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Züriost-Wettbewerb Schreibstar

Pinselstrich

Von Lucija Andrijanic aus Uster. Wer für die Geschichte der 30-Jährigen stimmen möchte, sendet den Buchstaben F per SMS an die Nummer 079 807 10 10.

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Dienstag, 10. November 2020, 19:58 Uhr Züriost-Wettbewerb Schreibstar
Symbolfoto: pixabay.com / Capri23auto

Wie würdest du die Farbe Rot einer Person beschreiben, die sie nicht sehen kann? Oder die Farbe Blau? Vielleicht blau wie das Meer oder blau wie der Himmel. Doch was, wenn die Person noch nie das Meer oder den Himmel gesehen hat? Was, wenn sie noch nie Farben gesehen hat?

Die Gabe des Sehens ist für 325'000 Personen in der Schweiz etwas, mit dem sie nicht gesegnet sind. Mit mir sind es in Kürze eine Person mehr. Was ich gefühlt habe, als mir der Augenarzt gesagt hat, dass ich erblinden werde? Wie würdest du dich fühlen, wenn man dir sagt, dass du morgen stirbst. Vielleicht in etwa so.

Für mich bedeutet das den Tod. Mein Leben hört auf. Freunde würden vielleicht sagen: «Du schaffst das, du bist stark!», oder sie schiessen unüberlegt einen Spruch in meine Richtung:

«Dafür wirst du besser hören können!»

Schneidet mir meine Ohren oder meine Zunge ab, ja sogar Hände und Füsse, doch nimmt mir nicht meine Augen. Seit ich denken kann, male ich. Nicht so, wie eine Hausfrau, die nebenbei anhand eines Youtube-Tutorials etwas auf eine Leinwand klatscht. Nein. Ich verbringe Tag und Nacht mit der Farbe. Ich habe keine Wohnung. Mein Atelier ist meine Wohnung. Ich habe keinen Ehemann, denn ich führe mit meinen Bildern und Farben eine Ehe, die viel intensiver ist, als es zu einem anderen Menschen überhaupt möglich wäre.

Meine Leinwand lügt mich nicht an und versucht mir nichts vorzumachen. Berührt mich oder treibt mich in den Wahnsinn. Manchmal male ich wochen- oder monatelang an einem Bild. Führe jeden Pinselstrich so aus, wie ich es mir in Gedanken vorgestellt habe. Bevor ich dann den nächsten setzte, überlege ich oft über eine Stunde, ob es wohl das ganze Kunstwerk ruinieren könnte.

Ein Pinselstrich ist nichts Unwichtiges. Es kann über Erfolg oder Niederlage entscheiden. Seit ich ein Kind war, fühlte ich mit meinem Pinsel eine Verbindung, die ich sonst noch nie so gespürt hatte. Ist das Leidenschaft? Man drückte ihn mir in die Hand, und alles um mich war vergessen. Nur das leere Blatt und ich existierten in dieser Welt, in diesem Moment.

Vielleicht stimmt der Spruch bei mir, dass es mir in die Wiege gelegt wurde. Vielleicht ist es Schicksal, dass ich heute mit vierzig davon Leben kann. Dass ich regelmässig Galerien fülle, wo Fremde über mein Werk urteilen, es versuchen zu interpretieren und glauben, mich durch meine Kunstwerke verstehen zu können. Es ist grotesk, denn ich verstehe selber nicht, wie es entstanden ist.

Das Bild schiesst einfach in mein Kopf, es ist plötzlich da, und dann muss ich es sofort auf irgendetwas niederschreiben. Egal, ob auf der Migros-Quittung, einer Serviette im Restaurant oder auf dem Toilettenpapier beim Pinkeln.

«Frau Favre, es tut mir leid, Ihnen mitzu teilen, dass sich Ihre Netzhaut abgelöst hat und der Defekt sehr gross ist.»

Ich höre immer noch die Stimme des Augenarzts, die so klingt, als hätte sie diese Konversation schon zu oft gesprochen. Eine Stimmlage, die ruhig und doch gewissenhaft klingt. Diese Sorgenfalte zwischen seinen Augenbrauen, die Mitgefühl vermittelt. «Wann?», war meine einzige Frage.

Ich steckte gerade in der Anfangsphase meines nächsten Bildes. «Vielleicht drei, vier Monate, bis sie komplett erblinden. Zuerst werden Sie leichte Verluste…», doch ich hörte nicht mehr zu.

Seine Worte erstickten im kalt wirkenden Behandlungsraum. Ich verliess die Praxis und lief direkt in die Apotheke, um mir Schlaftabletten zu besorgen. In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Mein Projekt. Ich muss es dringend umändern. Es wird das letzte sein, dass ich fertigen werde.

Es muss aussergewöhnlich werden. Ich eile nach Hause, verschliesse die Tür im Atelier. Darin ist es totenstill, ich inhaliere den Geruch der Farbe. Blicke auf die unzähligen Bilder. Dann breche ich in Tränen aus. Ich sacke zusammen, während ich immer noch in meinem Mantel stecke und die Handtasche um meine Schulter liegt. Es vergeht eine Stunde, bis ich mich beruhige. Während ich weine, starre ich auf die Kunstwerke um mich, als wären es gute Freunde.

Alle diese Farben. Von Purpur über Türkis bis Gelb. Ich werde sie nie wiedersehen. Ich stehe auf. Meine Beine sind noch so weich wie Pudding. Ich schlüpfe in meinen Overall und arbeite die Nächte durch. Die Sonne scheint morgens und verschwindet abends wieder, ohne das ich es wahrnehme.

Ich vergesse zu essen und vergesse die Welt ausserhalb. Dann setzte ich meinen letzten Pinselstrich. Noch nie habe ich so lange darüber nachgedacht. Ich sehe mir mein Werk an. Ein Werk, dass den Tod zeigt. Das Ende. Mein Abschied. Möge es geliebt werden, so, wie ich es liebe.

Ich nenne es, «Gestohlene Leidenschaft».

Dann greife ich in meine Handtasche, zücke die Schlafmittel hervor, die ich nach dem Augenarzt geholt habe. Ich sitze vor dem Bild und nehme eine Pille nach der anderen in den Mund, spüle sie mit Alkohol meine trockene Kehle runter. So endet meine Geschichte also. Irgendwann endet alles Gute, oder? Lieber sterbe ich, als nie wieder Farben sehen zu können.

Kategorie Erwachsene
Von Lucija Andrijanic aus Uster. Wer für die Geschichte der 30-Jährigen stimmen möchte, sendet den Buchstaben F per SMS an die Nummer 079 807 10 10. Möglich ist eine einmalige Teilnahme bei der Abstimmung.

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