräsentative Studie
Symbolfoto: Pixabay

Aussagen zur Entwicklung der Fallzahlen häuslicher Gewalt während der Corona-Pandemie beruhten bisher in erster Linie auf Auswertungen von polizeilich bekannten Fällen und Beratungszahlen von Opferhilfestellen, schreibt die Hochschule Luzern (HSLU) in einer Mitteilung. «Unabhängig von der Pandemie ist jedoch bekannt, dass sich nur wenige Betroffene an die Polizei oder Beratungsstellen wenden», sagt Paula Krüger, Gewaltforscherin an der HSLU.

Zwei Forscherinnen des Departements Soziale Arbeit der Hochschule haben nun zu diesem Thema eine repräsentative Langzeitstudie erarbeitet. Gemeinsam mit dem Umfrageinstitut GFS befragten sie in der ganzen Schweiz 1037 Personen nach ihrem Befinden während des Lockdowns und während eines Zeitraums von vier Wochen im Sommer.

Kein Garten – mehr Spannungen

Die Mehrheit der befragten Personen beschrieb das Klima in ihren Familien während beider Zeiträume als eher harmonisch. Jeweils gut ein Viertel berichtete jedoch von Reibereien oder Spannungen. «Familien, die in einem Haus oder einer Wohnung mit Garten oder Terrasse wohnen, haben ihr Familienleben während des Lockdown als harmonischer beschrieben also solche ohne», so Krüger.

Zudem zeigt sich gemäss Studie ein Zusammenhang zwischen der Einkommenssituation der Familien und dem Familienklima. Je grösser die Schwierigkeiten einer Familie, mit dem Einkommen zurechtzukommen, desto häufiger berichteten sie von Spannungen. Das Gleiche trifft für Familien zu, in denen die Eltern ihre Kinder zumindest zum Teil neben der Arbeit betreuen mussten.

Mehr Gewalt gegen Kinder

Die Forscherinnen haben untersucht, ob es im Laufe der Corona-Pandemie bei den befragten Familien zu innerfamiliärer Gewalt gekommen ist und wie sich die Situation im Sommer entwickelt hat. 5,5 Prozent der Befragten gaben an, dass sie während des Lockdown mindestens einer Form von innerfamiliärer Gewalt durch eine andere erwachsene Person ausgesetzt gewesen seien. Im Sommer gingen die Zahlen zwar leicht zurück auf 5,2 Prozent, allerdings wurde hier ein kürzerer Zeitraum von vier Wochen betrachtet im Vergleich zum doppelt so langen Lockdown.

«Die Pandemie erzeugt keine neuen Risikofaktoren, sie setzt bei bekannten Faktoren an und wirkt verstärkend.»

Paula Krüger, Gewaltforscherin an der Hochschule Luzern

Eine deutliche Zunahme zeigte sich bei der Gewalt gegenüber Kindern: 4,5 Prozent der Befragten, die mit Kindern in einem Haushalt leben, gaben an, während des Lockdown einem Kind gegenüber gewalttätig geworden zu sein. Im Sommer waren es 5,6 Prozent. Insgesamt am häufigsten wurde von psychischer Gewalt berichtet – insbesondere von wiederholten Beschimpfungen. Vergleichsweise wenige Befragte gaben an, Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt geworden zu sein.

Pandemie verstärkt Risikofaktoren

Bei der innerfamiliären Gewalt zeichne sich das gleiche Muster ab wie beim wahrgenommenen Familienklima, so Krüger. «Die Pandemie erzeugt keine neuen Risikofaktoren, sie setzt bei bekannten Faktoren an und wirkt verstärkend.»

Ein Vergleich mit Zahlen zu innerfamiliären Gewalterfahrungen in der Zeit vor dem Lockdown sei allerdings schwierig: «Üblicherweise decken Befragungen zu Gewalterfahrungen in Familien einen viel grösseren Zeitraum ab», so Krüger. Deshalb liessen sich zum jetzigen Zeitpunkt nur Aussagen über die Entwicklung der Zeit von April bis August machen.

Laut Krüger sieht es bisher allerdings nicht so aus, als sei es im Frühjahr zum befürchteten starken Anstieg von innerfamiliärer Gewalt gekommen. Dennoch scheine die Pandemie Folgen für das Familienklima zu haben. «Die Resultate deuten darauf hin, dass die lange Dauer der Pandemie an den Nerven der Bevölkerung nagt, was zu mehr Spannungen und Konflikten bis hin zu Gewalt in den Familien führen kann.»

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